Vom Nationalhelden zum Geflüchteten
Interview mit Ebrahim Daneshi

Vom Leben in Kabul, geprägt von Unsicherheit und Entbehrungen, bis zum Flaggenträger für sein Heimatland Afghanistan bei der Eröffnungsfeier der Paralympischen Spiele in Paris – der Weg von Ebrahim Daneshi ist außergewöhnlich. Heute lebt der 24-Jährige als Geflüchteter in Deutschland und trainiert beim Verein Taekwondo Heidelberg. Bei einem Besuch vor Ort sprachen Ebrahim, sein Cheftrainer Dr. Massud Sohani und Co-Trainer Jörg Landwehr über den beschwerlichen Weg nach Europa, über Taekwondo als Lebensanker und über Träume, die weit über sportliche Erfolge hinausreichen.
Ein Moment in Paris, eine Entscheidung fürs Leben
Taekwondo Aktuell: Ebrahim, Du hast Afghanistan bei den Paralympischen Spielen in Paris vertreten – ein großer Moment. Doch kurz danach hast Du beschlossen, Dein Heimatland zu verlassen. Was ist passiert?
Ebrahim: Ich hatte die Ehre, die Flagge Afghanistans bei den Paralympischen Spielen in Paris zu tragen. Doch meine Entscheidung, nicht nach Afghanistan zurückzukehren, hatte mehrere Gründe – darunter die Nichtentsendung zu bestimmten Wettkämpfen, gravierende Sicherheitsprobleme und gesellschaftliche Herausforderungen, die ein Fortsetzen meines sportlichen Weges und meines Lebens in diesem Land äußerst schwierig machten.
Ich bin 2001 geboren, heute 24 Jahre alt. Mein Leben in Afghanistan war hart und unsicher, besonders für Menschen mit Behinderungen. Ich habe meinen Arm durch eine Explosion verloren. Mit 17 Jahren entdeckte ich in Kabul Taekwondo – dieser Sport gab mir Halt und die Kraft, mein Leben neu auszurichten. Mein größter Traum war es, an den Paralympics in Paris teilzunehmen. Doch schon die Reise dorthin war schwierig: Die Taliban wollten mich nicht ausreisen lassen. Am Ende habe ich es trotzdem geschafft – als einziger Athlet Afghanistans.
Meine Entscheidung, nicht zurückzukehren, war das Ergebnis dieser ganzen Erfahrungen – getragen von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft und die Möglichkeit, meine sportliche Laufbahn in Deutschland fortzusetzen.
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Hintergrund:
Die Situation von Menschen mit Behinderungen in Afghanistan ist prekär. Es fehlt an medizinischer Versorgung, viele Betroffene sind von Diskriminierung und Ausgrenzung betroffen. Unter der Taliban-Herrschaft hat sich die Lage noch weiter verschärft.
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„Nur in Deutschland konnte ich meinen Weg fortsetzen“
Taekwondo Aktuell: Was war für Dich der entscheidende Auslöser, nicht zurückzukehren?
Ebrahim: Hauptgründe waren die schwierigen Bedingungen im Land – Unsicherheit, Einschränkungen und das Fehlen geeigneter Möglichkeiten für Sportler. Gleichzeitig beruhte meine Entscheidung auf meinem Ziel, meine Fähigkeiten in einer professionelleren Umgebung weiterzuentwickeln – mit fortschrittlichen Vereinen und besseren Trainingsbedingungen, die mein sportliches Wachstum fördern. Dieser Schritt war schwer, aber er war notwendig, um meinen Weg auf internationaler Ebene fortzusetzen.
Erinnerungen an Paris
Taekwondo Aktuell: Wenn Du heute an die Paralympischen Spiele denkst, was ist Dein erster Gedanke?
Ebrahim: Stress! (lacht) Am Tag nach meiner Ankunft war die Eröffnungszeremonie, bei der ich die Fahne tragen durfte, und gleich am nächsten Tag fand schon mein Wettkampf statt.
Ich war über den Iran nach Paris gereist. Frankreich war also mein erstes Ankunftsland in Europa. Aber mein Ziel war von Anfang an Deutschland.
Taekwondo Aktuell: Warum gerade Deutschland?
Ebrahim: Schon seit meiner Kindheit hatte ich eine große Begeisterung für dieses Land. Außerdem gilt im persischsprachigen Raum „Europa“ oft gleichbedeutend mit „Deutschland“. Das Land hat einen sehr guten Ruf, und für mich war es immer ein Traum, hierherzukommen.
Vorbilder und Perspektiven
Taekwondo Aktuell: Eine Sportlerin, die vielen als Symbol für Mut und Hoffnung gilt, ist Zakia Khudadadi – auch sie stammt aus Afghanistan und hat in Paris Bronze für das Refugee Olympic Team gewonnen. War sie für Dich eine Inspiration?
Ebrahim: Zakia Khodadadi ist für mich ein echtes und inspirierendes Vorbild. Wir haben beide in Afghanistan in demselben Verein unter der Anleitung desselben Trainers, Mohammad Yaqub Dolatyar, trainiert. Ich habe ihre Anstrengungen und ihre Ausdauer aus nächster Nähe miterlebt. Ich weiß genau, welche Schwierigkeiten sie durchgemacht hat, aber trotz aller Hindernisse hat sie niemals aufgegeben. Ihr starker Wille und ihre Standhaftigkeit sind für mich und viele andere Sportler eine Quelle der Motivation und Hoffnung. Mein ehemaliger Trainer unterstützt auch mich bis heute aus der Ferne.
Taekwondo Aktuell: Gab es weitere Menschen, die Dich auf Deinem Weg geprägt oder bestärkt haben?
Ebrahim: Leider hat mich auf meinem Weg zu den Paralympics in Paris niemand wirklich ermutigt. Selbst in meiner Familie und meinem engen Umfeld glaubten nur wenige daran, dass ich an diesem großen Wettkampf teilnehmen würde. Dieses Misstrauen und der fehlende Rückhalt gehörten zu den größten Herausforderungen, mit denen ich konfrontiert war. Dennoch ließ ich mich davon nicht entmutigen – im Gegenteil: Ich verwandelte es in zusätzliche Motivation, noch härter zu arbeiten und zu zeigen, dass der Glaube an sich selbst wichtiger ist als der Glaube anderer.
Ankommen in Deutschland
Taekwondo Aktuell: Wie lief Deine Anerkennung als Geflüchteter?
Ebrahim: Mein Migrationsweg war lang, kompliziert und mit zahlreichen Schwierigkeiten verbunden, die Ausdauer, Geduld und kontinuierliches Engagement erforderten. Diese Probleme zeigten sich in vielen Bereichen – von bürokratischen und rechtlichen über finanzielle bis hin zu emotionalen Belastungen – und haben mir eine schwere Last auferlegt. Dennoch gehe ich mit festem Willen und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft meinen Weg weiter und verfolge unbeirrt meine Ziele.
Taekwondo Aktuell: Warum lebst Du heute in Heidelberg?
Ebrahim: Einer der Gründe, warum ich mich für Heidelberg entschieden habe, ist der Verein Taekwondo Heidelberg – hier werden nicht nur meine sportlichen Fähigkeiten gestärkt, sondern ich erlebe auch Disziplin, Professionalität, persönliche Entwicklung und gegenseitigen Respekt. Diese Erfahrung hat meinen Blick auf mein Leben tiefgreifend verändert.
Ich mag die Freundlichkeit der Menschen, die schöne Landschaft und die sportlichen Möglichkeiten. Schwer sind die Sprache – ich besuche an vier Vormittagen pro Woche einen Deutschkurs – und der viele Papierkram. Außerdem wohne ich in Hockenheim, ziemlich weit außerhalb, was lange Wege zum Unterricht und ins Training bedeutet. Mit meiner Familie in Afghanistan halte ich aber weiter Kontakt.
Taekwondo als Lebensanker
Taekwondo Aktuell: Was bedeutet Taekwondo für Dich heute – nach all dem, was Du erlebt hast?
Ebrahim: Taekwondo ist nicht nur ein Teil meiner Vergangenheit und Gegenwart, sondern wird auch eine bedeutende Rolle in meiner Zukunft spielen. Ich habe mir fest vorgenommen, diesen Weg mit noch größerer Entschlossenheit weiterzugehen, meine Fähigkeiten weiterzuentwickeln und künftig als Trainer oder inspirierendes Vorbild für die nächste Generation aktiv zu sein. Ich bin überzeugt, dass dieser Weg neue Chancen eröffnen, persönliches Wachstum fördern und mir ermöglichen kann, einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.
Taekwondo Aktuell: Hat Dir Taekwondo auch geholfen, mit den Herausforderungen des Neuanfangs umzugehen?
Ebrahim: Als ich nach Deutschland kam, kannte ich niemanden und erlebte viele schwere und einsame Tage. Doch der Wendepunkt in meinem Leben kam, als ich dem Taekwondo-Verein in Heidelberg beitrat. Durch Taekwondo konnte ich nicht nur Kontakt zu einer neuen Gemeinschaft knüpfen, sondern fand auch eine neue Familie in Deutschland – die Taekwondo-Familie, die mir ein Gefühl von Zugehörigkeit, Unterstützung und Motivation gab.
Mein Ziel ist es, eine olympische Medaille zu gewinnen. Doch mein Traum geht weit darüber hinaus: Ich möchte anderen Menschen helfen. Da ich selbst viele Tage in Armut, Not und Schutzlosigkeit verbracht habe, weiß ich tief in meinem Herzen, wie sehr Unterstützung und Mitgefühl ein Leben verändern können. Deshalb wünsche ich mir, eine Person zu sein, die nicht nur im Sport, sondern auch im Leben anderer Menschen einen positiven Unterschied macht.
Stimmen aus dem Verein
Taekwondo Aktuell: Erhält auch Euer Verein Taekwondo Heidelberg positive Impulse durch die Tatsache, dass Ebrahim bei Euch trainiert?
Dr. Massud Sohani, Cheftrainer Taekwondo Heidelberg: Auf jeden Fall! Die Kampfqualität ist gewachsen. Ebrahim ist beliebt als Trainingspartner, auch die Kinder mögen ihn. Er ist ein Vorbild – er hat es trotz vieler Benachteiligungen so weit gebracht. Es ist eine Motivation, ihn im Verein zu haben.
Jörg Landwehr, Co-Trainer: Er hat eine Vorbildfunktion, das wirkt wie eine passive Erziehung – gerade für junge Sportler. Er zeigt ihnen, wie man Angst im Wettkampf überwindet. Er kann links nicht blocken, kämpft aber mit allen, auch wenn sie schwerer sind als er.
Blick in die Zukunft
Taekwondo Aktuell: Ebrahim, welche Träume und Ziele hast Du – sportlich, aber auch persönlich?
Ebrahim: Mein Ziel ist es, eine olympische Medaille zu gewinnen – doch noch wichtiger ist mir, in der Zukunft ein wirkungsvoller und hilfreicher Mensch für andere zu sein. Mein Traum ist es, durch meinen Erfolg anderen zu helfen und einen positiven Einfluss auf das Leben derjenigen auszuüben, die Unterstützung brauchen.
Taekwondo Aktuell: Arbeitest Du darauf hin, Teil des Refugee Olympic Teams bei den Paralympischen Spielen 2028 in Los Angeles zu werden?
Ebrahim: Derzeit trainiere ich mit voller Kraft, um die vollständige Fitness zu erreichen. Ich hoffe, auf diesem herausfordernden Weg die nötige Unterstützung zu erhalten, damit ich mit voller Stärke an diesem großen Wettkampf teilnehmen und ein würdiger Vertreter des Refugee Teams sein kann.
Taekwondo Aktuell: Was ist Deine Botschaft an junge Menschen, die mit schwierigen Lebensumständen kämpfen – egal ob im Sport oder außerhalb?
Ebrahim: Meine Botschaft an alle Sportlerinnen und Sportler und Migrantinnen und Migranten: Kein Weg ist leicht, besonders wenn man fern von zu Hause in einem fremden Land für seine Träume kämpft. Aber genau diese Schwierigkeiten formen uns. Ich habe – wie viele von euch – die bitteren Tage der Fremde, der Einsamkeit und der Schutzlosigkeit erlebt. Doch eines habe ich nie vergessen: mein Ziel.
Heute trainiere ich jeden Morgen und Abend mit der Hoffnung, an den Para
lympischen Spielen 2028 teilzunehmen. Wenn ich es geschafft habe, aus der Tiefe der Schwierigkeiten aufzustehen, könnt ihr das auch. Gebt nicht auf. Schmerz gehört zum Weg dazu, aber Glaube und Einsatz bringen euch an einen Punkt, von dem ihr einst nur träumen konntet.
Gebt alles – nicht nur für euch selbst, sondern für alle, die zu euch aufblicken und durch euch neuen Glauben finden.