english
Taekwondo Aktuell Startseite
 
 

Der Video-Referee – der unparteiischere Unparteiische?

Autor: Prof. Dr. Park, Soo-Nam

Wir alle wünschen uns Fairness im Taekwondo. Deshalb ist die Idee eines Video-Referees sehr attraktiv. Es wäre zweifellos eine gute Sache, eine höhere Instanz vor Ort zu haben, die in Zweifelsfällen entscheidet. Dass Problem ist nur, dass an einem Taekwondo-Turnier so viele Parteien beteiligt sind, dass es ziemliche viele Zweifelsfälle gibt: Sportler, Trainer und Offizielle sind verständlicherweise für sich selbst und ihr Team. Das ist menschlich. Wer würde schon in einem wichtigen Turnier antreten, wenn er nicht an sich, seinen Sportler oder sein Team glaubt? Wer gewinnen möchte, muss Siegeswillen haben.

 

Selbstkritik ist gut im Training – nicht auf der Kampffläche. Deshalb behaupten Sportler und Trainer auch regelmäßig, dass ihr Treffer ein Punkt war. Das ist vor allem dann der Fall, wenn sich ein Turnier dem Ende zuneigt und die besonders wichtigen Kämpfe, die Viertel-, Halbfinales und Finales stattfinden. Dann versuchen die Beteiligten alles, um zu gewinnen und es ist keine Frage, dass sie schon beim leistetsten Zweifel an den Video-Referee appellieren würden. Gerade die interessantesten Kämpfe würden mehrfach unterbrochen und am Ende wären sie vielleicht fairer, aber nicht mehr besonders interessant. Taekwondo ist noch immer weit davon entfernt, ein Zuschauer-Sport zu sein und das Medien-Interesse hält sich in Grenzen. Wenn wir einen Video-Referee einführen, können wir in dieser Hinsicht keine Verbesserung erwarten.

 

Natürlich könnten wir die Zahl der möglichen Appelle an den Video-Referee auf eine bestimmte Zahl pro Team und Turniertag oder auch pro Kampf limitieren. Aber wenn die Video-Referee-Methode als Königsweg zur Fairness betrachtet wird, limitieren wir damit auch das Fair-Play. Das ist nicht wünschenswert, vor allem nicht, weil die Autorität der „echten“ Referees auf der Kampffläche und der Punktrichter abnehmen würde, je mehr wir dem Video-Referee vertrauen. Wenn wir die Zahl der Appelle limitieren, hätten wir genau so viele unzufriedene Coaches und Kämpfer wie heute – wenn nicht noch mehr. „Ich hätte gewonnen, wenn ich den Video-Referee hätte fragen können“ wird lediglich die Behauptung ersetzen „Ich hätte gewonnen, wenn die Kampfrichter mir für meinen letzten Treffer einen Punkt gegeben hätten.“ Außerdem ist natürlich auch der Video-Referee nur ein Mensch. Wie viele Kameras und wie viele Blickwinkel würden wir wohl benötigen, bis ein Sportler, der von sich überzeugt ist, glaubt, dass er den Punkt einfach nicht gemacht hat? Und wie lange würde es dauern, alles genau anzuschauen und einen Entschluss zu fällen?

 
Korea_verzweifelt1.jpg

Wir hatten einige spektakuläre Fehlurteile in der jüngeren Vergangenheit. Aber glücklicherweise sind Vorfälle wie im Kampf Sarah Stevenson gegen Chen Zhong nicht die Regel im Taekwondo. Sollten wir wirklich Maßnahmen treffen, um auf diese Sonderfälle vorbereitet zu sein, und dafür in Kauf nehmen, Taekwondo völlig zu verändern? Fehlentscheidungen gibt es in jeder Sportart. Was würden wir gewinnen, wenn wir mit Kanonen auf Spatzen schießen? Wir würden einen ziemlich langweiligen Sport erhalten, in dem gerade die Kämpfe ständig unterbrochen werden, die am interessantesten sein sollten. Wir würden die Position unserer Referees untergraben ohne etwas anderes wirklich zu stärken. Denn wir können niemals so viele Apelle an den Video-Referee zulassen, wie wir bräuchten um auch den letzten leisen Zweifel auszuräumen. Und wenn wir das nicht können, kann der Video-Referee nicht die großen Erwartungen erfüllen, die Sportler, Trainer und Offizielle in ihn setzen. Wesentlich besser wäre es, wenn wir uns endlich auf die Kampfrichter und Punktrichter konzentrieren, die wir heute schon haben. Wir brauchen noch immer eine bessere Kampfrichter-Ausbildung, weltweit gültige Standards im Kampfrichterwesen und transparente Kriterien für die Kampfrichter-Nominierung. Wir würden eine ganze Menge gewinnen, wenn wir und darauf konzentrieren würden.