„Wie Taekwondo mein Leben veränderte“
Ein neues Leben im Dobok

Kerstin Heimann erklärt in der neuen Folge unserer Serie wie sie durch unseren Sport Kraft, Selbstvertrauen – und Halt in der Taekwondo-Familie fand.
Als Kind durfte sie nicht. Als Erwachsene traute sie sich nicht. Doch dann entdeckte Kerstin Heimann den Taekwondo-Sport für sich – und fand dabei viel mehr als nur körperliche Stärke. Die Mutter dreier Kinder aus Luxemburg hat im Verein Red Lions Grevenmacher nicht nur ihre Leidenschaft für Taekwondo, sondern auch ein neues Lebensgefühl entdeckt.
„Ich wollte als Kind schon gerne Kampfsport machen“, erinnert sich Kerstin Heimann. „Aber meine Mutter meinte, ich wäre nicht geeignet. Ich war eben ein kleines, dickes Kind.“ Nach dieser Enttäuschung legte sie ihren Traum zunächst zur Seite – bis die Karate Kid-Filme neue Hoffnung weckten: „Ich habe bewundert, wie Daniel trotz aller Widerstände so viel erreicht hat. Das wurde zu einer Art Mantra in meinem Leben.“
Doch das Leben forderte sie auf ganz andere Weise heraus. Nach der Geburt ihrer Kinder kämpfte sie mit gesundheitlichen Problemen, Schmerzen, Depressionen. „Ich fühlte mich in meinem eigenen Körper gefangen. Wenn ich etwas wollte, sagte mein Körper oft: Nein, heute nicht.“ In dieser schweren Zeit begann ihr Sohn mit Taekwondo. Zuerst bekam sie wenig mit vom Training – Corona machte das Zuschauen unmöglich. Später aber wurde sie Stammgast auf der Zuschauerbank – und schließlich Teil der Taekwondo-Familie.
„Ich habe bewundert, wie Daniel trotz aller Widerstände so viel erreicht hat. Das wurde zu einer Art Mantra in meinem Leben.“
Von der Zuschauerin zur Akteurin
„Er wollte dann ins Kampfteam. Beim ersten Turnier hatte ich solche Angst um ihn. Das sollte mein kleiner Schatz jetzt machen? Aber er hat mich eines Besseren belehrt. Jetzt macht er es mit so viel Herzblut und Freude.“ Inzwischen trainiert auch ihre Tochter. „Ich finde es so schön, dass uns der Sport verbindet.“ Und nicht nur das: „Mein Sohn hatte vor Kurzem sein erstes G-Class-Turnier. Er war so nervös, wurde aber so lieb von den anderen aufgenommen und motiviert – das war so schön.“
Zunächst blieb Kerstin Zuschauerin – bis sie zwei andere Mütter ansprachen: Warum sie es nicht einfach selbst versuchen wolle? „Beim nächsten Training habe ich dann mitgemacht. Ich hätte nie gedacht, dass ich je eine Poomsae oder einen Kampf hinbekomme. Nach dem Training war ich völlig fertig. Aber ich habe nicht daran gedacht aufzugeben. Im Gegenteil – es war ein kleines Feuer erwacht.“
Sie entdeckte: Sie konnte mithalten. Sie war besser als gedacht. „Mein Trainer meinte dann, ich sollte mal eine Gurtprüfung versuchen. Ich habe ihn für verrückt gehalten. Ich – zwischen all den Kindern? Aber ich habe es gemacht. Bei der Übergabe meines weiß-gelben Gürtels sind mir die Tränen gekommen. Ich war in dem Moment so unsagbar stolz auf mich selbst.“ Und nicht nur sie – der ganze Dojang freute sich mit ihr.
„Das zeichnet unsere Familie aus: Wir geben uns Halt und helfen einander bei Ängsten und Sorgen. Nach diesem Tag wusste ich: Du kannst das – und du kannst noch mehr schaffen, wenn du weitermachst.“
Vorbild für den Nachwuchs
Besonders berührt hat sie ein Satz einer Mittrainierenden: „Sie sagte, sie hätte nur angefangen, weil sie mich bei der Prüfung gesehen hat – das hatte ihr Mut gemacht. Das ging mir sehr ans Herz.“
Auch als eine Operation die geplante Grüngurtprüfung verhinderte, blieb sie nicht allein. „In dieser schwierigen Zeit war mein Trainer wieder für mich da. Und meine Kollegen im Dojang haben mir Mut gemacht. Ich danke ihnen von Herzen.“
Taekwondo hat ihr Leben verändert. Heute trägt sie den Gelb-Grün-Gurt – und vor allem: ein neues Selbstbewusstsein. „Wenn es mal stressig wird, beruhigt mich Poomsae – das ist fast schon meditativ geworden. Und der Satz ‚Ein Kämpfer gibt nie auf‘ hat für mich eine neue Bedeutung.“
Und was rät sie anderen, die noch zögern?
