Titel verteidigt

Geschichte geschrieben Lorena Brandl

Die Europameisterschaft 2026 in München wurde für Lorena Brandl zu einem ganz besonderen Erfolg. Als erste deutsche Taekwondo-Sportlerin verteidigte sie ihren Europameistertitel und begeisterte damit die Fans im BMW Park. Im Interview spricht die zweifache Europameisterin über ihren Weg zum Titel, die Bedeutung ihres Teams und die Rolle des mentalen Trainings.

Taekwondo Aktuell: Am 14. Mai hast Du Deinen Europameistertitel erfolgreich verteidigt. Bist Du bereits mit dem Gefühl in die Europameisterschaft gegangen, dass Dir das gelingen kann?

Lorena Brandl: Zunächst hatte ich eine sehr gute Vorbereitung und wusste deshalb, dass ich in guter Form bin. Natürlich entsteht automatisch etwas mehr Druck, wenn man als Titelverteidigerin in ein Turnier geht. Gleichzeitig ist genau das aber auch ein zusätzlicher Ansporn. Ich wollte den Titel erneut gewinnen. Am Ende gehört dieser Druck dazu und motiviert mich.

Taekwondo Aktuell: Welcher Kampf war für Dich der härteste bei dieser Europameisterschaft?

Lorena Brandl: Tatsächlich war es das Finale. Für mich persönlich war das wahrscheinlich der beste Kampf meiner bisherigen Karriere. Die Schnelligkeit, die Explosivität und die Spannung waren kaum zu übertreffen.

Meine Finalgegnerin kämpfte noch bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 in der Gewichtsklasse -67 kg und gewann dort die Silbermedaille. Entsprechend bringt sie auch in der Gewichtsklasse +73 kg eine enorme Schnelligkeit mit. Umso zufriedener bin ich mit meiner Leistung, denn ich konnte den Kampf sehr gut mit meinen Stärken kontrollieren und die zuvor erarbeitete Taktik konsequent umsetzen.

Taekwondo Aktuell: Zu Deinem Finalkampf war jede Menge Prominenz anwesend: der bayerische Ministerpräsident, der Münchner Oberbürgermeister, der IOC-Ehrenpräsident, der WT-Präsident und viele weitere Gäste. Hast Du das wahrgenommen, und hat Dich das vielleicht sogar unter Druck gesetzt?

Lorena Brandl: Das habe ich tatsächlich erst nach meinem Finalsieg erfahren und somit nicht davor wahrgenommen. Ich bin mental immer sehr im Fokus und nehme drumherum sehr wenig wahr.

Taekwondo Aktuell: Besonders schön war die Unterstützung durch die vielen Fans, die Deinen Sieg gemeinsam mit Dir gefeiert haben. Wer war alles vor Ort, und was bedeutet Dir diese Unterstützung?

Lorena Brandl: Meine ganze Familie, Freunde, Verwandte, viele Vereinskollegen und zahlreiche weitere Fans waren an diesem Tag im BMW Park, um mich anzufeuern. Das war einfach unglaublich und bedeutet mir unheimlich viel.

Ich bin jedem Einzelnen dankbar, der vor Ort war und mitgefiebert hat. Diese Unterstützung hat mich den gesamten Tag über motiviert und zusätzlich gepusht. Wenn man auf der Kampffläche steht und die ganze Arena den eigenen Namen ruft – „Lo-re-na!“ –, dann ist das ein unbeschreibliches Gefühl. Solche Momente geben einem unglaublich viel Energie und Selbstvertrauen.

Es war einfach etwas ganz Besonderes und ein Erlebnis, das ich niemals vergessen werde!

Taekwondo Aktuell: Du bist nun zweifache Europameisterin. Hat sich der zweite Titel anders angefühlt als der erste?

Lorena Brandl: Es ist noch einmal schöner, weil es im eigenen Land und noch dazu in Bayern, also in München, war. Den Titel vor heimischem Publikum zu verteidigen, ist etwas ganz Besonderes und verleiht dem Erfolg eine zusätzliche Bedeutung.

Die EM 2024 war bereits ein unvergessliches Erlebnis, aber die EM 2026 hatte für mich noch einmal einen ganz anderen Stellenwert. Als Titelverteidigerin anzutreten und diese Mission erfolgreich abzuschließen, macht diesen Erfolg für mich noch wertvoller.

Dass ich meinen Titel vor Familie, Freunden und den vielen Fans in meiner Heimat verteidigen konnte, hat das Ganze noch einmal getoppt. Noch dazu hatte ich am nächsten Tag Geburtstag und habe mir damit selbst das beste Geburtstagsgeschenk gemacht.

Taekwondo Aktuell: Seit vielen Jahren begleiten Dich Bernhard Bruckbauer und Vanessa Körndl auf Deinem sportlichen Weg. Welche Rolle spielen die beiden für Deinen Erfolg und was macht Eure Zusammenarbeit so besonders?

Lorena Brandl: Berni ist seit 2011 mein Trainer und begleitet mich damit bereits seit 15 Jahren. In dieser Zeit sind wir gemeinsam im Leistungssport gewachsen, haben viele Höhen erlebt, aber auch Rückschläge und Verletzungen bewältigt.

Solche Erfolge sind nur möglich, wenn man einen Trainer an seiner Seite hat, der immer 110 Prozent gibt und selbst in schwierigen Situationen nach Lösungen sucht, wenn andere vielleicht schon aufgeben würden.

Genauso besonders ist für mich, dass ich seit 2011 gemeinsam mit Vanessa trainiere. Wir absolvieren täglich unsere Trainingseinheiten, reisen zusammen zu Wettkämpfen und Trainingslagern und gehen unseren Weg gemeinsam in der Nationalmannschaft und bei der Bundeswehr.

Mit seiner besten Freundin diesen Weg im Leistungssport gehen zu dürfen, ist alles andere als selbstverständlich und für mich unglaublich wertvoll. Wir unterstützen uns gegenseitig, motivieren uns jeden Tag aufs Neue und teilen die besonderen Momente genauso wie die Herausforderungen, die dieser Sport mit sich bringt.

Ich bin unglaublich dankbar für das Vertrauen, die Unterstützung und die Menschen, die mich seit so vielen Jahren auf meinem Weg begleiten. Berni ist für mich ein ganz besonderer Trainer und Vanessa eine ganz besondere Wegbegleiterin. Zusammen sind wir seit Jahren ein unschlagbares Team!

Taekwondo Aktuell: Du sprichst oft über die Bedeutung des mentalen Trainings. Wie bist Du ursprünglich dazu gekommen?

Lorena Brandl: Die Idee kam tatsächlich von meinem Trainer. Anfangs war ich dem Vorschlag gegenüber eher zurückhaltend, weil ich nicht genau wusste, was auf mich zukommt.

Heute bin ich aber sehr dankbar, dass ich auf ihn gehört und 2019 die Zusammenarbeit mit meiner Mentaltrainerin begonnen habe. Mentales Training ist ein entscheidender Faktor im Leistungssport. Es hilft dabei, über vermeintliche Grenzen hinauszugehen und auch dann noch Leistung abzurufen, wenn der Kopf eigentlich schon aufgeben möchte.

Genau deshalb ist es für mich heute ein unverzichtbarer Bestandteil meines Trainings.

Taekwondo Aktuell: Gibt es bestimmte Routinen oder Techniken, die Du unmittelbar vor einem wichtigen Kampf anwendest?

Lorena Brandl: Zum einen meine mentale Routine und kurze neuronale Übungen direkt vor dem Kampf.

Taekwondo Aktuell: Was motiviert Dich nach all Deinen Erfolgen jeden Tag aufs Neue ins Training zu gehen?

Lorena Brandl: Der Sport ist meine große Leidenschaft und ich habe noch einige Ziele, die ich erreichen will. Genau dieser Antrieb motiviert mich jeden Tag, weiter hart zu arbeiten und mich Schritt für Schritt weiterzuentwickeln.

Taekwondo Aktuell: Gibt es außerhalb des Taekwondo einen Ausgleich, der Dir hilft, abzuschalten?

Lorena Brandl: Wenn ich nicht in der Halle im Training bin, genieße ich vor allem die Zeit mit Familie und Freunden. Und wenn es der Terminkalender zulässt, liebe ich es, kurze spontane Ausflüge zu machen.

Taekwondo Aktuell: Welche Eigenschaften haben Dir auf Deinem bisherigen Weg am meisten geholfen?

Lorena Brandl: Disziplin, Durchhaltevermögen, niemals aufgeben, wenn es schwer wird, immer ein Ziel vor Augen haben und daran glauben!

Taekwondo Aktuell: Du hast in einem Interview bei der Euro gesagt, dass Dir viel daran liegt, durch Deine Erfolge auch jüngere Sportlerinnen und Sportler zu pushen. Hast Du eine Botschaft, die Du gerade dem Nachwuchs mitgeben möchtest?

Lorena Brandl: Ich bin sehr gerne Vorbild für den Nachwuchs. Meine Botschaft ist: Das, was Du Dir vorstellen kannst, das kannst Du auch erreichen. Deshalb ist mein Rat: Immer fleißig ins Training gehen, sein Bestes geben, Spaß haben und die Ziele immer vor Augen haben.