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Auf den Punkt gebracht

Autor: Soo Nam Park

Ein einzelner Punkt kann einen Kampf entscheiden. Er kann einen Traum Wirklichkeit werden lassen oder eine Kämpfer-Karriere beenden. In der Theorie ist ein Punkt also sehr wertvoll. Aber in unseren Kämpfen ist das nicht der Fall. Ein Punkt mehr oder weniger in der ersten Runde macht keinen großen Unterschied – es folgen ja noch zwei weitere Runden.

 

In der zweiten oder dritten Runde, wenn ein Kämpfer bereits führt, wird ein einzelner Punkt das Ergebnis des Kampfes nicht mehr verändern. Das Resultat zeichnet sich bereits ab und die Zuschauer verlieren das Interesse. In der Realität hat ein Punkt also keinen großen Wert. Die Wettkämpfer brauchen Können und Mut, um einen Treffer zu machen – aber die Zuschauer wissen das oft nicht zu schätzen. Das ist ein Grund, warum es unseren Wettkämpfen an Emotionen und Spannung fehlt. Eine Ausnahme ist die vierte Runde, die Sudden-Death-Runde. Hier ist ein einzelner Punkt alles, was ein Wettkämpfer braucht um zu siegen und die Spannung ist groß.

 

Eine Regeländerung ist vielleicht eine gute Idee, um verschiedene Dinge zu verbessern. Die Frage ist nur, was geändert werden sollte und wie. Eine Reihe von Regeländerungen warten momentan darauf, bei unserem nächsten großen internationalen Turnier in die Tat umgesetzt zu werden. Gemäß dieser Regeln wird der Wert bestimmter Techniken erhöht: Es wird drei Punkte für einen Angriff zum Kopf geben und zwei für einen Drehkick zum Körper. Um diese Regeln umzusetzen brauchen wir hochqualifizierte Kampfrichter. Schon mit den bisherigen Regeln haben wir oft erlebt, dass zwei von vier Kampfrichtern einen Punkt für eine Aktion gaben und zwei nicht.

Nachdem eine Aktion aber entweder ein Treffer ist oder nicht, lagen 50 Prozent der Kampfrichter falsch. Die gängige Erklärung für dieses Phänomen ist der tote Winkel. Allerdings wäre es verständlicher, wenn ein Kampfrichter im toten Winkel sitzt - nicht zwei. Unter den neune Regeln müssen die Kampfrichter nun einen, zwei oder drei Punkte geben, je nach Technik. Wen sie einen Kopftreffer übersehen, berauben sie einen Wettkämpfer gleich dreier Punkte. Geben Sie drei Punkte für einen leichten Wischer zum Kopf, ist das ebenfalls unfair. Und was genau ist eigentlich ein Drehkick zum Körper? Ein klassischer Dwit chagi ist vermutlich einer. Aber was, wenn der Kämpfer zuvor einen Schritt zum Eindrehen macht? Sind 45° genug für einen Drehkick? Die elektronische Kampfweste kann uns hier nicht helfen, denn sie kann weder Drehkicks noch Kopftreffer erkennen. Gleichzeitig können wir uns darauf einstellen, dass der neu eingeführte Video Referee eine Menge Arbeit bekommen wird – mit den entsprechenden Konsequenzen wie verzögerten Kämpfen, unsicheren Zeitfenstern und enttäuschten Kämpfern und Trainern.

Ist das wirklich gut für die Zuschauer? Wenn wir dem Publikum attraktive Techniken zeigen wollen, sind wir mit einer Taekwondo-Demo besser beraten. Denn es ist fraglich, ob die Zuschauer wirklich schöne Techniken sehen möchten, oder lieber spannende, dynamische Kämpfe. Zuschauer möchten wissen, wer der Sieger ist. Auch die Kämpfer selbst möchten vor allem gewinnen – und das nicht mit schönen Treffern, sondern mit effektiven. Ich war selbst Wettkämpfer und ich kann mich gut erinnern, dass meine hauptsächliche Motivation war, zu siegen. Wenn der Gegner schwach ist, ist es kein Problem, sein ganzes Können zu zeigen und den Zuschauern eine gute Show zu bieten. Aber wenn der Gegner stark ist und der Kampf wichtig, dann wird kein Kämpfer seinen Sieg riskieren, indem er tolle Techniken zeigt – vor allem weil er nicht sicher sein kann, dass er seinen Lohn dafür in Form von Zweifach- oder Dreifach-Punkten auch tatsächlich ernten wird. Taekwondo ist ein Kampfsport. Es geht dabei um Kraft, Schnelligkeit und Dynamik – nicht um komplizierte Techniken, die schwierig zu bewerten sind. Für ästhetische Bewegungen, Ausdruck und Exaktheit haben wir unsere sehr erfolgreichen Poomsae-Wettbewerbe. Wir werden sehen, was passiert, wenn wir beginnen Technik-Noten im Vollkontakt-Taekwondo zu geben.

Ein anderes Problem ist, dass die Wettkämpfer bei großen Turnieren heutzutage sechs, sieben oder noch mehr Male kämpfen müssen. Sie versuchen deshalb, Energie zu sparen und kein Risiko einzugehen, vor allem kein Verletzungsrisiko. Führt ein Wettkämpfer, so beginnt er auf Zeit zu spielen, indem er dem Kampf ausweicht. Für die Zuschauer ist das oft ermüdend. Gleichzeitig haben wir begonnen, immer neue Schützer einzuführen, um das Verletzungsrisiko zu minimieren. Hier sollten wir vorsichtig sein – mit Schützern von Kopf bis Fuß beginnen unsere Wettkämpfer wie Roboter auszusehen. Eine Idee wäre es vielleicht, nicht mehr Schützer einzuführen, sondern bessere. Eine Weste sollte so stark sein, dass sie Verletzungen verhindert, aber dem Treffer noch erlaubt, Wirkung zu zeigen – sonst werden unsere Kämpfer unvorsichtig und verlieren das Gefühl für den Kampf. Deshalb muss eine Weste für einen Schwergewichtler anders beschaffen sein, als für einen mittel- oder leichtgewichtigen Sportler.

Wie eine neue Idee, wie die Drei-Punkte-Regel einige unserer Probleme lösen könnte, ist das Thema des nächsten Monats. Bis dahin wünsch ich Ihnen alles Gute – viel Vergnügen mit Taekwondo.