„Wie Taekwondo mein Leben veränderte.“
Rainer Denschlag vom Taekwondo-Team Worms-Leiselheim

Die Leserinnen und Leser von Taekwondo Aktuell kennen Rainer Denschlag bereits aus dem „Kick des Monats“. Nun ist er unserem Aufruf gefolgt und erzählt im Rahmen unserer Serie „Wie Taekwondo mein Leben veränderte“ seine ganz persönliche Geschichte. Dabei wird besonders deutlich, wie sich die Liebe zum Taekwondo, Zusammenhalt im Verein und ein starker Wille zu einer beeindruckenden Erfolgsgeschichte verbinden können – auch Widrigkeiten zum Trotz.
Der erste Kontakt zum Taekwondo
Rainer kam 1979, im Alter von neun Jahren, durch seinen Schwager zum Taekwondo. Dieser war damals bereits ein junger Mann und für Rainer ein großes Vorbild. „Als meine Eltern mir zu Weihnachten die Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio schenkten, in dem auch Taekwondo angeboten wurde, war das für mich das Größte“, erinnert sich Rainer. Reine Taekwondo-Vereine waren damals im Kreis Worms noch selten, sodass das Training im Fitnessstudio eine ideale Gelegenheit bot, Taekwondo intensiv kennenzulernen.
Nach drei Jahren im Kinderkurs wechselte Rainer in die Gruppe von Peter Reimund. Bei ihm trainierte er, bis er im Alter von etwa 18 Jahren den Blau-Rot-Gurt ablegte. Danach versuchte er sich für zwei Jahre im Kickboxen. Was ihn damals sehr beschäftigte, war seine schmächtige Statur. „Ich war so dünn, dass ich die Jeansjacke meiner Freundin anziehen konnte“, erzählt er schmunzelnd. Die Lösung: Kraftsport. Mit Anfang 20 konzentrierte er sich darauf, erwarb einen Trainerschein und arbeitete nebenberuflich als Trainer. Doch die enge Verbindung zum Taekwondo blieb erhalten – auch weil sein Trainer Peter Reimund auf Rainers Initiative hin in das größere Fitnessstudio wechselte, in dem Rainer inzwischen angestellt war.
Ein Schicksalsschlag und neue Perspektiven
Eine schwerwiegende Wende in Rainers Leben ereignete sich 2004: Ein Arbeitsunfall führte dazu, dass er mehrere Tage im Koma lag und sich danach zahlreichen Operationen unterziehen musste. „Acht Jahre lang lag ich fast jedes Jahr unters Messer“, erzählt er. Während dieser Zeit hatte er viel Gelegenheit, über sein Leben nachzudenken, und seine Gedanken wanderten immer wieder zum Taekwondo. Dennoch sollte es noch einige Jahre dauern, bis er den Schritt zurück auf die Matte wagte.
2017 traf er beim Oktoberfest in Worms seinen alten Freund, Trainingspartner und Mentor Claudio de Ritis wieder, den er fast 30 Jahre lang nicht gesehen hatte. Claudio war mittlerweile Mitglied in der Taekwondo-Abteilung des TV Worms Leiselheim und motivierte Rainer, dort vorbeizuschauen. Anfangs zögerte dieser jedoch: „Ich wog damals 100 Kilogramm. Die ersten beiden Trainingseinheiten waren wirklich hart.“ Zudem machte ihm sein Bewegungsgedächtnis zu schaffen. „Seit meinem Unfall bin ich schwerbehindert. Das äußert sich vor allem bei der Poomsae: Ich habe Schwierigkeiten, mir längere Bewegungsabläufe zu merken und diese sauber wiederzugeben.“ Durch das kontinuierliche Training verbesserten sich jedoch sowohl seine körperliche Konstitution als auch sein Gedächtnis merklich.
Zurück in den Dobok – und auf dem Weg zum ersten Dan
Aus einer Trainingseinheit pro Woche wurden rasch zwei, schließlich sogar mehr. Rainer fühlte sich von Mal zu Mal fitter und verlor an Gewicht. „Mein Körper hat sich an vieles aus dem frühen Taekwondo-Training erinnert“, stellt er zufrieden fest. „Doch die größte Veränderung fand in meinem Kopf statt. Ich konnte mich wieder besser konzentrieren.“
Als sein Trainer Gerhard Springer ihn irgendwann ansprach, dass seine Leistungen doch schon sehr ansehnlich waren und ob er nicht eine Prüfung ablegen wolle, war Rainer sofort Feuer und Flamme. „Ich habe mich immer geärgert, dass ich damals nach dem Blau-Rot-Gurt aufgehört habe, anstatt den schwarzen Gürtel zu erreichen.“ Doch zunächst musste der blau-rote Gürtel formal überprüft werden. „Wir sind früher noch Hyongs gelaufen. Ich präsentierte deshalb mein Können in der Poomsae dem Prüfer Thomas Wernet, der bestätigte, dass ich den Blau-Rot-Gurt offiziell in den DTU-Pass eingetragen bekommen konnte.“ So fiel die erste Hürde, und Rainer absolvierte anschließend erfolgreich die Prüfungen zum Rot- sowie zum Rot-Schwarz-Gurt – stets unterstützt von seinem Trainingspartner Claudio de Ritis. „Ohne Claudio hätte ich das nie geschafft“, betont er.
Corona – und eine Prüfung mit Herzklopfen
Als sich die Dan-Prüfung schließlich in greifbarer Nähe befand, kam die Pandemie dazwischen. Um trotz der Einschränkungen trainieren zu können, baute Rainer seinen Keller zum Trainingsraum um. Zwar verhinderte Corona immer wieder geplante Prüfungen, doch 2021 war es endlich soweit: Rainer legte die Prüfung zum 1. Dan ab. Vorsitzender der Prüfungskommission war Horst Sperling, Präsident der Taekwondo Union Rheinland-Pfalz, der die Prüfung in Gaulsheim organisierte. Für Rainer ist dieser Meilenstein von großer Bedeutung: „Dass ich es nach meinem Unfall und trotz meiner Schwerbehinderung geschafft habe, die Prüfung nicht nur irgendwie, sondern mit einer guten Leistung zu bestehen, ist einer der Höhepunkte meines Lebens.“
In der Prüfung selbst gab es einen kurzen Schreckmoment: Bei der Partnerübung verlor er für einen Augenblick den Faden. Nach zwei, drei Sekunden war jedoch alles wieder präsent, und er konnte weitermachen, als wäre nichts gewesen. Solche Momente zu überwinden und sich durch Ehrgeiz und harte Arbeit Ziele zu erkämpfen, ist eine Erfahrung, die ihn auch privat und beruflich prägt. Obwohl er schwerbehindert ist, kehrte er bereits 2006 in seinen Beruf bei BASF zurück. „Es gibt natürlich schlechte Tage“, räumt er ein. „Aber ich lasse mich nicht hängen. Der Sport, den man liebt, ist es wert, immer weiterzumachen. Und das gebe ich auch an die jungen Leute im Verein und in meinem Umfeld weiter.“
Dankbarkeit und ein familiäres Vereinsleben
Neben seinen Trainern und Trainingspartnern, allen voran Claudio de Ritis, dankt Rainer besonders seiner Frau. „Sie ist immer zu mir gestanden, auch nach dem Unfall, und hat mich unterstützt. Das ist nicht selbstverständlich.“ Er trainiert weiterhin ein- bis zweimal pro Woche. „Wenn ich den Dobok mit dem schwarzen Revers anziehe, macht mich das stolz“, sagt er. Außerdem freut es ihn, dass er mehrmals für den „Kick des Monats“ in Taekwondo Aktuell ausgewählt wurde. „Ich finde es toll, dass ich zeigen kann, was trotz Handicap und steigendem Alter alles möglich ist“, betont er.
Seinen Verein beschreibt Rainer als „klein, aber fein“, mit einer familiären Atmosphäre, die für ihn die Essenz des Taekwondo widerspiegelt. Die heutige Abteilungsleiterin Jennifer Beygang kennt er schon seit ihrer Kindheit, und sowohl Gerhard Springer als auch Claudio de Ritis stammen wie er aus der Schule von Peter Reimund. Im vergangenen Jahr organisierte der Verein sogar ein „Veteranentreffen“, bei dem auch Reimund selbst sowie viele ehemalige Schülerinnen und Schüler zusammenkamen. „Dieser Zusammenhalt, das ist für mich Taekwondo“, resümiert Rainer.
Sein Beispiel zeigt eindrücklich, wie sehr Taekwondo nicht nur die körperliche Fitness stärkt, sondern auch das mentale Durchhaltevermögen fördert – selbst (oder gerade) dann, wenn das Leben unerwartete Herausforderungen bereithält.
Wir suchen eure persönlichen Geschichten: Wie hat Taekwondo euer Leben verändert – im Alltag, in schwierigen Situationen, auf eurem Weg als Sportler oder einfach als Mensch? Für unsere Reihe „Wie Taekwondo mein Leben veränderte“ freuen wir uns über inspirierende, berührende oder überraschende Erlebnisse aus der Community. Wer etwas teilen möchte, kann uns jederzeit schreiben: Taekwondo Aktuell, redaktion@taekwondo-aktuell.de







