Kukkiwon Dispatch Master Kim Kitae

Taekwondo-Aufbauarbeit in Timor-Leste

Seit 2021 ist Meister Kim Kitae als Kukkiwon Dispatch Master in Timor-Leste tätig. Seine Aufgaben reichen vom Training der Nationalmannschaft über die Ausbildung von Spezialeinheiten der Polizei bis hin zum Taekwondo-Unterricht für Schulkinder. In diesen Jahren hat er internationale Medaillenerfolge und eine historische Olympiateilnahme miterlebt. Doch seine Arbeit ist auch mit Herausforderungen verbunden, die zeigen, wie anspruchsvoll die Tätigkeit eines Dispatch Masters sein kann.

Taekwondo gehört für Meister Kim Kitae beinahe von Anfang an zu seinem Leben. Im Alter von sechs Jahren kam er erstmals mit der Kampfkunst in Berührung, als er in Korea einen Taekwondo-Kindergarten besuchte. Was in seiner Kindheit ganz selbstverständlich begann, wurde später zu seinem Beruf.

Bis zu seiner Studienzeit war Kim im Kyorugi aktiv. Nach seiner Heirat begann er, als Taekwondo-Trainer zu arbeiten. Mit 25 Jahren eröffnete er seinen eigenen Dojang und unterrichtete dort seine Schüler, wobei sein Schwerpunkt auf Kyorugi lag.

Ein wichtiger Schritt auf die internationale Bühne folgte 2017, als Kim als Trainer der koreanischen Nationalmannschaft für die asiatischen Kadettenmeisterschaften ausgewählt wurde. Nachdem er viele Jahre ausschließlich in Korea Taekwondo unterrichtet hatte, weckte diese Erfahrung in ihm den Wunsch, auch andere Teile der Welt kennenzulernen.

„Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass ich Taekwondo auch außerhalb Koreas unterrichten möchte“, erinnert er sich.

Seine erste Station war Peru, wo er ab 2018 auf eigene Initiative als Taekwondo-Trainer arbeitete. Bereits 2017 war er jedoch auf das Kukkiwon Dispatch Master-Programm aufmerksam geworden. Teil dieses Programms zu werden, sollte einiges an Beharrlichkeit erfordern.

Fünfmal bewarb sich Kim, bevor er schließlich angenommen wurde. Nachdem er 2020 aufgrund der Corona-Pandemie nach Korea zurückgekehrt war, konzentrierte er sich intensiv auf sein Ziel, Kukkiwon Dispatch Master zu werden. Im Juli 2021 hatte er schließlich Erfolg. Drei Monate später, im Oktober, kam er in Timor-Leste an.

Seitdem lebt er in der Hauptstadt Dili.

Ein Land mit Potenzial

Kim hatte sich bewusst für Timor-Leste entschieden, weil der Taekwondo-Wettkampfsport dort noch vergleichsweise wenig entwickelt war. Für ihn bot sich damit die Möglichkeit, selbst zu dessen Aufbau beizutragen.

Heute sind seine Aufgaben ausgesprochen vielfältig. Zu seinen wichtigsten Tätigkeiten gehört das Training der Taekwondo-Nationalmannschaft. Gleichzeitig unterrichtet er Spezialeinheiten der Polizei und gibt Taekwondo-Unterricht an internationalen Schulen sowie an Grund- und weiterführenden Schulen.

Besonders viel Freude bereitet ihm die Arbeit mit Menschen in ganz unterschiedlichen Bereichen.

„Ich trainiere sehr gerne Taekwondo mit den Polizisten der Spezialeinheiten“, erzählt er. „Und ich unterrichte auch gerne Kinder, die zum ersten Mal mit Taekwondo in Berührung kommen.“

Die Trainingsbedingungen in Timor-Leste sind nicht immer einfach. Als Kim dort ankam, hatte die koreanische Botschaft bereits ein Taekwondo-Trainingszentrum zur Verfügung gestellt. Zuvor hatten die Sportler häufig auf Schulgeländen, Parkplätzen oder angemieteten Freiflächen trainiert, teilweise auf harten, nicht befestigten Böden.

Auch heute noch fehlen nach Kims Angaben vielen Vereinen geeignete Trainingsräume, sodass sie weiterhin auf Schulgelände oder Freiflächen ausweichen müssen.

Dennoch hat sich Taekwondo in dem Land einen festen Platz erobert. Kim schätzt, dass es in Timor-Leste zwischen 60 und 80 Vereine mit insgesamt etwa 1.000 bis 1.500 aktiven Sportlern gibt. Im Vergleich zu anderen Kampfkünsten sei Taekwondo sehr beliebt. Wenn Timor-Leste Athleten zu internationalen Wettkämpfen entsende, gehöre Taekwondo zu den Sportarten, denen die Regierung besondere Priorität einräume.

Vom ersten internationalen Gold zu den Olympischen Spielen

Zu den Erlebnissen, auf die Kim besonders stolz zurückblickt, gehören die sportlichen Erfolge der vergangenen Jahre.

2022 gewann eine von ihm betreute Athletin eine Goldmedaille, die nach Kims Angaben die erste internationale Taekwondo-Goldmedaille für Timor-Leste seit der Unabhängigkeit des Landes war. In den folgenden beiden Jahren trainierte er täglich mit ihr.

Bei dieser Athletin handelte es sich um Ana da Costa da Silva Pinto Belo. 2024 führte ihr gemeinsamer Weg bis zu den Olympischen Spielen in Paris.

Belo war die erste Taekwondo-Sportlerin aus Timor-Leste, die an Olympischen Spielen teilnahm. In Paris vertrat sie ihr Land in der Gewichtsklasse der Frauen bis 49 Kilogramm. In der Vorrunde traf sie auf die Marokkanerin Oumaima El-Bouchti und unterlag mit 0:2, womit ihr Wettkampf frühzeitig beendet war. Dennoch bedeutete ihre Teilnahme einen Meilenstein für das Taekwondo in Timor-Leste.

Für Kim gehört es zu den schönsten Seiten seiner Arbeit, wenn Athleten, die er trainiert hat, auf internationaler Bühne antreten und Medaillen gewinnen.

„Wenn die Nationalmannschaftssportler, die ich betreue, bei internationalen Wettkämpfen Medaillen gewinnen, habe ich das Gefühl, dass all die schwierigen Zeiten, die wir gemeinsam durchgestanden haben, belohnt werden.“

Vier Athleten, vier Medaillen

Ein weiterer Meilenstein folgte im Juli 2025, als Timor-Leste die 12. CPLP Games, die Multisportspiele der Gemeinschaft portugiesischsprachiger Länder, in Dili ausrichtete.

Kim schickte vier Nachwuchsathleten in die Taekwondo-Wettbewerbe – und alle vier gewannen Medaillen.

Deofia Barreto holte Gold in der Gewichtsklasse der Frauen bis 46 Kilogramm, ebenso wie Siera Pinto in der Klasse bis 49 Kilogramm. Nélio dos Santos gewann Silber bei den Männern bis 55 Kilogramm, während Denilton Pereira in der Klasse bis 51 Kilogramm Bronze beisteuerte.

Mit zwei Gold-, einer Silber- und einer Bronzemedaille belegte Timor-Leste nach Kims Angaben den zweiten Platz in der Taekwondo-Wertung – ein bislang einmaliges Ergebnis für die Juniorenmannschaft des Landes.

Dieser Erfolg war besonders bemerkenswert, weil er einen großen Fortschritt bei den CPLP Games bedeutete. Für Kim war er ein weiterer Beleg dafür, was sich trotz begrenzter Mittel durch kontinuierliches Training erreichen lässt.

Von Paris nach Nagoya

Unterdessen setzte Ana Belo ihre sportliche Laufbahn fort. 2026 nahm sie ein Studium an der Kyungdong University in Südkorea auf, wo sie Studium und Taekwondo-Training miteinander verbinden kann.

Die Universität unterstützt ihre sportliche Entwicklung mit Trainings- und Wettkampfausrüstung, Sportbekleidung sowie Hilfen für ihr Training und ihre Lebensbedingungen. Mehrere Professoren und örtliche Unternehmen beteiligen sich an dieser Initiative. Zu den Unterstützern gehört auch die Taekwondo-Olympiasiegerin von Sydney 2000, Jung Jae-eun, die Ausrüstung zur Verfügung stellte.

Belos Vorbereitung galt den Asienspielen 2026 in Aichi-Nagoya, Japan. Dort vertrat sie erneut Timor-Leste, begleitet von Meister Kim. Mit ihrer Teilnahme setzte sie ihre internationale Wettkampfkarriere fort, die sie bereits bis zu den Olympischen Spielen in Paris geführt hatte.

Die Herausforderungen als Außenstehender

Doch Medaillen und internationale Wettkampfteilnahmen erzählen nur einen Teil der Geschichte.

Kim spricht auch offen über die Schwierigkeiten seiner Arbeit im Ausland. Zu den größten Herausforderungen gehören Konflikte mit dem örtlichen Taekwondo-Verband. Darüber hinaus erlebt er, dass er selbst nach mehreren Jahren im Land noch immer als Außenstehender aus Korea wahrgenommen wird, was seine Arbeit erschweren kann.

Seine Antwort darauf ist Geduld, nicht Rückzug.

„Auch ich versuche, mein Herz zu öffnen und auf die Menschen vor Ort zuzugehen“, erklärt er. „Ich glaube, dass sie eines Tages ebenfalls ihre Herzen öffnen und auf mich zukommen werden.“

Diese Erfahrung macht eine Seite des Kukkiwon Dispatch Master-Programms deutlich, die leicht übersehen wird. Techniken zu vermitteln und Athleten auf Wettkämpfe vorzubereiten, ist nur ein Teil der Aufgabe. Ein Dispatch Master muss auch lernen, ein anderes Land zu verstehen, Beziehungen aufzubauen und Vertrauen zu gewinnen.

Die Unterstützung durch externe Partner ist begrenzt. Nach Kims Angaben gibt es nur wenige Kooperationen mit örtlichen Institutionen. Mit der koreanischen Botschaft arbeitet er jedoch kontinuierlich und eng zusammen. Die Botschaft organisiert außerdem jedes Jahr den Ambassador’s Cup, ein Taekwondo-Turnier, mit dem sie die Entwicklung des Sports unterstützt. Eine Zusammenarbeit mit der koreanischen Entwicklungsorganisation KOICA findet etwa einmal jährlich statt. Von koreanischen Unternehmen erhält er dagegen nur wenig Unterstützung.

Verbindungen für die Zukunft schaffen

Auf die Frage nach der Zukunft des Taekwondo in Timor-Leste richtet Kim den Blick sofort weg von seiner eigenen Person und hin zu den einheimischen Trainern.

Seiner Ansicht nach liegt ein Schlüssel zur weiteren Entwicklung darin, den Trainern aus Timor-Leste mehr Möglichkeiten zu geben, im Ausland Erfahrungen zu sammeln. Statt sich ausschließlich innerhalb der heimischen Taekwondo-Strukturen zu bewegen, sollten sie nach Korea und in andere Länder reisen können, in denen Taekwondo bereits weit entwickelt ist.

Dort könnten sie ihre Kenntnisse vertiefen, unterschiedliche Unterrichtsmethoden kennenlernen und diese Erfahrungen anschließend in ihre Heimat zurückbringen.

Die wachsende Zusammenarbeit mit der Kyungdong University ist ein vielversprechender Schritt in diese Richtung. Die Universität steht in regelmäßigem Kontakt mit Kim in seiner Funktion als Kukkiwon Dispatch Master und möchte die Kooperation mit Timor-Leste weiter ausbauen. Geplant sind unter anderem der Austausch von Athleten und Trainern, gemeinsame Ausbildungsangebote im Taekwondo sowie die Förderung internationaler sportlicher Talente.

Ana Belos Möglichkeit, in Korea zu studieren und zu trainieren, ist bereits ein konkretes Beispiel dafür, wie Athleten aus Timor-Leste von solchen internationalen Verbindungen profitieren können.

Kims langfristiges Ziel besteht deshalb nicht allein darin, selbst erfolgreiche Sportler auszubilden. Er möchte dazu beitragen, dass vor Ort das Wissen und die Strukturen entstehen, die eine eigenständige Weiterentwicklung des Taekwondo in Timor-Leste ermöglichen.

Seiner Überzeugung nach gibt es noch viel Raum für Wachstum – und gerade darin sieht er eine der Stärken des Taekwondo in diesem Land.

Nach vielen Jahren als Trainer in Korea, Peru und nun Timor-Leste ist seine Motivation nach wie vor denkbar einfach.

„Als jemand, der Taekwondo liebt, hoffe ich, dass die Menschen auch in Zukunft ihre Begeisterung für Taekwondo bewahren“, sagt Kim. „Ich wünsche mir, dass alle – Männer und Frauen, Kinder und Erwachsene – weiterhin Taekwondo trainieren.“

Für einen Mann, der sagt, dass ihn das Unterrichten von Taekwondo in Timor-Leste am glücklichsten macht, ist das ein passendes Schlusswort.

KUKKIWON DISPATCH MASTERS

Das Kukkiwon, die Weltzentrale des Taekwondo, entsendet derzeit Taekwondo-Meister in 56 Länder weltweit. Diese sogenannten Dispatch Masters bilden gewissermaßen das diplomatische Korps des Taekwondo. Sie fördern den koreanischen Nationalsport in ihren Gastländern und unterstützen dort Athleten und Organisationen.

In unserer Serie stellen wir Ihnen die Männer und Frauen vor, die Korea verlassen, um Taekwondo in aller Welt zu verbreiten und weiterzuentwickeln.