Interview mit Sylvia Höhfeld

„Traut Euch, Turnierluft zu schnuppern.“
Weltmeisterin Sylvia Höhfeld
Vom ersten Taekwondo-Schritt bis zum Weltmeistertitel
Taekwondo Aktuell: Du bist in Hongkong zusammen mit Manfred Stadtmüller Weltmeisterin im Poomsae-Paarlauf geworden. Wie hast Du diesen Erfolg erlebt und was bedeutet er Dir persönlich?
Sylvia Höhfeld: Für mich war es meine allererste WM-Teilnahme. Gleich beim Debüt die Goldmedaille zu holen, war ein unbeschreibliches Gefühl und kam völlig unerwartet.
Taekwondo Aktuell: Du hast Taekwondo relativ spät für dich entdeckt. Was hat Dich motiviert, erst mit Mitte/Ende 30 ernsthaft einzusteigen?
Sylvia Höhfeld: Taekwondo hat mich schon immer fasziniert. Irgendwann habe ich zusammen mit einer Freundin ein Probetraining besucht, und von da an ließ mich dieser Sport nicht mehr los.
Taekwondo Aktuell: Vor Deiner Taekwondo-Karriere warst du im Tanzsport sehr erfolgreich und hast mehrere Titel gewonnen. Erzählst Du uns mehr darüber?
Sylvia Höhfeld: Ich habe Formationstanz betrieben und mit meinem Team von Weiß-Blau Düsseldorf zwischen 1980 und 1982 dreimal hintereinander die Deutsche Meisterschaft, die Europameisterschaft und die Weltmeisterschaft gewonnen.
Taekwondo Aktuell: Gibt es Parallelen zwischen dem Tanzsport und dem Taekwondo-Formenlauf?
Sylvia Höhfeld: Absolut. Beim Tanzsport kommt es, wie bei der Poomsae, auf präzise, abgestimmte Bewegungsabläufe an. Und wenn man im Paar oder in der Formation läuft, muss man genau auf die Partner achten, damit das Ganze synchron und harmonisch wirkt.
Taekwondo Aktuell: Du hast zahlreiche Titel auf Landes-, Bundes- und internationaler Ebene geholt. Welche Erfolge sind Dir neben dem WM-Titel besonders wichtig?
Sylvia Höhfeld: Meine erste Deutsche Meisterschaft im Jahr 2022 war ein Meilenstein. Ich hatte damals überhaupt nicht damit gerechnet, ganz oben auf dem Treppchen zu stehen, und deshalb war es ein toller Überraschungserfolg.
Taekwondo Aktuell: Wie intensiv war Dein Training für die WM in Hongkong und welche Herausforderungen musstest Du bewältigen?
Sylvia Höhfeld: Es war sehr herausfordernd, weil ich neben meinem Beruf auch als Trainerin arbeite und entsprechend wenig Zeit hatte. An dieser Stelle möchte ich meinem Heimtrainer Andreas Tunkel und seiner Frau Candida ganz besonders danken. Ohne ihre Hilfe und ihren Einsatz hätte ich diesen Erfolg niemals erreicht.
Taekwondo Aktuell: Dein Paarlauf-Partner Manfred lebt rund 700 Kilometer entfernt in Bayern. Wie habt Ihr gemeinsam trainiert?
Sylvia Höhfeld: Wir haben uns vor allem bei den Bundeskader-Lehrgängen getroffen, die meist drei Tage dauern. Dort haben wir uns intensiv mit dem Paarlauf beschäftigt und jede Bewegung aufeinander abgestimmt. Unser Ziel war es, die Formen möglichst wie eine Einheit zusammen zu laufen. Außerdem haben wir viele Tipps von unserem Bundestrainer Marcus Ketteniß und seiner Frau Nicole umsetzen können.
Trainerin und Vorbild
Taekwondo Aktuell: Du sagst von Dir selbst, dass Dein Alltag quasi nur aus „Arbeit und Taekwondo“ besteht. Welche Rolle spielt Taekwondo in Deinem Leben, und wie schaffst Du dieses Pensum?
Sylvia Höhfeld: Taekwondo nimmt einen riesigen Platz in meinem Alltag ein. Meistens fahre ich direkt von der Arbeit aus in die Halle, trainiere selbst und gebe anschließend noch Unterricht. Das Privatleben findet, wenn keine Turniere und Lehrgänge angesetzt sind, fast nur an den freien Wochenenden mit meiner Familie incl. meinem süßen Enkelkind statt.
Taekwondo Aktuell: Warum hältst Du Taekwondo für eine so gute Methode zum Stressabbau und als Gesundheitssport – gerade auch im fortgeschrittenen Alter?
Sylvia Höhfeld: Nach einem anstrengenden oder stressigen Tag kann man beim Taekwondo-Training hervorragend abschalten. Schon beim Betreten der Halle lässt man den Alltag hinter sich und konzentriert sich ganz auf das Trainingsprogramm. Je nach Schwerpunkt – etwa beim Pratzen-Training – kann man sich zudem richtig auspowern und überschüssigen Stress abbauen.
Besonders für ältere Menschen ist Taekwondo eine ideale Möglichkeit, um sich körperlich fit zu halten und die Gesundheit zu fördern. Gleichzeitig stärken die unterschiedlichen Übungen und Anforderungen auch die Konzentration und geistige Fitness, sodass Körper und Geist gleichermaßen profitieren.
Taekwondo Aktuell: Du bist nicht nur aktive Athletin, sondern auch Trainerin im Nachwuchsbereich. Was macht Dir dabei besonders Freude, und welche Verantwortung spürst Du?
Sylvia Höhfeld: Mich begeistert vor allem die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Altersklassen, Menschen und Charakteren. Einige Kinder habe ich zum Beispiel schon ab ihrem fünften Lebensjahr begleitet, und heute sind sie mir nicht nur körperlich über den Kopf gewachsen, sondern haben auch mehrere Dan-Grade erreicht. Es macht mich stolz, sie nach all diesen Jahren immer noch im Training betreuen zu dürfen und ihre sportliche wie persönliche Entwicklung zu sehen.
Mir ist es wichtig, dass jede Person, egal in welchem Alter, auch abseits des Trainings mit allem zu mir kommen kann. Ich möchte sowohl Jüngere als auch Ältere für Taekwondo begeistern und zeigen, dass man mit Fleiß und Einsatz selbst im fortgeschrittenen Alter noch große Ziele erreichen kann. Gleichzeitig soll das Training immer Spaß machen.
Darüber hinaus lege ich großen Wert darauf, den Schülerinnen und Schülern die Werte des Taekwondo zu vermitteln: Geduld, Respekt, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Disziplin, Durchhaltevermögen und Loyalität. Diese Prinzipien finde ich enorm wichtig – nicht nur für den Sport, sondern für das ganze Leben.
Taekwondo Aktuell: Frauen sind im Taekwondo in höheren Trainer- und Führungspositionen noch immer selten. Wie erlebst Du das, und was wünschst Du Dir?
Sylvia Höhfeld: Ich sehe das genauso. Ich würde mir wünschen, dass mehr Frauen sich Führungspositionen zutrauen und sich darauf bewerben. Je mehr engagierte Frauen wir in solchen Rollen sehen, desto stärker können wir andere dazu ermutigen, ähnliche Wege zu gehen.
Taekwondo Aktuell: Du organisierst zudem Taekwondo-Turniere. Was begeistert dich daran, und wo liegen die größten Herausforderungen?
Sylvia Höhfeld: Wir richten vor allem Poomsae-Turniere aus und kümmern uns auch um Catering und die Versorgung der Wertungsrichter. Das ist nur mit einem tollen Team und der Unterstützung vieler Eltern und Mitglieder möglich. Daher ein großes Dankeschön an alle unsere Helfer, ohne deren Unterstützung so ein reibungsloser Ablauf nicht möglich wäre.
Ich finde es reizvoll, so zu planen, dass am Turniertag alles wie am Schnürchen abläuft, so dass sich Teilnehmer und Zuschauer wohlfühlen und ein gutes Gefühl mitnehmen. Die größte Herausforderung ist, an alles im Voraus zu denken, so dass ab einem bestimmten Zeitpunkt alles bereit ist.
Taekwondo Aktuell: Vor Kurzem wurdest du zur Sportlerin des Jahres in Erkrath gewählt und hast dich ins Goldene Buch der Stadt eingetragen. Wie wichtig ist dir diese Auszeichnung?
Sylvia Höhfeld: Das ist eine große Ehre und zeigt anderen Menschen, insbesondere auch älteren, dass man solche Erfolge in jedem Alter erreichen kann. Ich freue mich, wenn ich dadurch ein Vorbild sein kann und andere motiviere.
Zukunft, Tipps und Inspiration
Taekwondo Aktuell: Nach der WM ist vor der EM: Im April möchtest du bei der Europameisterschaft in Estland antreten. Welche Ziele und Motivationen hast du dabei?
Sylvia Höhfeld: Ich wurde für die EM in Tallinn nominiert und möchte dort im Einzel und mit meinem Paarlauf-Partner Manfred die bestmögliche Leistung zeigen. Meine Motivation liegt darin, mich mit Hilfe meiner Heimtrainer kontinuierlich zu verbessern und weiterzuentwickeln. Abgesehen davon, macht mir das Training unglaublich viel Spaß. Mein Ziel ist es, noch bei möglichst vielen Turnieren sehr gute Ergebnisse zu erzielen.
Taekwondo Aktuell: Was würdest du Menschen raten, die als Erwachsene oder sogar im fortgeschrittenen Alter noch mit Taekwondo anfangen möchten, aber unsicher sind?
Sylvia Höhfeld: Traut euch! Taekwondo fördert und unterstützt die körperliche Gesundheit. Man merkt sehr schnell, dass die Kondition, die Körperbeherrschung und das allgemeine Wohlbefinden deutlich verbessert werden. Außerdem bietet dieser Sport auch eine tolle Atmosphäre und Gemeinschaft mit den anderen Sportlern. Es ist wirklich nie zu spät, damit zu starten.
Taekwondo Aktuell: Hast du eine Botschaft, die du den Leserinnen und Lesern von Taekwondo Aktuell mit auf den Weg geben möchtest?
Sylvia Höhfeld: Wer noch kein Taekwondo ausprobiert hat, sollte unbedingt einmal ein Probetraining besuchen und sich begeistern lassen. Und wer schon dabei ist, dem rate ich, einmal in den Nachwuchs-Turnierbereich zu schnuppern. Dabei ist das Alter vollkommen unwichtig, weil es Altersklassen gibt, die erst ab 65 beginnen – also nur Mut und viel Spaß dabei!
Taekwondo Aktuell: Vielen Dank, Sylvia, für das Gespräch und viel Erfolg bei deinen nächsten Wettkämpfen!
Hinweis: Sylvia Höhfeld dankt insbesondere ihrem Heimtrainer Andreas Tunkel und dessen Frau Candida, ohne die sie den Weg zum Weltmeistertitel nicht geschafft hätte.





