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Hendrik Rubbeling

Taekkyon-Pionier in Deutschland

Vor rund zehn Jahren lernte Hendrik Rubbeling durch Zufall das Taekkyon kennen. Heute – zwei Korea-Aufenthalte und zahllose Trainingsstunden später – besitzt er den 1. Dan in der traditionellen koreanischen Kampfkunst und ist DER deutsche Taekkyon-Experte. Wir sprachen mit ihm über seine Erlebnisse und Beweggründe.

TA: Herr Rubbeling, wie sind Sie auf Taekkyon aufmerksam geworden?
Hendrik Rubbeling: Auf einer Party in Jülich wurde mir ein koreanischer Physiker vorgestellt, der neu in der Stadt und auf der Suche nach einem Taekwondo-Verein war. Ich trainierte selbst sowohl Taekwondo als auch Hapkido und sollte mich der Sache annehmen. Wir kamen ins Gespräch und dabei stellte sich heraus, dass der Koreaner namens Jun Samuel Kyong-hoon eigentlich gar nicht Taekwondo trainierte, sondern etwas, das er als ‚antikes Taekwondo‘ beschrieb. Er wollte den Namen der Sportart erst gar nicht nennen, weil er dachte, die würde in Deutschland sowieso niemand kennen. Schließlich erklärte er mir aber doch, dass es sich dabei um Taekkyon handelte. Ich war verblüfft, denn mein Jülicher Taekwondo-Verein hieß ‚Korean Martial Arts Taekyon e.V.‘ und ich war bis dahin der Meinung gewesen, Taekkyon sei ein reiner Vorläufer des Taekwondo, der heute nicht mehr praktiziert wird. Meine Neugier war geweckt.

TA: Wie war ihr erster Eindruck vom Taekkyon?
Hendrik Rubbeling: Ich fragte meinen neuen koreanischen Bekannten, ob er mir Taekkyon-Techniken zeigen würde. Auf den ersten Blick war klar, dass es sich dabei nicht um ‚antikes Taekwondo‘ handelt, sondern um eine eigenständige Sportart. Auffällig waren vor allem die fließenden, tänzerischen Bewegungen, der Rhythmus und die ganz neuen Beintechniken im tiefen Bereich, die ich zuvor weder beim Taekwondo noch beim Hapkido gesehen hatte.

TA: Was hat Sie dazu bewogen, mit dem Taekkyon-Training zu beginnen?
Hendrik Rubbeling: Mir gefiel, dass der traditionelle Taekkyon-Wettkampf nicht so hart ist wie die meisten modernen Kampfsportarten: Viele Kicks im Taekkyon sind Drucktritte und deshalb weicher als ein Treffer im Taekwondo. Es gibt generell keine Punkte für Körpertreffer, denn das Ziel ist es, den Gegner zu Fall zu bringen oder am Kopf zu treffen. Gelingt einem dies, endet der Kampf sofort. Ein Taekkyon-Wettkampf kann durchaus 30 Minuten am Stück dauern, aber die Gefahr, dass einer der beiden Kontrahenten dabei K.O. geht oder größere Blessuren davon trägt, ist sehr gering – und das, obwohl keine Schutzausrüstung getragen wird.

TA: Im Taekkyon soll es ja auch relativ extreme Techniken wie Kopfstöße geben – widerspricht das nicht dem Bild von der „weichen“ Kampfsportart.
Hendrik Rubbeling: Tatsächlich gibt es auch harte Techniken, wie Kopf-, Knie- und Ellbogenstöße und „Dirty Tricks“. Allerdings werden diese Techniken nicht an Anfänger vermittelt und kommen vor allem in der Selbstverteidigung, nicht aber im Wettkampf, zur Anwendung.

TA: Wie verlief Ihr Einstieg ins Taekkyon-Training?
Hendrik Rubbeling: Mich hatte das Taekkyon-Fieber gepackt und so trafen Meister Jun und ich uns fast täglich im Sportraum des Studentenwohnheims, um zu trainieren. Meister Jun kehrte leider nach einem Jahr 2001 nach Korea zurück und ich war erst einmal auf mich allein gestellt. Denn es fand sich in meinem Taekwondo-Verein niemand, der meine Leidenschaft für das Taekkyon teilte. Etwa ein Jahr trainierte ich selbständig, bis ich die Gelegenheit hatte, ein Praxissemester in Korea zu absolvieren. Ich hatte mich vorab informiert und festgestellt, dass es ganz in der Nähe zu meiner Praktikumsstelle eine Universitäts-Taekkyon-Gruppe gab. Leider traf sich diese Gruppe aber nur zweimal wöchentlich und das war mir zu wenig. Ich schloss mich deshalb an einen anderen Club an, der sich jeden Tag traf. So konnte ich an fünf Abenden in der Woche jeweils zweieinhalb Stunden trainieren. Ich legte etwa alle vier Wochen eine Doppelprüfung ab und bestand nach sechs Monaten die Prüfung zum 1. Dan.

TA: Was hat Sie dazu bewogen, sich so intensiv gerade mit Taekkyon zu beschäftigen?
Hendrik Rubbeling: Ich war damals Anfang 20 und entsprechend abenteuerlustig: Ich sagte mir einfach: ‚Wenn nicht jetzt, wann dann?‘ Außerdem tat und tut mir Taekkyon einfach gut. Es ist ein sehr wirkungsvolles Gesundheitstraining, das jeder Art von Verspannungen entgegenwirkt, gleichzeitig ist es aber spielerischer und „actionreicher“ als zum Beispiel Taichi.

TA: Waren Sie der einzige Nicht-Koreaner in der Taekkyon-Gruppe?
Hendrik Rubbeling: Ich war der einzige, wurde aber sehr gut integriert und freundlich aufgenommen. Hin und wieder kommt es zwar vor, dass Ausländer in Korea Taekkyon erlernen, es ist aber doch eine Seltenheit.

TA: Wie viele Taekkyon-Sportler gibt es in Korea und weltweit?
Hendrik Rubbeling: In Korea gibt es etwa 15 000 Aktive, davon sind etwa 10 000 im größten Verband, der Korea Taekkyon Association, organisiert. Im Vergleich zu 5 Millionen Taekwondo-Sportlern ist das natürlich eine relativ kleine Gruppe. In den 80er und 90er Jahren hatte Taekkyon in Korea einen kleinen Boom erlebt und die Sportlerzahlen waren von einer Handvoll auf die jetzige Stärke angewachsen. In den letzten zehn Jahren ist der Zuwachs nicht mehr gravierend. Weltweit gibt es Taekkyon-Sportler außer in Deutschland auch in Frankreich, Norwegen und England, außerdem im Russland, Japan, China und den USA.

TA: Wie verlief Ihre Taekkyon-Laufbahn nach Ihrer Rückkehr aus Korea?
Hendrik Rubbeling: Ich war 2003 noch einmal für zwei Monate in Korea, konnte aber keine weitere Prüfung ablegen, da meine Koreanisch-Kenntnisse für den Theorie-Test nicht ausgereicht hätten. Heute gibt es aber in Frankreich zwei Taekkyon-Sportler, die den 4. Dan besitzen – bei Ihnen kann man nun die Prüfung auch auf Englisch ablegen. Ich unterrichtete zunächst an der Hochschule Jülich, zog dann aber aus beruflichen Gründen nach Hamburg , wo ich eine neue Taekkyongrupppe gründete. Außerdem habe ich den „Deutschen Taekkyon Zirkel“ ins Leben gerufen, in Anlehnung an die koreanischen Hochschulgruppen, die sich ebenfalls „Zirkel“ oder „Kreis“ nennen. In diesem Rahmen entstanden bisher zwei weitere Taekkyon-Gruppen in Lübeck (Leitung Marc Sauer) und Schwarzenbek (Leitung Oliver Blöse). Für die nähere Zukunft ist geplant, dass wir einen eingetragenen Verein gründen.

TA: Sie kommen selbst vom Taekwondo und betreiben heute Taekkyon – wo sehen Sie Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede?
Hendrik Rubbeling: Grundsätzlich ist festzustellen, dass es mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten gibt. Beide Sportarten arbeiten vor allem mit Fußtechniken. Die Techniken selbst weisen nur wenige Parallelen auf. In der Grundtechnik gibt es völlig unterschiedliche Konzepte: Im Taekwondo wird eine Bewegung mit Kraft ausgeführt, anschließend kommt ein kurzer Moment des Arretierens oder sogar eine kurze Pause. Taekkyon-Sportler dagegen sind immer in Bewegung und die Bewegungen haben keinen Endpunkt, sondern laufen rund und fließend weiter. In beiden Sportarten gibt es Wettkämpfe und den Formenlauf. Wettkampf ist im Taekkyon sehr traditionell, es gibt ihn seit mindestens 200 Jahren, aber Formen wurden erst in den 1970ern entwickelt.
Die Stimmung bei einem Taekkyon-Wettkampf ist regelrecht fröhlich, ein echter Taekkyon-Sportler ist auch während des Wettkampfs auf positive Gefühle fokussiert und innerlich wie äußerlich locker. Wo sich die Gegner im Taekwondo eher mit Respekt begegnen, ist die Grundstimmung im Taekkyon freundschaftlich. Das bringen auch die Regeln mit sich: Zu harte Körpertreffer sind verboten.
Anders ist es in der Taekkyon-Selbstverteidigung, in der die harten Techniken zur Anwendung kommen. Man sollte sich durch die weichen, fließenden Bewegungen des Taekkyon nicht täuschen lassen: Die Sportart erscheint weniger martialisch, aber was locker oder „weich“ aussieht, ist durchaus wirkungsvoll.

TA: Wo haben Taekwondo-Sportler, die Taekkyon kennenlernen möchten, die Gelegenheit dazu?
Hendrik Rubbeling: Zum einen in den Vereinen in Hamburg, Lübeck und Schwarzenbek, aber auch in anderen deutschen Städten gibt es vereinzelt Fortgeschrittene im Taekkyon. Ab Oktober 2011 wird es zudem eine spezielle Taekkyon-Ausbildung für Trainer aus anderen Kampfkünsten geben. Der Lehrgang findet in Hamburg statt und dauert ein Jahr mit monatlich ein bis zwei Trainingstagen. Bei regelmäßiger Teilnahme und Trainingserfolg kann anschließend die Taekkyon-Danprüfung abgelegt werden, welche dann zum selbständigen Unterrichten befähigt.

TA: Herzlichen Dank für dieses Gespräch und viel Spaß und Erfolg mit Taekkyon.

Info:
Unter www.taekkyon.de finden sich Informationen über die Sportart und die Aktivitäten des Deutschen Taekkyon Zirkels.

 


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