Aller guten Dinge…
von TA-Herausgeber Soo-Nam Park |
Unsere Wettkampfregeln wurden schon oft geändert, immer mit dem Ziel, Taekwondo voran zu bringen. Die Runden wurden länger und kürzer, maximale Punktedifferenzen und Punktezahlen wurden eingeführt und wieder abgeschafft. Aber während Details geändert wurden, behielt man bestimmte Grundprinzipien bei. Solche Grundlagen sind zum Beispiel das Rundensystem und das Sammeln von Punkten über die Runden hinweg.
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Vielleicht ist nun die Zeit gekommen, für einen tiefgreifenden Wandel unserer Wettkampfregeln, nicht nur in Details, sondern im Prinzip. Im Folgenden stelle ich Ihnen ein neues Regelwerk vor, das noch nicht erprobt wurde, das ``Drei-Punkte System``. Ich denke, es wäre einen Versuch wert. Sehen Sie selbst:
- Beim „Drei-Punkte-System“ haben wir keine Runden, sondern ein Kampf dauert eine bestimmte Zeitspanne lang, zum Beispiel maximal drei Minuten. Verschiedene Zeitspannen könnten für Jugendliche und Senioren oder für Anfänger und Fortgeschrittene gewählt werden.
- Wenn ein Wettkämpfer drei Punkte erreicht hat, ist er Sieger des Kampfes, der in diesem Falle vorzeitig endet. Da nach dem neuen Regelwerk der WTF ein Kopftreffer drei Punkte wert ist, bedeutet das, dass ein Sportler einen Kampf mit einem einzigen, perfekten Treffer beenden kann.
- Ist das Ergebnis nach drei Minuten 1:1 oder 2:2 unentschieden, ist der Kämpfer, der den ersten Treffer machte, der Sieger. Auf diese Weise wird der aktivere Kämpfer belohnt.
- Ist der Punktestand nach drei Minuten 0:0, -1:-1 oder weniger und es ist kein Punkt gefallen, so gewinnt der Kämpfer, der mehr Wert auf Etikette und Höflichkeit gelegt hat.
- Bleiben die Kämpfer für acht Sekunden passiv, werden Sie verwarnt.
- Beide Trainer können je ein Time-out von 30 Sekunden verlangen, um ihren Kämpfern Anweisungen zu geben. Das Time-out kann nicht beansprucht werden, wenn der Kampf sich in einer aktiven Phase befindet, sondern nur, wenn es eine Unterbrechung gibt, zum Beispiel bei einer Verwarnung, wenn beide Kämpfer klammern oder ähnliches.
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Die Stärke der „Drei-Punkte Regel“ ist, dass jeder einzelne Treffer wichtig ist. Bei unseren derzeitigen Regeln ist ein Treffer nicht besonders viel Wert, denn das Ziel ist es, möglichst viele Treffer über die drei Runden hinweg anzusammeln. In der ersten Runde spielt ein Treffer keine große Rolle, weil noch alles möglich ist. In der zweiten, spätestens in der dritten Runde beginnt das Ergebnis sich abzuzeichnen und ein einzelner Treffer ändert nicht mehr viel. Mit der „Drei-Punkte-Regel“ kann ein Kämpfer den Kampf mit einem Treffer beenden. Ein Treffer – und der Kampf ist vorbei. Dies ist ein echtes Kampfsport-Prinzip. In einem reellen Kampf, einem Straßenkampf, ist der erste Treffer der wichtigste – denn idealerweise braucht es keinen zweiten.
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Die Möglichkeit, Sieg oder Niederlage aufgrund eines einzelnen Treffers zu erringen oder zu erleiden, lehrt uns etwas, das im modernen Alltag sehr in Vergessenheit geraten ist: Es gibt Situationen, in denen bekommen wir keine zweite Chance. Jeder Schritt, den wir machen, hat Folgen und diese sind vielleicht nicht umkehrbar. Wer einen klugen Schachzug macht, wird belohnt. Wer einen falschen Schritt macht, einen Augenblick der Unaufmerksamkeit oder auch einen echter Fehler riskiert, der verliert. Wir müssen die Konsequenzen für unsere Handlungen tragen. Deshalb tun wir gut daran, diese sorgfältig zu planen und vorzubereiten. Das gilt für das tägliche Leben genauso wie für einen Wettkampf.
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Die Idee des nicht Umkehrbaren kommt in der asiatischen Kunst gut zum Ausdruck. Ein traditionelles asiatisches Gemälde wird mit flüssiger Tinte oder Farbe auf einem saugfähigen Material, Seide oder Papier, ausgeführt. Bei dieser Technik sind keine Korrekturen möglich. Wenn der Künstler einen falschen Pinselstrich macht, ist sein Werk ruiniert. In seinem Streben nach Perfektion bekommt er keine zweite Chance. Im Gegensatz dazu wird ein traditionelles europäisches Gemälde mit zähflüssiger (Öl-)Farbe auf einem nicht saugfähigen Material, meist Leinwand, ausgeführt. Korrekturen und Retuschen sind bei dieser Technik möglich und häufig anzutreffen. Ein Künstler kann ausprobieren und Fehler machen – er bekommt immer eine zweite oder dritte Chance. Das zweite Prinzip erscheint bequemer und der menschlichen Fehlbarkeit besser angemessen. Tatsächlich hat es sich im täglichen Leben weitgehend durchgesetzt, vor allem durch den Gebrauch von Computern in allen Lebenslagen. Fast alles, was wir auf einem Computer machen, ist – zumindest für eine gewisse Zeit – reversibel. Aber wir sprechen hier nicht über den Alltag, sonder über die Kunst. Auch wenn sie nicht bequem und praktisch ist, spricht die Idee des nicht Umkehrbaren heute viele Menschen an, die von der Trivialität des Computer-Zeitalters enttäuscht sind. Sie sehnen sich nach einer Welt, in der jede Handlung eine Bedeutung hat und einen Schritt zu tun heißt, ein Risiko einzugehen.
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Wieso sollten wir diesen Wunsch nicht nutzen, um unsere Kunst, die Kampfkunst Taekwondo, für die moderne Gesellschaft attraktiver zu machen? Schauen Sie nur auf die Sudden-Death-Runde, die für das Publikum ausgesprochen spannend und sehenswert ist. Wenn die Zuschauer wissen, dass jede Aktion des Wettkämpfers zu einer Entscheidung führen kann, dann schauen sie den Kampf mit ganz anderen Augen an. Sie werden sich nicht in ihrem Sitz zurücklehnen und abwarten, bis der Kampf nach drei Runden endlich vorbei ist – ihre Aufmerksamkeit wird viel stärker in Anspruch genommen. Wer möchte einen Kampf sehen, der nach sechs Minuten Kampfzeit mit 2:2 oder 12:14 Punkten endet? Der erste Kampf war vermutlich relative ereignislos und von Taktik dominiert, der zweite ist völlig unrealistisch. Können Sie sich einen Straßenkampf vorstellen, in dem die beiden Kontrahenten 12 und 14 Schläge austeilen und am Ende frischvergnügt das Feld räumen? Ein derartiger Kampf ist eines Kampfsports nicht würdig.
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Das „Drei-Punkte System“ hätte weitere Vorteile: Das Verletzungsrisiko ist geringer, denn die Kämpfe enden früher und mit weniger Treffern. Wirklich gute Wettkämpfer können auch mit dreißig Jahren oder mehr noch bei Turnieren starten. Das bedeutet, dass Taekwondo-Legenden uns länger erhalten bleiben – und wir brauchen gerade solche Helden, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen. Mit dem „Drei-Punkte System“ ist es außerdem möglich, einen „Grand Champion“ zu küren, einen Meister aller Klassen. Bei unserem derzeitigen Regelwerk wäre es zu gefährlich, Kämpfer aus verschiedenen Gewichtsklassen zusammen antreten zu lassen.
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Ungewohnt am „Drei-Punkte System“ ist, dass die Länge eines Kampfes nicht genau bestimmt ist. Fällt nach 30 Sekunden ein Kopftreffer, so ist der Kampf vorbei und bei Turnieren mit festem Zeitplan, wie Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen, ist Zeit zu überbrücken. Aber dasselbe galt für unser altes System mit der ``Sieben-Punkte -`` und der ``12-Punkte Regel`` und gilt noch immer wegen der vierten Rund, die stets eingeplant werden muss. Bei Fernsehübertragungen können in der Zeit, in der auf den nächsten Kampf gewartet wird, Rückblenden gezeigt werden Kommentare von Experten und Interviews. So sind diese Pausen eher ein Vorteil.
Die Kämpfe wären beim „Drei-Punkte-System“ kürzer, so dass selbst bei einem großen Turnier zwei Matten für die Vorrunden und eine Matte vom Viertelfinale an reichen würden. Die Zuschauer könnten sich auf eine Matte konzentrieren und die Sportler würden durch die größere Aufmerksamkeit, die Ihnen zuteil wird, belohnt. Auch für die Turnierorganisatoren wäre das gut, denn sie kämen mit einer kleineren Halle und mit weniger Equipment aus.
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Für die Zuschauer ist das „Drei-Punkte System“ attraktiv – aber wie sieht es mit den Sportlern und Trainern aus? „Jetzt habe ich mit meinem Sportler so eine weite Anreise auf mich genommen und nach nur einem Treffer von seinem Gegner was das Turnier für ihn beendet“, würde ein häufig gehörter Kommentar von Trainern sein. Sicherlich würde es einige Zeit dauern, bis Wettkämpfer und Trainer das „Drei-Punkte System“ akzeptieren. In der Übergangszeit wäre es eine gute Alternative, die Vorrunden eines Turniers im Liga-System zu bestreiten – die Sieger der Vorrunden kämpfen danach die letzten Runden im KO-System aus. Nach gewisser Zeit würden auch die Aktiven sehen, dass das neue System Vorteile für sie hat. Abgesehen von der geringen Verletzungsgefahr ist das Time-out ein Pluspunkt. Der Coach muss nicht bis zur ersten Pause nach zwei Minuten warten, bis er in den Kampf eingreifen kann. Stattdessen kann er das Time-out reklamieren, wenn er sieht, dass sein Kämpfer es braucht und wenn er ihm Anweisungen erteilen möchte. Mit dem „Drei-Punkte-System“ könnte der Coach mehr Einfluss auf den Kampf nehmen.
So können beim „Drei-Punkte System“ alle gewinnen: Sportler und Trainer, Zuschauer und Organisatoren und vor allem unser Sport, Taekwondo.
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