Taekwondo-Brücken bauen
Die Mission von Meister An Hyeongwon in Ägypten

Interview mit Kukkiwon-Dispatch-Master Hyeongwon An

Von den Universitätsdojangs Koreas bis in die Trainingshallen von New Cairo hat Meister An Hyeongwon eine Laufbahn aufgebaut, die ganz der Taekwondo-Ausbildung und -Entwicklung gewidmet ist. Als Kukkiwon-Dispatch-Master spielt er heute eine zentrale Rolle bei der Betreuung der ägyptischen Poomsae-Nationalmannschaft und der Förderung des Taekwondo im ganzen Land. In diesem Interview blickt er auf seinen Weg zurück, spricht über Erfolge und Herausforderungen – und über seine Hoffnungen für die Zukunft des ägyptischen Taekwondo.

Ein Weg, geprägt von Leidenschaft und Zielstrebigkeit

Taekwondo Aktuell: Meister An, könnten Sie uns Ihren persönlichen Taekwondo-Werdegang vor Ihrer Zeit in Ägypten schildern?

Meister An: Ja, sehr gerne. Ich habe 1998 – wie viele koreanische Kinder – in einer Taekwondo-Schule in Bucheon mit Taekwondo begonnen. Zunächst war ich Wettkämpfer im Kyorugi, wechselte dann während der Highschool zum Poomsae und setzte meine Laufbahn als Poomsae-Athlet an der Dankook University fort. Schon während meiner aktiven Zeit setzte ich mir das langfristige Ziel, Taekwondo im Ausland zu unterrichten. Deshalb lernte ich Fremdsprachen und absolvierte in den Schulferien jedes Jahr Praktika in den USA.

Nach dem Abschluss arbeitete ich über den Korea Sports Council als Taekwondo-Trainer, doch die Kombination aus Arbeit, Studium und Training war schwer zu bewältigen. Daher wechselte ich an die Dankook University und arbeitete dort als Poomsae-Trainer, während ich parallel weiter Sprachen studierte. In dieser Zeit sah ich, wie ein älterer Kollege sich auf die Prüfung zum staatlich entsandten Kukkiwon-Instruktor vorbereitete. Als ich mehr über die Aufgaben und Möglichkeiten dieser Position erfuhr, weckte das mein Interesse und motivierte mich schließlich zur Bewerbung.

Taekwondo Aktuell: Was hat Sie dazu bewegt, Korea zu verlassen und Taekwondo im Ausland zu unterrichten?

Meister An: Seit meiner Universitätszeit wollte ich Taekwondo im Ausland unterrichten und mich außerhalb Koreas weiterentwickeln. Ein Schlüsselmoment war 2014 bei den US Open Taekwondo Championships, wo ich eine Goldmedaille gewann. Während dieser Reise besuchte ich zahlreiche Taekwondo-Schulen in den USA, lernte dortige Trainer kennen und beobachtete ihre Arbeitsweise. Das bestärkte meinen Wunsch, Taekwondo auch in anderen Ländern hauptberuflich zu vermitteln.

Taekwondo Aktuell: Warum haben Sie sich für Ägypten entschieden?

Meister An: Ich bestand die Kukkiwon-Prüfung im zweiten Anlauf. Unter den verfügbaren Einsatzländern sprach mich Ägypten am meisten an – allein die Vorstellung, dort Taekwondo zu fördern, begeisterte mich. Ich hatte zudem das Gefühl, dass sich mir vielleicht nur einmal im Leben die Chance bieten würde, zur Verbreitung des Taekwondo in Afrika beizutragen. Deshalb bewarb ich mich ausschließlich für Ägypten. Zu dieser Zeit stand auch meine Hochzeit bevor, daher besprach ich die Entscheidung ausführlich mit meiner Frau, um sowohl berufliche als auch familiäre Aspekte zu berücksichtigen.

Taekwondo Aktuell: Wann sind Sie nach Ägypten gekommen und wo leben Sie heute?

Meister An: Ich wurde am 1. Juli 2021 entsandt und lebe derzeit in New Cairo.

Taekwondo Aktuell: Was schätzen Sie besonders am Leben in Ägypten?

Meister An: Vor allem erfüllt es mich, die Leistungssteigerung der Poomsae-Nationalmannschaft zu sehen. Auch die Teilnahme an Veranstaltungen zur Förderung des Taekwondo in Ägypten ist sehr bereichernd. Persönlich genieße ich es, mich Schritt für Schritt an die ägyptische Kultur anzupassen und den Alltag in einer Gesellschaft zu erleben, die sich stark von Korea unterscheidet.

Eine einmalige Chance
„Ich hatte das Gefühl, dass sich mir nie wieder eine solche Gelegenheit bieten würde, Taekwondo in Afrika zu verbreiten. Deshalb habe ich mich ausschließlich für Ägypten beworben.“
Meister An Hyeongwon

Lehren, führen und inspirieren

Taekwondo Aktuell: Können Sie den Weg zu Ihrer Ernennung als Kukkiwon-Dispatch-Master beschreiben und wie Ihre Arbeit in Ägypten begann?

Meister An: Wie bereits erwähnt, entstand mein Wunsch, im Ausland zu unterrichten, schon während der Universitätszeit und wurde durch Praktika und den Austausch mit internationalen Trainern weiter gefestigt. Zu sehen, wie sich ein älterer Kollege für das staatliche Entsendeprogramm bewarb, zeigte mir, wie sinnvoll und bedeutsam diese Aufgabe ist. Ich wurde 2021 entsandt, verbrachte etwa drei Monate mit der Eingewöhnung und begann 2022 offiziell als Cheftrainer der ägyptischen Poomsae-Nationalmannschaft.

Taekwondo Aktuell: Was sind Ihre Hauptaufgaben und Tätigkeiten als Kukkiwon-Dispatch-Master in Ägypten?

Meister An: Ich arbeite unter dem Dach des ägyptischen Taekwondo-Verbandes als Cheftrainer der nationalen Poomsae-Mannschaft. Ich leite Seminare für Trainer und Athleten, arbeite daran, das technische Niveau landesweit anzuheben, und fördere Taekwondo in der Öffentlichkeit. Um die Basis zu verbreitern, unterrichte ich zudem am Koreanischen Kulturzentrum sowie an internationalen Schulen.

Taekwondo Aktuell: Welche Aspekte Ihrer Arbeit bereiten Ihnen persönlich die größte Freude?

Meister An: Der Aufbau enger Beziehungen zu den Athleten und meine eigene Anpassung an die ägyptische Kultur bereiten mir große Freude. Ich bin stolz, wenn das Team erfolgreich ist, und tief bewegt, wenn Athleten Begeisterung für neue Techniken zeigen. Auch der Unterricht mit gewöhnlichen Ägyptern und Ausländern ist sehr erfüllend – mitzuerleben, wie sie sich von neugierigen Anfängern zu engagierten Taekwondoin entwickeln, gibt mir große Zufriedenheit.

Ein wachsendes Taekwondo-Land
„Als ich ankam, gab es etwa 4.000 Taekwondo-Praktizierende. Heute sind es nahezu 30.000 – ein Wachstum, zu dem ich mit Stolz beigetragen habe.“
Meister An Hyeongwon

Erfolge und Herausforderungen

Taekwondo Aktuell: Was waren bisher Ihre größten Erfolge in Ägypten? Worauf sind Sie besonders stolz?

Meister An: Der wichtigste Erfolg ist die Ausweitung der Taekwondo-Basis von rund 3.500 bis 4.000 auf heute etwa 30.000 Aktive. Im Wettkampf erreichten wir den 3. Platz bei den World Taekwondo Poomsae Championships 2022 in Goyang, mehrere Goldmedaillen und den Gesamtsieg bei den Afrikameisterschaften, MVP-Auszeichnungen sowie den 3. Platz bei den World Taekwondo Poomsae Championships 2024 in Hongkong. Besonders stolz bin ich auf die ägyptischen Athleten, die diese Leistungen neben ihrem Alltag und ihren Verpflichtungen erbracht haben.

Taekwondo Aktuell: Was war Ihr glücklichster oder erfüllendster Moment als Dispatch Master?

Meister An: Als Vertreter Koreas in Ägypten tätig zu sein, erfüllt mich sehr. Ich bin stolz darauf, Taekwondo in Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen und dem nationalen Verband zu verbreiten. Besonders glücklich bin ich, wenn ich bei Wettkämpfen deutliche Leistungssteigerungen der Athleten sehe.

Taekwondo Aktuell: Und was war die größte Herausforderung in Ihrer bisherigen Tätigkeit?

Meister An: In jungen Jahren entsandt zu werden und mit vielen älteren Trainern zusammenzuarbeiten, war anfangs schwierig. Kulturelle Einstellungen führten dazu, dass Jüngere manchmal weniger ernst genommen wurden. Durch fundiertes technisches Wissen, das direkte Demonstrieren von Techniken und eine aufrichtige Arbeitsweise konnte ich jedoch nach und nach Vertrauen gewinnen. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, dass Fachkompetenz und Aufrichtigkeit wichtiger sind als das Alter.

Alter definiert keine Kompetenz
„Als junger Mensch in einer Führungsrolle zu arbeiten, war zunächst herausfordernd. Doch durch Technik, Wissen und Aufrichtigkeit konnte ich Anerkennung gewinnen. Taekwondo lehrt uns, dass Kompetenz wichtiger ist als das Alter.“
Meister An Hyeongwon

Die Entwicklung des Taekwondo in Ägypten

Taekwondo Aktuell: Wie war der Stand des Taekwondo in Ägypten bei Ihrer Ankunft, und wie hat er sich seitdem entwickelt?

Meister An: Ägypten verfügte bereits über eine Basis, die von früheren Kukkiwon- und KOICA-Instruktoren gelegt worden war. Kyorugi war auf einem ordentlichen Niveau, und das Land begann wieder internationale Medaillen zu gewinnen. Poomsae hingegen war weniger entwickelt – viele Athleten nutzten veraltete Techniken oder orientierten sich an bloßer Nachahmung. Als Cheftrainer führte ich ein neues Wettkampfsystem ein und intensivierte die Poomsae-Förderung. Die Teilnehmerzahlen stiegen deutlich, und die Nationalmannschaft feierte seither kontinuierliche internationale Erfolge. Die Entwicklung verlief stetig und nachhaltig.

Taekwondo Aktuell: Wie würden Sie die aktuelle Taekwondo-Landschaft in Ägypten beschreiben? Wo liegen ihre Stärken?

Meister An: Ägypten verfügt über viele natürlich talentierte Athleten, deren volles Potenzial noch nicht ausgeschöpft ist. Trotz begrenzter staatlicher Unterstützung trainieren viele aus reiner Leidenschaft – das verleiht der Szene große Energie und Widerstandskraft. Auch der Verband unternimmt sichtbare Anstrengungen, um sich trotz eingeschränkter Mittel auf Wettkämpfe vorzubereiten.

Taekwondo Aktuell: Welche Herausforderungen bestehen aktuell?

Meister An: Als Entwicklungsland stößt Ägypten an Grenzen hinsichtlich Infrastruktur und finanzieller Unterstützung. Viele Athleten müssen ihre Wettkampfteilnahmen selbst finanzieren, insbesondere im Poomsae-Bereich. Große Turniere sind oft nur für Prioritätsathleten realisierbar. Diese Schwierigkeiten liegen nicht am fehlenden Willen – der Verband tut, was möglich ist –, sondern an praktischen finanziellen Einschränkungen.

Taekwondo Aktuell: Gab es Initiativen oder Veranstaltungen, die das Interesse am Taekwondo besonders gesteigert haben?

Meister An: Das Interesse wuchs stark durch Ägyptens Erfolge bei den Olympischen Spielen, bei verschiedenen World Taekwondo Championships in Poomsae und Kyorugi sowie bei den Afrikameisterschaften. Auch der Korea Ambassador Cup, der nach der Pandemie wieder stattfand, und die Vorführung des Kukkiwon-Demonstrationsteams hatten großen Einfluss. Vorführungen bei staatlichen und institutionellen Anlässen trugen ebenfalls erheblich zur Popularität bei.

Taekwondo Aktuell: Erhalten Sie Unterstützung durch externe Stellen wie die koreanische Botschaft oder Unternehmen?

Meister An: Über die koreanische Botschaft setzen wir Projekte zur Taekwondo-Förderung und zur Ausstattung mit Trainingsmaterial um. Weitere externe Unterstützung erhalten wir derzeit nicht.

Blick in die Zukunft

Taekwondo Aktuell: Welche Ziele und Pläne haben Sie für die zukünftige Entwicklung des Taekwondo in Ägypten?

Meister An: Der ägyptische Taekwondo-Verband hat ein Memorandum of Understanding mit Kukkiwon und dem Kukkiwon-Büro in Kairo unterzeichnet. Ziel ist es, Wettkämpfe, Prüfungen und Bildungsprogramme auszubauen und die kontinuierliche Teilnahme an internationalen Veranstaltungen sicherzustellen, damit ägyptische Athleten mehr Erfahrung sammeln können.

Persönlich bin ich überzeugt, dass regelmäßige Taekwondo-Kurse in staatlichen Einrichtungen, Universitäten, Schulen und öffentlichen Räumen die Zahl der Anfänger erhöhen und die Popularität des Taekwondo weiter steigern werden. Diese Aktivitäten möchte ich weiter ausbauen.

Botschaft an die Taekwondo-Community

Taekwondo Aktuell: Möchten Sie unseren Lesern und der Taekwondo-Community noch etwas mit auf den Weg geben?

Meister An: Ich bin dankbar für die Möglichkeit, Taekwondo in Ägypten zu vermitteln und mit so vielen engagierten Athleten zusammenzuarbeiten. Ich hoffe, dass wir durch Taekwondo weiterhin Brücken zwischen Kulturen bauen und noch mehr Menschen die Werte und den Geist unserer Kampfkunst erleben lassen können.