Tipps für Sportschulen und Vereine
Wie wir im Unterricht Werte lehren

Wenn wir Techniken unterrichten, geht es nicht einfach darum, stärker zu treten oder schneller zu schlagen. Es geht darum, den Charakter zu formen. Jeder Kick, jeder Schlag ist eine Gelegenheit, einen inneren Wert zu stärken: Höflichkeit, Integrität, Durchhaltevermögen, Selbstdisziplin oder Unbezwinglichkeit. Das sind die Tugenden, die das traditionelle Taekwon-Do prägen – und die den Unterschied zwischen bloßem Sport und echter Kampfkunst ausmachen.
Diese Begriffe entstammen dem großen Lehrbuch von Choi, Hong-Hi, dem Begründer des Taekwon-Do. Manchmal wirken sie in ihrer Übersetzung etwas schwerfällig – zuerst aus dem Koreanischen ins Englische, dann ins Deutsche. Doch die Botschaft dahinter ist kraftvoll und zeitlos: Kampfkunst ist mehr als Bewegung. Sie ist eine Schule fürs Leben.
Wer guten Kampfkunstunterricht anbietet, weiß: Treten und Schlagen kann man überall lernen. Was unsere Schulen wertvoll macht, ist das, was darüber hinausgeht. Es sind die Werte, die wir täglich vermitteln – Werte, an denen sich unsere Schüler auch außerhalb der Matte orientieren können. Dabei müssen wir nicht streng an den traditionellen Begriffen bleiben. Auch andere Tugendsysteme wie die Kardinaltugenden (Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung, Glaube, Liebe und Hoffnung) oder die Werte des Bushido (Aufrichtigkeit, Mut, Mitgefühl, Höflichkeit, Wahrheit, Ehre und Treue) lassen sich je nach Alter und Verständnis der Schüler sinnvoll einbinden.
Mission: Selbst-sich-er-leben
Vor 20 Jahren habe ich mich entschieden, die Begriffe Respekt, Aufmerksamkeit, Disziplin, Kontrolle und Mut in den Mittelpunkt meines Unterrichts zu stellen. Sie sind klar und verständlich – für Kinder ebenso wie für Erwachsene. Und sie entfalten ihre Wirkung weit über das Dojang hinaus: Eltern schätzen es, wenn ihre Kinder nicht nur körperlich stärker werden, sondern auch innere Stärke entwickeln. Oft ist es genau dieser Wert, der sie dazu bewegt, unsere Schule weiterzuempfehlen.
Ich selbst erinnere mich: Die Lehrerinnen und Lehrer, die mir am meisten Eindruck gemacht haben, waren nicht nur schnelle Kicker oder harte Kämpfer. Es waren diejenigen, die Kampfkunst mit Charakterbildung verbunden haben. Und das eine schließt das andere keineswegs aus.
Früher galten Tanzschulen als Orte, an denen Jugendliche nicht nur Tanzschritte, sondern auch Etikette und Anstand lernten. Heute lese ich davon kaum noch etwas. Lasst uns dafür sorgen, dass Kampfkunstschulen diesen Anspruch hochhalten: Orte zu sein, an denen Werte gelehrt und gelebt werden!
Ich unterrichte Kampfkunst und Selbstverteidigung, damit Menschen selbst-sich-er-leben!
Über den Autor:
Marc Sigle, 7. Dan Kenpo-Karate, 3. Dan Taekwon-Do, ist seit 1989 Kampfsport-Journalist und betreibt seit 2003 eine Schule für Kampfkunst und Selbstverteidigung in Esslingen am Neckar (www.Bushido-Esslingen.de). Er ist regelmäßig Referent beim Berufsverband Kampfkunst.