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Besuch bei Mestre Russo

Unterwegs in Lissabon

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. So auch Wolfgang Schmitt. Er hat vor kurzen Lissabon, die Hauptstadt Portugals besucht und sich dort auf die Suche nach einer sehr alten portugiesischen Kampfkunst gemacht - dem "Jogo do Pau“.

Nuno Russo treffe ich vor dem Ginasio Club Portugues, der Talenteschmiede des portugiesischen Sports. Russo kommt mit seiner Vespa; er sagt, es ist das beste Verkehrsmittel für ihn durch den dichten Lissabonner Verkehr. Nuno Russo ist ständig in Sachen Jogo do Pau unterwegs. Es ist seine Mission. Er ist der Botschafter dieser portugiesischen Stockkampfkunst. Und: Er ist darin der Meister schlechthin. Es werden fünf sehr anstrengende Tage, die ich mit Mestre Russo, mit Meister Russo verbringen werde. Fünf Tage mit Muskelkater, der Entdeckung von Körperpartien, die sonst weniger trainiert werden, fünf Tage mit Blasen an den Händen, fünf Tage, die mein Verhältnis zum Stock grundsätzlich verändern werden.

Nur scheinbar spielerisch

"Jogo do Pau" heisst wörtlich "Spiel mit dem Stock". Wobei diese Kunst kaum etwas mit einem Spiel zu tun hat. Treffer mit diesem circa 600 Gramm schweren und etwa 160 cm langen Holz können Knochen zerschmettern. Das Verb "jogar" - "spielen"- meint Nuno Russo, kann früher auch eine andere Bedeutung gehabt haben, in etwa: den Stock werfen oder wirbeln. Früher, das ist einmal das Mittelalter, wo die Techniken dieser Kampfkunst in einigen wenigen Publikationen zum ersten Mal aufgezeichnet sind. Früher, das ist aber vor allem das neunzehnte Jahrhundert, von dem es heißt, dass fast jeder mit dieser traditionellen Kampfkunst zumindest umgehen konnte. Es ist eine Kampfkunst, die bis zum ersten Weltkrieg weit verbreitet war und vom Bauern bis zum König ausgeübt wurde. Danach in Vergessenheit geraten, erlebt das Jogo do Pau in den siebziger Jahren eine kleine Renaissance, wird neu entdeckt und heute wieder an einigen Orten im Land praktiziert, dies allerdings von nur einigen wenigen: Gerade mal an sechs Schulen in ganz Portugal wird Jogo do Pau im Rahmen des Schulsports unterrichtet. Die Ausrichtung als Wettkampfsport mit Schutzausrüstung ist ein weiterer Aspekt einer Erweiterung, die eine größere Verbreitung des Jogo do Pau erreichen soll.

Die Ursprünge lassen sich in den Norden Portugals zurückführen, in die Gegend des Minho, wo vor allem Hirten und Bauern mit dem Stock umzugehen wussten. Eine zweite "Schule" entwickelte sich in und um Lissabon. Einflüsse aus asiatischen Stockkampfkünsten, wie an anderen Stellen oftmals verzeichnet, gibt es keine, wenngleich die Geschichte Portugals als Nation von Seefahrern und Eroberern dies nahe legen könnte. Das Jogo do Pau ist eine originäre portugiesische Kampfkunst, betont Russo.