Ji-pyo Lim im Interview

Mut zur Erneuerung

Ji‑pyo Lim leitet heute die MUDO Academy – mit rund 1.400 Mitgliedern an zwei Standorten die größte Taekwondo-Schule Schwedens. In dieser neuen Serie beleuchtet er zentrale Erfolgsfaktoren moderner Taekwondo-Schulen und gibt praxisnahe Impulse aus seiner langjährigen Erfahrung.

Zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn stand Ji-pyo Lim vor zwei wegweisenden Entscheidungen: Er übernahm den ältesten Taekwondo-Club Schwedens von seinem Vater, einem der europäischen Taekwondo-Pioniere. Gleichzeitig führte er die bis dahin gemeinnützig organisierte Schule in ein unternehmerisches Modell.
Wie er diesen Generationenwechsel und die strategische Neuausrichtung erlebt, gestaltet und gemeistert hat, beschreibt er in Folge 1 unserer neuen Serie.

Teil 1: Von der Tradition zum Unternehmen
Wie ein Generationenwechsel erfolgreich gelingen kann

Der Übergang von einer Gründerpersönlichkeit zur nächsten Generation bringt in allen Bereichen der Gesellschaft ähnliche Herausforderungen mit sich – unabhängig davon, ob es sich um ein kleines Geschäft oder ein großes Unternehmen mit Tausenden von Mitarbeitenden handelt. Die Gründer verfügen meist über langjährige Erfahrung und klar gefestigte Überzeugungen. Die nachfolgende Generation hingegen bringt eine neue Ausbildung, neue Ideen und ein anderes Verständnis der aktuellen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit.

Im Taekwondo-Dojang kommt eine besondere Dimension hinzu: Die Schülerinnen und Schüler begegnen dem Gründer nicht nur als Leiter, sondern als ihrem Meister – mit entsprechend tief verwurzeltem Respekt. Damit der Übergang zur nächsten Generation erfolgreich verläuft, muss auch dieser neue Meister als Autorität akzeptiert werden. Entscheidend dafür ist Transparenz: Die Lernenden müssen nachvollziehen können, warum Veränderungen notwendig sind und welchen Weg der Generationenwechsel nimmt.

In manchen Fällen kann eine radikale Neuausrichtung – eine regelrechte Revolution – erfolgreich sein. In den meisten Situationen jedoch führt ein schrittweiser Übergang zu nachhaltigerem Erfolg. In jedem Fall basiert ein gelungener Generationenwechsel auf gegenseitigem Verständnis und Respekt. Der Gründer muss Vertrauen in die Fähigkeiten der nächsten Generation entwickeln. Diese wiederum sollte die Traditionen und die gewachsene Kultur achten – und Veränderungen mit Sensibilität, Respekt vor der Geschichte und Anerkennung der bisherigen Erfolge umsetzen.

Vom gemeinnützigen Dojang zum erfolgreichen Unternehmen
Gedanken zur Transformation

Meine wichtigste Empfehlung lautet: Nehmen Sie sich Zeit, setzen Sie sich hin und schreiben Sie Ihre Gedanken auf – und beginnen Sie, einen klaren Plan zu entwickeln. Ihr heutiges gemeinnütziges Dojang kennen Sie sehr gut. Über die Zukunft jedoch wissen Sie zunächst wenig.

Stellen Sie sich unter anderem folgende Fragen:

  • Was ist Ihr Ziel, wenn Sie ein Unternehmen statt eines gemeinnützigen Dojangs führen?
  • Welche Zukunft wünschen Sie sich – für Ihr Dojang als Unternehmen und persönlich für sich als Meister und Inhaber?
  • Welche Herausforderungen und Vorteile bietet Ihr aktuelles gemeinnütziges Modell?
  • Welche neuen Chancen und Risiken entstehen mit einem unternehmerischen Dojang?
  • Wie verändern sich Verantwortung und Risiko? Müssen Sie investieren? Einen Mietvertrag für größere oder teurere Räumlichkeiten eingehen?
  • Streben Sie viele Mitglieder an, sportliche Erfolge im Wettkampf, wirtschaftlichen Gewinn – oder alles zusammen?
  • Sind Sie bereit, sehr viel zu arbeiten, oder sind Freizeit und Work-Life-Balance für Sie ein zentraler Wert?
  • Sind Sie auf das neue Maß an Verantwortung und persönlichem Risiko vorbereitet?
  • Der Wechsel vom gemeinnützigen Modell zu einem unternehmerisch geführten Dojang eröffnet große Chancen und das Potenzial für eine außergewöhnliche Zukunft. Gleichzeitig bedeutet er mehr Verantwortung, deutlich mehr Arbeit und erhöhte Risiken im privaten Bereich. Eine solide Vorarbeit – mit gründlicher Analyse sowie einer ehrlichen Gegenüberstellung von Chancen und Risiken – erhöht die Wahrscheinlichkeit, ein dauerhaft erfolgreiches Unternehmen aufzubauen.

Zum Autor

Ji‑pyo Lim zählt zu den prägenden Persönlichkeiten des nordischen Taekwondo. Seit 1986 ist er als Trainer tätig, seit dem Jahr 2000 gilt er als Pionier professionell geführter Taekwondo-Schulen in Schweden. Heute leitet er die größte Taekwondo-Schule des Landes und verfügt über ein außergewöhnlich breit gefächertes internationales Netzwerk innerhalb von World Taekwondo und Kukkiwon.

Ausblick auf Teil 2
Neustart bei null
Was ein Meister lernt, wenn er wirklich wieder von vorne beginnt

 

In Teil 2 der Serie schildert Ji-pyo Lim einen konsequenten Neuanfang: 2010 verkaufte er seine erfolgreiche Taekwondo-Schule und begann nur sechs Monate später erneut bei null. Welche Lehren dieser Schritt für Führung, Verantwortung und unternehmerisches Denken bereithielt, steht im Mittelpunkt der Fortsetzung.