Mike McKenzie’s Kolumne

Taekwondo – Kampfkunst, Sport, olympische Disziplin

Zur Person: Mike McKenzie

Michael McKenzie leitet einen der erfolgreichsten Vereine Großbritanniens. Er war unter anderem Sportmanager für Taekwondo bei den Olympischen Spielen 2012 in London und Vizepräsident von British Taekwondo. Seine langjährige und vielseitige Erfahrung bringt er immer wieder als Kommentator bei Taekwondo-Veranstaltungen ein.

Taekwondo ist die koreanische Kunst der Selbstverteidigung – und zugleich eine olympische Sportart.

In jedem europäischen Land existiert eine Mitgliedsnationalorganisation (MNA) der Europäischen Taekwondo Union (ETU), der kontinentalen Organisation, die von World Taekwondo (WT) anerkannt ist. So wird der Sport weltweit organisiert. Die Kampfkunst selbst liegt in den Händen des Kukkiwon, dem World Taekwondo Headquarters in Seoul.

Jede Schule bewegt sich in diesem System – oder außerhalb davon. Wer draußen ist, praktiziert oft den ITF-Stil, manche sind ganz unabhängig. Nicht jede MNA pflegt enge Beziehungen zum Kukkiwon. Doch auf internationaler Ebene arbeiten WT und Kukkiwon zusammen. Für Spitzensportler im Schwarzgurtbereich wie auch für Offizielle ist eine Kukkiwon-Zertifizierung obligatorisch. Außerdem erkennt Kukkiwon auch Praktizierende an, die nicht über MNAs organisiert sind.

WT ist vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) anerkannt und allein verantwortlich für die Qualifikation der Taekwondo-Athleten für die Olympischen Spiele. Dabei vertreten die Athleten nicht die MNA, sondern das Nationale Olympische Komitee (NOC) ihres Landes.

Ist dieses System perfekt? – Nein, bei weitem nicht. Gehört es zu den besten in der Welt der Kampfkünste? – Ja! Sonst wäre Taekwondo nie olympisch geworden. Ein Erfolg, an dem viele andere Kampfkünste gescheitert sind. Kickboxen, Muay Thai, Karate und Kung Fu genießen zwar IOC-Anerkennung, sind aber nicht Teil des olympischen Programms. Manche schafften es lediglich bis zu den World Games – einem Sprungbrett für olympische Anwärter.

Kritik und Konflikte

Natürlich gibt es Kritik. Manche stören sich an den Wettkampfregeln und deren Auslegung. Poomsae-Praktizierende beklagen zu viel Gewicht auf Kyorugi. Umgekehrt sehen Kämpfer das traditionelle Taekwondo oder Poomsae als störend für sportliche Höchstleistungen. Andere stellen die Selbstverteidigungswirksamkeit insgesamt infrage.

Immer wieder entstehen neue Organisationen unter dem „Taekwondo-Dach“. Manche setzen bewusste Schwerpunkte – wie die World Children’s Taekwondo Union (CTU) oder die World Taekwondo Defense Federation. Sie verfolgen klare Ziele und ergänzen die bestehende Struktur. Andere wiederum kritisieren das System und behaupten, ein „traditionelleres“ oder „realistischeres“ Taekwondo zu bieten. Manche nutzen die Kukkiwon-Zertifizierung, um ihre eigene Stellung zu legitimieren.

Ein Sport im Wandel

Taekwondo hat sich in den letzten Jahrzehnten radikal verändert – und ist kaum wiederzuerkennen im Vergleich zu den 80er- und 90er-Jahren. Das gilt für viele Sportarten, die durch Technologie und Sportwissenschaft geprägt wurden. Die heutigen Topathleten sind fitter, schneller, stärker, taktisch klüger und technisch versierter. Dadurch sind Kämpfe ausgeglichener – und manchmal weniger spektakulär. Gleichzeitig hat dies die Vorherrschaft einzelner Nationen beendet – in früheren Zeiten ein gravierendes Problem, durch das Taekwondo fast seinen olympischen Status verloren hätte, wäre da nicht die politische Durchsetzungskraft von Un Yong Kim gewesen.

Doch das größte Problem sind weniger die Regeln selbst als ihre ständigen Änderungen und Interpretationen. Sie sorgen für Verwirrung bei Sportlern und Trainern – und für Unstimmigkeiten bei Schiedsrichtern.

Nationale Probleme

Auch nationalen Mitgliedsverbänden tragen oft zur Frustration der Praktizierenden bei. Ein gutes Beispiel: British Taekwondo. Trotz aller Erfolge fehlt es dort an zuverlässigen PSS-Systemen im Breitensport, ein IVR-System existiert nicht. Startgebühren und Mitgliedsbeiträge haben sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Trainer treten aus oder registrieren nicht alle Mitglieder. Hinzu kommt: Die meisten Verbands-Mitarbeiter kommen nicht aus  dem Taekwondo – ein Grund für mangelndes Verständnis und Unzufriedenheit.

Wer sich ausgeschlossen fühlt, sucht Alternativen. Außerhalb von WT und ohne die Pflichten einer MNA ist es leicht, Kritik zu üben. Doch am Ende dienen solche Gruppen meist nur ihrer eigenen Führung. Der einzige echte Weg führt zurück ins MNA-System.

„You have to be in it, to win it!“

Warum Menschen anfangen

Die wenigsten beginnen mit Taekwondo, um Olympiasieger zu werden. Die meisten starten, weil Eltern sich mehr Selbstvertrauen und Disziplin für ihre Kinder wünschen. Viele haben ein Bild vom Kampfkunsttraining, das sich im Dojang rasch verändert. Unsere Verantwortung als Trainer ist es, jedem Schüler die Möglichkeit zu geben, sein Potenzial zu entfalten. Und wer das Zeug zum Weltklasseathleten hat, braucht einen klaren Weg dorthin.

Selbstverteidigung – mehr als Sport

Ob Taekwondo als realistisches Selbstverteidigungssystem wirksam ist, hängt stark vom Übenden ab. „It’s the man, not the Dan.“ Kritiker verweisen auf die Sportregeln – ein naiver Einwand. Denn Sport-Taekwondo ist ein regelgebundener Kontaktsport mit dem Ziel, Punkte zu erzielen. Selbstverteidigung aber ist mehr. Ihr größter Nutzen liegt in einer besseren körperlichen und geistigen Verfassung.

Selbstverteidigung bedeutet nicht Kämpfen. Sie heißt: eine Bedrohung möglichst schnell und effektiv zu beenden. Praktisches Taekwondo bedeutet Bewegung, Verteidigung, Konter. Dieser Konter kann alles sein – ein Kopfstoß, ein Knie in die Leiste –, solange er präzise und im richtigen Moment ausgeführt wird. Das Training vermittelt die Grundlagen: maximale Kraft, maximale Schlagwirkung.

Eine persönliche Reise

„Taekwondo ist vor allem eins: eine persönliche Reise.“

Für die meisten bleibt sie auf den eigenen Verein, die Schule oder den Dojang beschränkt. Einige wagen den Schritt in den Wettkampf, nur wenige werden Weltklasseathleten. Den Weg bestimmt vor allem der Trainer. Seine Verantwortung ist es, eine Perspektive zu schaffen, die im besten Interesse des Schülers liegt.

Und diese Perspektive ist – trotz aller Schwächen – im bestehenden System am besten aufgehoben. Es ist nicht perfekt. Aber es ist das Beste, was die Taekwondo-Gemeinschaft hat.