Der richtige Begriff zur richtigen Zeit
„Ich brauchte dringend einen neuen Namen.“

Schwarzweißfoto eines Mannes im Anzug, der am Schreibtisch sitzt und schreibt.

Der 11. April 1955 gilt oft als Geburtsstunde des Taekwondo. Ganz korrekt ist das nicht – vielmehr war es die feierliche Taufe. Dennoch ist das Datum, das sich heuer zum 70. Mal jährt, ein bedeutender Meilenstein: Es markiert den Moment, in dem Taekwondo seine eigene Identität fand und den Grundstein für seinen weltweiten Siegeszug legte.

Die Namensfindung für Produkte, Dienstleistungen oder Organisationen ist von entscheidender Bedeutung und kann über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. General Choi Hong-hi bewies in dieser Hinsicht großes Geschick: Die von ihm 1955 „Taekwon-Do“ getaufte Kampfkunst entwickelte sich nicht nur zum koreanischen Nationalsport, sondern erlangte weltweite Popularität. Der Name war ein Befreiungsschlag, der die Verbindung zum japanischen Karate kappte und eine eigenständige Identität unterstrich.

1983 schrieb Choi im ersten Band der Encyclopedia of Taekwondo:
„1955 wurde der Name Taekwon-Do von einem Gremium aus Ausbildern, Historikern und anderen prominenten Persönlichkeiten als neuer Name für die nationale Kampfsportart gewählt. Der von General Choi vorgeschlagene Name wurde einstimmig angenommen, weil er die Kunst treffend beschreibt: Tae (Fuß), Kwon (Faust), Do (Weg). Dieser neue Name hatte nicht nur eine große Ähnlichkeit mit dem alten Begriff Taekkyon, sondern verlieh der Kunst auch einen neuen Sinn für Nationalstolz, da die damals vorherrschenden Namen Dang Soo und Kong Soo chinesisch klangen und mit den japanischen Kampfkünsten assoziiert wurden.“

Kurz gesagt: Die Wahl des Namens folgte einer klaren Strategie. Doch so geradlinig, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, verlief der Prozess nicht – wie ein aufschlussreiches Interview zeigt, das der Autor und Taekwondo-Historiker He-Young Kimm in den Jahren 1998 und 1999 mit Choi führte. Dieses Gespräch gewährt faszinierende Einblicke in die frühen Jahre unseres Sports.

Anregung vom Staatspräsidenten

Den entscheidenden Anstoß zur Namensänderung gab ein hoher Besuch: Der erste südkoreanische Staatspräsident, Rhee Syng-man, wohnte einer Parade der von General Choi gegründeten 29. Infanteriedivision der koreanischen Armee bei. Choi unterrichtete hier Tang Soo Do – frühes Taekwondo, noch bevor es diesen Namen trug. Präsident Rhee zeigte sich begeistert und rief aus: „Das ist Taekkyon – ich möchte, dass alle unsere Soldaten das trainieren!“

Diese Aussage war für Choi aus zwei Gründen bedeutsam. Erstens erhielt er damit die offizielle Legitimation, Tang Soo Do weiter in der Armee zu verbreiten. Zweitens kam ihm eine entscheidende Erkenntnis:
„Präsident Rhees Beschreibung unserer Kampfkunst als Taekkyon brachte mich auf den Gedanken, dass Tang Soo Do einen neuen Namen brauchte – einen, der Taekkyon ähnelte.“

Denn der Begriff Taekkyon stand für eine ursprüngliche koreanische Kampfkunst, während Tang Soo Do lediglich die koreanische Übersetzung des japanischen Wortes Karate war. Doch die Techniken, die Choi lehrte, waren weder reines Taekkyon noch Tang Soo Do – er erkannte die Notwendigkeit eines neuen Namens. So entschied er sich für den Begriff Taekwon-Do und präsentierte ihn 1955 der Öffentlichkeit.

Um möglichen Widerständen gegen die neue Bezeichnung zuvorzukommen, entschied Choi, den Namen nicht einfach eigenmächtig zu verkünden. Stattdessen berief er ein Komitee aus hochrangigen Vertretern von Politik, Militär und Presse ein. Diese stimmten der Bezeichnung Taekwon-Do grundsätzlich zu – allerdings unter einer Bedingung: Präsident Rhee musste den Namen persönlich absegnen.

Das gestaltete sich schwieriger als erwartet. Rhee lehnte Taekwon-Do zunächst ab und favorisierte weiterhin Taekkyon. Erst durch eine geschickte Intervention Chois beim Stabschef des Präsidenten konnte eine Meinungsänderung bewirkt werden: Schließlich erhielt der Begriff Taekwon-Do die offizielle Genehmigung von höchster Stelle.

Siegeszug mit Hindernissen

Wer nun glaubt, dass damit der unaufhaltsame Siegeszug des Taekwon-Do begann, irrt. Zwar setzte sich der Name rasch innerhalb der Armee durch, doch die Kwans – die zivilen Kampfkunstschulen – hielten größtenteils an ihren traditionellen Bezeichnungen wie Tang Soo Do fest.

Im Herbst 1959 lud Choi die Führer der vier größten Kwans ein und präsentierte ihnen seinen nächsten großen Plan: die Gründung der Korea Taekwon-Do Association, die als Mitglied in die Korea Sports Union aufgenommen werden sollte. Dies war jedoch nur möglich, wenn sich alle auf einen einheitlichen Namen verständigten.

Widerstrebend stimmten die Vertreter der Kwans zu, und Choi wurde der erste Präsident der neu gegründeten Korea Taekwon-Do Association. Doch die weitere Entwicklung des Verbandes wurde durch die politischen Unruhen jener Zeit gebremst. Im April 1960 zwangen landesweite Demonstrationen, die als 19. April Revolution in die Geschichte eingingen, Präsident Rhee zum Rücktritt. Ein Jahr später, im Mai 1961, übernahm General Park Chung-hee durch einen Militärputsch die Macht. Choi Hong-hi unterstützte diesen Putsch zunächst, doch als sich Park 1963 zum Präsidenten ausrufen ließ, kam es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden.

Die Spannungen führten schließlich dazu, dass Choi auf einen Posten als Botschafter in Malaysia abgeschoben wurde. Kurz vor seiner Abreise versuchte er noch, die Korea Taekwon-Do Association endgültig in die Sports Union zu bringen – nicht ahnend, dass die Kwan-Führer die dazu einberufene Versammlung nutzen würden, um den Namen des Verbandes von Taekwon-Do Association in Tae-Soo-Do Association zu ändern. Für Choi war dies ein herber Rückschlag.

Erst nach seiner Rückkehr nach Korea im Jahr 1965 konnte er den Namen Taekwon-Do endgültig durchsetzen. Er erinnerte sich dabei an ein koreanisches Sprichwort: „Wenn du einen Tiger fangen willst, musst du in seine Höhle gehen.“

Choi übernahm kurzerhand die Präsidentschaft der Tae-Soo-Do Association. Wenig später berief er eine Versammlung ein und stellte den Antrag, den Namen des Verbandes erneut in Taekwon-Do zu ändern. Mit nur einer Stimme Mehrheit wurde der Antrag angenommen – damit war der Weg für den endgültigen Siegeszug des Begriffs Taekwon-Do geebnet.

Taekwon-Do oder Taekwondo?

Heute existieren zwei Schreibweisen für die Kampfkunst: Taekwon-Do und Taekwondo. Der Unterschied liegt in der Entwicklung der beiden großen Verbände.

  • Taekwon-Do: Diese Schreibweise wurde von General Choi geprägt und ist vor allem im International Taekwon-Do Federation (ITF) verbreitet. Sie betont die Trennung von Tae, Kwon und Do, um die philosophische Bedeutung jedes Elements hervorzuheben.
  • Taekwondo: Die durchgängige Schreibweise wurde von der World Taekwondo (WT, ehemals WTF) übernommen. Damit setzte sich der jüngere Weltverband von der ITF ab. Er orientierte sich aber auch an moderner Linguistik und der internationalen Vermarktung des Sports, insbesondere im Zuge der Anerkennung als olympische Disziplin.