Manolo Luis del Rosario im Interview
Immer die Frage: Warum?

Erstmals war der philippinische Kali-Experte Manolo Luis del Rosario als Instructor bei einer Taekwondo Defense Season zu Gast. Mit seinem praxisorientierten „Full Power Kali“ bereicherte er das Ausbildungsprogramm. Im Interview spricht er über seinen Werdegang, die die Besonderheiten seines Systems, Realismus und die gemeinsame Philosophie mit Taekwondo Defense
Taekwondo Aktuell: Wer bei TKDD Season 10 dabei war, konnte Sie bereits kennenlernen. Für alle, die es diesmal nicht geschafft haben, oder die mehr wissen möchten – könnten Sie sich der Taekwondo Aktuell-Community vorstellen?
Manolo Luis del Rosario: Ich wurde auf den Philippinen geboren und bin in Davao aufgewachsen, einer Stadt im Süden des Landes, in der ich auch heute noch lebe. Ich bin Mitte fünfzig und vor Kurzem aus der Unternehmenswelt in den Ruhestand gegangen. Dort war ich als Vice President für Customer Experience (CXO) im Aftersales-Bereich eines philippinischen Automobilvertriebsunternehmens tätig. Ich bin verheiratet, habe eine Tochter und bin Gründer von Mandirigmang Kaliradman (MK).
Meine Kampfkunstlaufbahn umfasst mittlerweile mehr als vier Jahrzehnte. Mit elf Jahren begann ich mit japanischem Karate. Während meiner Schulzeit trainierte ich außerdem Tang Soo Do und Judo, später an der Universität Aikido und Taekwondo. 1993 lernte ich den verstorbenen Meister Elmer Ybanez kennen, den Gründer des LESKAS – Lema Scientific Kali-Arnis System. Durch ihn kam ich erstmals mit den philippinischen Kampfkünsten – auch Kali, Escrima oder Arnis genannt – in Berührung. Sechs Jahre später erhielt ich von ihm meine Instructor-Lizenz.
Nachdem Meister Ybanez 1999 in die USA ausgewandert war, setzte ich mein Training direkt bei dessen Großmeister, dem verstorbenen Großmeister Benjamin „Mang Ben“ Lema, fort, der damals zu den bekanntesten Vertretern der philippinischen Kampfkünste gehörte. Bereits 2001 wurde mir im Alter von 30 Jahren von Mang Ben der Titel Master Instructor verliehen.
Im Laufe der Jahre studierte ich außerdem weitere Kali-Systeme, insbesondere Balintawak und Kalis Ilustrisimo (Bakabakan-Linie), sowie in begrenztem Umfang Boxen. Darüber hinaus besitze ich Instructor-Zertifikate für französisches Canne de Combat über die Korea Canne Association sowie für Korean Nunchaku. Selbstverständlich trage ich außerdem einen Dan-Grad im Taekwondo Defense (TKDD) unter Großmeister Eunseob Kim.
Taekwondo Aktuell: Was zeichnet Ihren Kali-Stil aus, den wir während des Seminars als „Full Power Kali“ kennengelernt haben?
Manolo Luis del Rosario: Das System, das ich unterrichte, basiert auf dem System von Großmeister Benjamin Lema, dem Lightning Scientific Arnis. Es stammt aus den Visayas, genauer von der Insel Panay im Zentrum der Philippinen. Grundlage ist das Konzept „Espada y Daga“, also „Schwert und Dolch“. Aufgrund seiner Ausrichtung bevorzugt das System die Distanz zwischen Largo (lang) und Media (mittel). Wie viele philippinische Kampfkünste wurde es stark von europäischen Kampfkünsten beeinflusst. Viele Techniken erinnern deutlich an den Einsatz von Säbel und Rapier.
LESKAS stellt eine modernere Weiterentwicklung der Kunst von Mang Ben dar, da der verstorbene Maestro Elmer Ybanez Human Kinetics an der University of the Philippines studierte und dadurch moderne Trainings- und Lehrmethoden integrierte. Mein eigenes System, Mandirigmang Kaliradman, führt diesen Ansatz noch weiter.
Es vereint alles, was ich im Laufe der Jahre gelernt habe, und stellt meine persönliche Interpretation der Kampfkunst dar – mit besonderem Schwerpunkt auf einer wissenschaftlichen Herangehensweise an Kraftentwicklung, Positionierung und ähnliche Aspekte. Dabei fließen auch meine Erfahrungen aus Balintawak und Kalis Ilustrisimo ein.
Das System von Mang Ben ist besonders für seine Betonung von Geschwindigkeit und Schlagkraft bekannt. Während andere Systeme eher schneidende Bewegungen bevorzugen, legen wir den Schwerpunkt auf kraftvolle, durchdringende Schläge. Hinzu kommt das Prinzip der ‚Serrada‘ – das Blockieren und gleichzeitige Positionieren außerhalb der Mittellinie, um einen taktischen Vorteil zu erlangen.
Diese Eigenschaften zeichneten sowohl den verstorbenen Großmeister Lema als auch Maestro Ybanez aus.
Taekwondo Aktuell: Wie entstand Ihre Verbindung zu Taekwondo Defense?
Manolo Luis del Rosario: Ich lernte Großmeister Eunseob Kim im Jahr 2003 kennen. Mein Team nahm damals am Chunju World Martial Arts Festival in Korea teil und vertrat dort das Kali. Seit dieser Zeit besuchte er uns mehrmals jährlich auf den Philippinen zum gemeinsamen Training, später reisten wir regelmäßig nach Korea. Bei diesen Begegnungen tauschten wir ständig Ideen aus.
Ich bin stolz darauf, dass diese Zusammenarbeit einige Konzepte im TKDD mitgeprägt hat, genauso wie Großmeister Kim entscheidend zur Weiterentwicklung meines eigenen Systems und meiner Methodik beigetragen hat. Nach so vielen Jahren intensiven Austauschs war es unvermeidlich, dass beide Systeme voneinander profitierten.
Ich denke, unsere Zusammenarbeit besteht bis heute, weil wir dieselbe Denkweise teilen: Praxisnähe, Realismus und den ständigen Wunsch, uns weiterzuentwickeln. Wir betrachten sowohl unsere eigenen Systeme als auch die anderer Kampfkünste kritisch und stellen uns immer wieder die Frage: ‚Warum?‘ und vor allem: Funktioniert es wirklich in der Realität?
Als Großmeister Kim um 2015/2016 Taekwondo Defense offiziell vorstellte, waren die Philippinen das erste Land, das er für ein Seminar besuchte. Damals verlieh er mir und einigen meiner Schüler Dan-Grade im TKDD – Ausdruck der langjährigen engen Verbindung zwischen unseren beiden Organisationen.
Taekwondo Aktuell: Welche Vorteile bietet Kali Ihrer Meinung nach für Taekwondo- und Taekwondo Defense-Praktizierende?
Manolo Luis del Rosario: Ich denke, der größte Vorteil liegt darin, dass Kali eine Waffenkampfkunst ist. Im realen Leben gibt es keine Regeln. Angreifer setzen häufig Waffen ein oder handeln in der Überzahl. In solchen Situationen kann der Umgang mit Waffen – auch improvisierten – den entscheidenden Ausgleich schaffen oder sogar einen Vorteil verschaffen.
Ein weiterer Vorteil ist die Vertrautheit mit Waffen. Wer gelernt hat, Waffen zu benutzen, ihre Eigenschaften kennt und sich im Umgang mit ihnen sicher fühlt, kann sich auch deutlich besser gegen bewaffnete Angriffe verteidigen. Dieses Wissen verändert zwangsläufig die eigene Verteidigungsstrategie.
Als ich begann, philippinische Kampfkünste zu trainieren, veränderte sich meine Sichtweise grundlegend. Ich begann, Alltagsgegenstände als mögliche Waffen wahrzunehmen und ihre Eigenschaften bewusst zu analysieren. Ich verließ mich nicht länger ausschließlich auf Hände und Füße. Meiner Überzeugung nach erhöht eine solche Denkweise die Chancen in einer realen Auseinandersetzung deutlich.
Darüber hinaus werden TKDD-Praktizierende viele Gemeinsamkeiten zwischen beiden Systemen entdecken. Großmeister Kim und ich verfolgen einen ähnlichen Ansatz hinsichtlich Trainingsmethodik und Praxisorientierung. Deshalb fällt es TKDD-Sportlern leicht, das Mandirigmang-Kaliradman-System in ihr eigenes Repertoire zu integrieren.
Taekwondo Aktuell: Welche Eindrücke haben Sie vom Seminar in Deutschland mitgenommen?
Manolo Luis del Rosario: Das Seminar in Deutschland war hervorragend. Besonders beeindruckt hat mich, wie offen alle Teilnehmer gegenüber neuen Inhalten waren, obwohl sie selbst erfahrene Kampfkünstler sind. Ich schätze diese Bereitschaft sehr, wieder in die Rolle des Schülers zu schlüpfen. Das zeigt den echten Wunsch, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Ebenso beeindruckt hat mich die gegenseitige Unterstützung innerhalb der Gruppe. Es fühlte sich tatsächlich wie eine Gemeinschaft an. Alle waren freundlich, offen und hilfsbereit. Für mich war es eine durchweg positive Erfahrung.
Taekwondo Aktuell: Möchten Sie der Taekwondo Aktuell-Community zum Abschluss noch etwas mit auf den Weg geben?
Manolo Luis del Rosario: Ich möchte mich herzlich bei der Taekwondo Aktuell-Community für die Einladung zur TKDD Europe Season 10 bedanken. Es war für mich eine große Ehre und ein Privileg, meine Kampfkunst mit Ihnen teilen zu dürfen. Vielen Dank für den herzlichen Empfang.
Ich fühle mich glücklich, so viele von Ihnen kennengelernt zu haben – meine Freundesliste ist dadurch deutlich länger geworden. Ich hoffe, dass Sie eines Tages auch die Philippinen besuchen, damit wir uns für Ihre Gastfreundschaft revanchieren können. Schließlich gehören wir alle zu einer Familie – der TKDD-Familie!
Ich wünsche TKDD Europe weiterhin viel Erfolg!






