Ji-pyo Lim im Interview
Mut zur Erneuerung

Er übernahm den ältesten Taekwondo-Club Schwedens von seinem Vater, führte ihn weiter, stellte alles infrage – und begann schließlich noch einmal ganz von vorne. Heute leitet Ji-pyo Lim mit der MUDO Academy die größte Taekwondo-Schule des Landes.
Zum Jahresbeginn spricht er über prägende Kindheitserfahrungen, schwierige Entscheidungen und darüber, warum Taekwondo heute Leidenschaft und professionelle Strukturen braucht. Zugleich eröffnet dieses Interview unsere neue Serie zu Taekwondo-Business und Marketing.
Prägung durch die Anfänge
Ji-pyo Lim begann im Alter von sechs Jahren mit Taekwondo. In seiner Kindheit war er oft das einzige Kind im Training, umgeben von Erwachsenen. Die Anforderungen waren hoch – vor allem die seines Vaters, eines Taekwondo-Pioniers in Schweden.
„Damals ging es vor allem darum, jede Bewegung perfekt zu machen“, erinnert sich Lim. „Immer wieder dieselben Fauststöße und Stellungen – bis sie saßen.“
Was ihn aus dieser Zeit bis heute begleitet, ist die Bedeutung der Grundlagen. Ebenso prägend war das Erleben der Kämpfe seines Vaters um Anerkennung und Bestand der Schule. „Das hat mir Durchhaltevermögen gegeben – und die Einstellung, niemals aufzugeben und immer weiterzugehen.“
Die bewusste Entscheidung
Erst mit 30 Jahren traf Ji-pyo Lim eine klare Entscheidung. Zu diesem Zeitpunkt hatte er Familie, ein Haus – und zwei Jobs: einen Vollzeitberuf und nahezu jeden Abend sowie viele Wochenenden ehrenamtliche Arbeit in der Taekwondo-Schule.
„Nach langem Nachdenken wurde mir klar, dass meine Loyalität und Leidenschaft bei unseren Taekwondo-Schülern lagen“, sagt er. „Ich entschied mich, mich vollständig auf Taekwondo zu konzentrieren.“
Vom Verein zum Unternehmen
Im Jahr 2000 wandelte Lim die gemeinnützige Schule seines Vaters in ein Unternehmen um – ein damals ungewöhnlicher Schritt. Die neue Freiheit brachte Kreativität und Gestaltungsspielraum, aber auch permanente Verantwortung.
„Als Inhaber schließt man die Tür der Schule nie wirklich“, sagt er. Die größte Herausforderung sei rückblickend die Preisgestaltung gewesen: „Als kommerzielle Schule waren meine Gebühren viel zu niedrig – und ich kämpfte zehn Jahre lang damit.“
Trotz aller Kritik von außen ist seine Haltung heute klar:
„Die Schule als Unternehmen zu führen, gab mir die Möglichkeit, mich zu 100 Prozent auf meine Schüler zu konzentrieren. Und ich habe weit mehr dankbare Eltern und Schüler erlebt als in der Zeit, in der wir gemeinnützig waren.“
Auch sein eigenes Training habe davon profitiert – er sei als Kampfkünstler besser und stärker geworden.
Neuanfang und Wachstum
Nach dem Verkauf seiner Schule im Jahr 2010 begann Ji-pyo Lim noch einmal bei null. Mit kleinen, kosteneffizienten Strukturen und klaren Preisen wuchs die neue Schule schneller als je zuvor: 50 Schüler im ersten halben Jahr, 500 nach dreieinhalb Jahren.
Die Grundlage seines Systems beschreibt er einfach, aber konsequent:
starke technische Basics, langfristige Entwicklung, Selbstvertrauen in den Wert von Taekwondo – und Strukturen, die diesem Wert gerecht werden.
„Glaube an dich selbst als Kampfkünstler und Meister – und an Taekwondo als starke Trainingsform.“
Haltung, Verantwortung und Zukunft
Für Lim sind es nicht Strategien allein, die Schulen erfolgreich machen, sondern Haltung: Versprechen einhalten, ehrlich bleiben, neugierig sein – und bereit, dazuzulernen.
Auch den Blick auf die Verbandsarbeit formuliert er klar: Die größten Herausforderungen für Taekwondo lägen nicht im Inneren, sondern im Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Seine Vision ist eine gemeinsame, langfristige Strategie, um Taekwondo als Trainingsform, Sport und Organisation weiterzuentwickeln.
Was ihn trotz aller Belastungen antreibt, sind die leisen Momente: eine Schwarzgurtprüfung, stolze Eltern, fokussierte Schüler – und das Lächeln eines Kindes nach der ersten Trainingsstunde.
Sein Rat an Kollegen, die unsicher in die Zukunft blicken, ist bewusst unspektakulär:
klein anfangen, behutsam verändern – und Erfolge Schritt für Schritt wachsen lassen.








