„Wie Taekwondo mein Leben veränderte“

Mit eisernem Willen und Einfühlungsvermögen: Johannes van der Broeck
Der zögerliche Einstieg – und eine entscheidende Begegnung
Sein Weg zum Taekwondo begann 1985, als seine beiden Söhne im Alter von fünf und sieben Jahren beim renommierten Großmeister Seung-eun Chae mit dem Training begannen. Johannes van der Broeck saß als Vater regelmäßig am Mattenrand – fasziniert, aber zögerlich. Die körperlichen Einschränkungen infolge einer Polio-Erkrankung ließen ihn zweifeln, ob er selbst diesen Sport ausüben könne. Erst ein ausführliches Gespräch mit Großmeister Chae änderte seine Haltung. Dieser ermutigte ihn mit seiner Überzeugung, dass trotz der Einschränkungen eine gute Entwicklung möglich sei.
Johannes fasste sich ein Herz und begann das Training beim Verein Han Kook Raeren. Unter der Anleitung von Seung-eun Chae verbesserte sich sein Leistungsvermögen stetig. „Durch das Einfühlungsvermögen meines Trainers konnte ich über mich hinauswachsen“, sagt er rückblickend. Es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen Lehrer und Schüler, die für dessen weiteren Lebensweg entscheiden werden sollte.
Vom Schüler zum Gestalter
Durch das große Einfühlungsvermögen von Großmeister Chae verbesserte sich Johannes van der Broecks Leistungsvermögen stetig. Zwischen Lehrer und Schüler entwickelte sich eine enge, persönliche Freundschaft. In dieser Zeit lernte Johannes auch Großmeister Chul-hwan Kim, immer besser kennen und nahm regelmäßig an dessen Lehrgängen teil.
Seung-eun Chae begleitete ihn durch die Kup-Prüfungen bis zum 2. Kup. Damit war Johannes endgültig in die „Han Kook Family“ von GM Kim aufgenommen. Er begann, sich verstärkt auch organisatorisch einzubringen, organisierte Ferien-Trainingslager und mehrere Nachwuchsturniere. Dabei wuchs nicht nur seine Begeisterung für den Zweikampf, sondern auch sein Interesse für das Kampfrichterwesen. Chae erkannte dieses Potenzial und förderte es gezielt. Schon bald sammelte sein Schüler erste Erfahrungen als Kampfrichter bei Nachwuchsturnieren.
Mit dem Bestehen der Prüfung zum 1. Kup ermutigte ihn Chae, sich für den Landes-Kampfrichter-Lehrgang der Nordrhein-Westfälischen Taekwondo Union (NWTU) anzumelden. Nach erfolgreichem Abschluss war Johannes regelmäßig im Einsatz. Als der damalige Kampfrichter-Referent der NWTU, Peter Duchnik, sein Amt niederlegte, wurde er zu dessen Nachfolger gewählt und rückte damit in den Vorstand der NWTU auf.
Das Amt füllte er mehrere Jahre mit großem Einsatz aus. Parallel engagierte er sich für die Regionalisierung des Wettkampfbetriebs, um auch dem Nachwuchs eine verlässliche Turnierstruktur zu bieten. Zudem entwickelte er das Konzept für den „Internationalen Rhein-Ruhr Pokal“ und organisierte die ersten beiden Ausgaben des Turniers.
„Über das Training hinaus fand ich meinen Platz im Taekwondo – als Organisator, Kampfrichter und später auch im Verband.“
Erster Dan als Herausforderung
Der nächste große Schritt war die Prüfung zum 1. Dan, die er vor den Großmeistern Chul-hwan Kim, Seung-eun Chae und Seung-yong Kim, ablegte. „Es war meine schwerste Prüfung da sich die körperlichen Einschränkungen schon stark bemerkbar machten, die Prüfer hatten jedoch ein Programm erstellt, in dem ich trotzdem eine Chance hatte. Mit eisernem Willen nahm ich die Aufgabe an und konnte überzeugen“, sagt van der Broeck.
Großmeister Chae, sagt Johannes, habe ihn nicht nur technisch ausgebildet, sondern auch auf den geistigen Weg geführt. Besonders prägend war für ihn die Begegnung mit der asiatischen Denkweise, die ihm sein Lehrer vermittelte. „Er hat mir beigebracht, umzudenken. In Deutschland war es früher üblich, starre Regeln für alle gleichermaßen anzulegen – etwa bei Prüfungen für Menschen mit Behinderung. In der asiatischen Kultur hingegen schaut man eher auf individuelle Stärken und Schwächen – und versucht, die vorhandenen Potenziale gezielt zu fördern.“
Den 2. Dan legte er nie ab – aus Überzeugung. Die geforderten Techniken hätte er körperlich nicht bewältigen können. „Ich bin da ein sturer Hund“, meint er schmunzelnd. „Ich wollte keine Sonderbehandlung.“
Leidenschaft für Gerechtigkeit – auf der Kampffläche und darüber hinaus
Nach der Dan-Prüfung nahm er am Bundeskampfrichter-Lehrgang teil – obwohl sein Kukkiwon-Dan-Grad von der DTU nicht anerkannt wurde. Seine Reaktion: „Ich hoffe doch, dass Leistung mehr zählt als eine Prüfungsmarke im Pass.“ Mit dieser Haltung konnte er überzeugen und wurde auch auf Bundesebene als Kampfrichter zugelassen – und blieb viele Jahre aktiv.
Johannes van der Broeck war bekannt für seine kompromisslose Neutralität. „Manche Trainer sind drei Meter hochgesprungen vor Ärger – aber hinterher haben wir gemeinsam einen Kaffee getrunken“, erinnert er sich lachend. Auch als Kampfrichterobmann legte er Wert auf Fairness und Transparenz. „Kampfrichter, Sportler und Trainer müssen ein Team sein – keine Konkurrenten.“
„Neutralität ist das höchste Gut im Kampfrichterwesen – auch wenn es manchmal unpopulär ist.“
Der große Bruch
Neben seinen Verbandstätigkeiten gründete und leitete van der Broeck den Monschauer Taekwondo Club (MTC), ebenfalls Teil der Han Kook Family. Zwei seiner Schülerinnen erreichten das Niveau der Deutschen Meisterschaft. Doch ein Vorfall im Verband erschütterte ihn tief: Ein Fall sexuellen Fehlverhaltens wurde aus seiner Sicht nicht angemessen verfolgt. Aus Protest trat er von allen Ämtern zurück, gab seinen Pass und alle Lizenzen ab.
Kurz darauf wechselte er nach Luxemburg, ließ sich dort lizensieren und engagierte sich beim Aufbau des Kampfrichterwesens. Doch 20 Jahre später kam der nächste Einschnitt: Mit 51 Jahren verboten ihm seine Ärzte, weiterhin Taekwondo zu betreiben. Der Abschied fiel schwer. „Ich hatte keinen Kontakt mehr zur Szene – und musste mich zunehmend mit dem Rollstuhl arrangieren“, sagt er.
Rückkehr mit 69 – und eine neue Aufgabe
Erst im Frühjahr 2024 kam der Wendepunkt. Ein früherer Kampfrichter-Schüler stellte den Kontakt zur NWTU wieder her. Johannes war überrascht, wie viele ihn noch kannten. Kurz darauf wurde er gebeten, das neue Referat für Para-Sport und Inklusionsarbeit zu übernehmen – eine Aufgabe, die er mit Freude annahm.
Gleichzeitig wurde er Mitglied im Verein Han Kook Hückelhoven, dessen Trainer Dieter Bransch er schon lange kannte. Dort wagte er nicht nur persönlich wieder die ersten Schritte im Training, sondern ließ sich auch überreden, mit 69 Jahren noch einmal die DOSB-Trainer-C-Lizenz zu absolvieren. „Der Lehrgang war körperlich extrem hart, da half nur eiserner Wille und Durchhaltevermögen – aber ich habe ihn mit einem sehr guten Ergebnis abgeschlossen“, berichtet er stolz.
Heute ist er dort als Trainer aktiv, betreut den Zweikampfnachwuchs und leitet das Programm „Bewegt älter werden“ für Seniorinnen und Senioren zwischen 50 und 70 Jahren.
Inklusion mit Substanz – und Herz
In seinem neuen Amt als Para-Referent der NWTU arbeitet Johannes van der Broeck daran, nachhaltige Strukturen aufzubauen. Ein eigenes Para-Konzept steht bereits. Nun will er Kooperationen mit dem Landessportbund NRW, dem Behindertensportverband und weiteren Partnern auf den Weg bringen. Sein Wunsch: ein Turnier, bei dem Para-Sportler im Mittelpunkt stehen. „Wichtig ist bei der Verbandsarbeit Kontinuität. Kurzfristiges Denken hilft nicht – wir brauchen keine Strohfeuer“, sagt er.
Menschen mit Beeinträchtigung, so Johannes, fehle es oft an Selbstwertgefühl – und genau hier könne Taekwondo viel bewirken. „Der Sport stärkt das Selbstbewusstsein und ist so vielseitig, dass sich für jedes Bedürfnis ein passender Zugang finden lässt.“ Wer einsteige, finde im Breitensport einen sicheren Rahmen. Und wer Talent und Motivation mitbringe, könne auch im Leistungssport Fuß fassen. Doch nicht nur Menschen mit Einschränkungen profitierten von inklusiven Trainingskonzepten. Auch alle anderen lernten dazu. „Inklusion hilft, den Umgang mit Menschen mit Behinderung zu lernen – und macht sensibler für die Bedürfnisse anderer.“
Johannes rät, einfach vor Ort nachzufragen. „Wer den Einstieg in den Para-Sport sucht, sollte sich bei Vereinen in der Nähe umsehen. Auch wenn dort noch keine Para-Sportler trainieren, kann man gemeinsam Strukturen schaffen – wenn beide Seiten bereit sind, aufeinander zuzugehen.“ Ein eindrückliches Beispiel erlebte er bei der Trainer-C-Ausbildung des Landessportverbands, an der er selbst teilnahm: „Ein Rollstuhlfahrer als Teilnehmer – das war für die Verantwortlichen völliges Neuland. Aber sie haben es hervorragend umgesetzt.“ Inzwischen fließe diese Erfahrung sogar in zukünftige Lehrgänge ein.
„Taekwondo kann Menschen mit Beeinträchtigung neues Selbstvertrauen geben – und Vereinen helfen, offener und sensibler zu werden. Inklusion ist keine Einbahnstraße.“
Trainer mit Feingefühl
In seinem Verein betreut er auch drei Jugendliche mit Konzentrationsstörungen. „Menschen mit speziellen Bedürfnissen brauchen viel Zeit und Aufmerksamkeit – und ich versuche, diese Lücke zu füllen.“ Die Unterstützung seines Vereins und von Trainer Dieter Bransch sei dabei entscheidend.
Was sich seit seinen Anfängen verändert hat? Vieles, sagt er. Schutzkonzepte und Sensibilität seien heute stärker ausgeprägt. Früher habe man zu oft Dinge unter den Teppich gekehrt. „Mit mir ging das nie“, sagt er bestimmt.
Ein Aspekt jedoch bereitet ihm Sorgen: „Tae und Kwon werden heute großgeschrieben – das Do spielt oft nur eine Nebenrolle.“ Dabei sei genau dieses Do der Kompass, der ihn getragen hat. Und den er heute weitergibt – mit Überzeugung, Erfahrung und Herz.
Mehr Lebensqualität – durch Taekwondo
Seine Frau zieht ein klares Fazit: „Der Wiedereinstieg in die Taekwondo-Szene hat dich positiv verändert. Du bist ausgeglichener, aktiver und wieder glücklich.“ Und auch Johannes an der Broeck spürt die Veränderung: „Ich bin besser in Form, habe Gewicht reduziert, fühle mich sicherer auf den Beinen. Zu Hause komme ich jetzt ohne Rollstuhl zurecht – das konnte ich vorher nicht.“ Aus dem Umgang mit den koreanischen Großmeistern habe er viel gelernt. „Ich bin ruhiger und gelassener geworden. Erfolg – das sind für mich die Werte, die man gelernt hat und an Jüngere weitergibt.“
