Aziz Hanefi

Ein Debüt für die Geschichtsbücher

Bei seinem ersten internationalen Turnier gewann Aziz Hanefi den Europameistertitel im Para-Taekwondo und setzte damit ein Ausrufezeichen für Deutschland.

Als Aziz Hanefi bei der Europameisterschaft in München erstmals die internationale Bühne betrat, warteten einige der erfolgreichsten Athleten seiner Gewichtsklasse auf ihn: Im Halbfinale traf er auf George Khizanishvili aus Georgien, den Europa- und Weltmeister von 2023, im Finale auf dessen Landsmann Goga Khakhalashvili, den damaligen Vize-Europa- und Vize-Weltmeister. Beide verfügten bereits über jahrelange Erfahrung im internationalen Para-Leistungssport.

Aziz hingegen bestritt sein erstes internationales Turnier überhaupt. Umso höher ist sein Titelgewinn einzuschätzen. Mit der Goldmedaille errang der 20-jährige Taufkirchener nicht nur seinen bislang größten sportlichen Erfolg, sondern schrieb zugleich ein wichtiges Stück deutscher Taekwondo-Geschichte.

Dabei hatte er ursprünglich nie geplant, Leistungssportler zu werden.

Vom Probetraining zum Europameister

Aziz wurde ohne Arme geboren. Zum Taekwondo kam er eher durch Zufall: Seine Schulbegleiterin in Holzkirchen hatte einen Jungen aus einem Flüchtlingsheim bei sich aufgenommen, der bereits Taekwondo trainierte. Über ihn entstand der Kontakt zu  Demirhan Aydin und dem TSV Dachau 1865.

„Woanders wäre es vielleicht nicht so gewesen, aber dort wurde ich vom ersten Augenblick an richtig aufgenommen“, erinnert sich Aziz.

Bis heute ist er überzeugt, dass seine sportliche Laufbahn ohne diesen Verein möglicherweise nie begonnen hätte.

„Ich war dort der erste Para-Sportler. Aber alle haben das von Anfang an super gemacht. Ich wurde aufgenommen, als hätte man schon jahrelang Erfahrung damit.“

Trainer  Demirhan Aydin kümmerte sich nicht nur um die sportliche Entwicklung seines Schützlings. Von Anfang an schuf er die Voraussetzungen dafür, dass Aziz ganz selbstverständlich Teil der Trainingsgruppe werden konnte. Ebenso wichtig war für den jungen Sportler die Haltung der Vereinsmitglieder. Ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene – niemand behandelte ihn anders als die übrigen Sportler. „Ich hatte vom ersten Tag an das Gefühl, am richtigen Platz zu sein und dazuzugehören.“

Trainieren wie alle anderen

Bis heute trainiert Aziz ausschließlich mit nichtbehinderten Sportlern. Leistungssport war dabei zunächst überhaupt nicht sein Ziel.

„Ich wollte einfach Taekwondo machen. Kampfsport hat mich schon immer interessiert – durch Filme und Computerspiele. Außerdem mag ich die Kicks und das Thema Selbstverteidigung.“

Dass es im Para-Taekwondo Europa- und Weltmeisterschaften gibt, wusste er anfangs nicht einmal.

„Am Anfang hatte ich wirklich keine Ahnung. Erst mein Trainer hat mir davon erzählt.“

Der Weg in den internationalen Leistungssport war dennoch nicht einfach. Anfangs hatte er keinen deutschen Pass und somit keine  Möglichkeit, überhaupt an entsprechenden Wettbewerben teilzunehmen. Zudem existiert in Deutschland bislang nur eine sehr kleine Para-Taekwondo-Szene.

Bei den Deutschen Meisterschaften startete Aziz bislang dreimal, musste jedoch jeweils kampflos antreten. Wirkliche Wettkampferfahrung sammelte er hauptsächlich in Freundschaftskämpfen gegen seinen Teamkollegen Kolja Grabe vom TSV Hagenburg. Beide kämpfen bis 70 Kilogramm, gehören jedoch unterschiedlichen Klassifizierungen an: Kolja, dem ein Arm bis zum Ellenbogen fehlt, startet in der Klasse K44, Aziz anefi in der Klasse K41.

Die Europameisterschaft in München war deshalb sein erstes internationales Turnier mit echter Konkurrenz in seiner Klasse.

„Zum ersten Mal war Chancengleichheit gegeben.“

Ein Neustart für das deutsche Para-Taekwondo

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Europameisterschaft war die Einladung an den Bundesstützpunkt in Nürnberg. Dort lernte Aziz den neu berufenen Bundestrainer Para-Taekwondo, Sasan Dalirnejad, sowie die Sportkoordinatorin Para-Zweikampf Denise Liedtke kennen.

Die Europameisterschaft markierte zugleich einen wichtigen Moment für das deutsche Para-Taekwondo insgesamt. Mit Athleten wie Felix Abeldt oder Hasim Celik hatte Deutschland bereits in der Vergangenheit internationale Starter hervorgebracht. Über mehrere Jahre hinweg war es jedoch ruhig um den Bereich geworden.

Mit dem Aufbau neuer Strukturen, der Berufung von Sasan Dalirnejad zum Bundestrainer und dem Engagement vieler Beteiligter scheint nun ein neuer Anlauf genommen zu werden. Dass Deutschland bei einer Heim-Europameisterschaft wieder mit einem Team vertreten war und mit Aziz sogar einen Europameister stellte, war zweifellos ein wichtiger Meilenstein.

Aziz selbst sieht das ähnlich. „Ich bin sehr dankbar, dass alle Beteiligten die vielen organisatorischen und bürokratischen Hürden genommen haben.“

„Du kannst hier nur gewinnen“

Vor der Europameisterschaft verspürte Aziz durchaus Nervosität, auch wenn er die Stimmung in der Halle genoss. Doch er profitierte davon, dass das Turnier in Deutschland stattfand.

„Ein Turnier dieser Größe im Ausland wäre schon heftig gewesen. In München konnte ich mich etwas entspannen.“

Entscheidend war jedoch die Unterstützung seines Trainers.

„Vor dem ersten Kampf hat er zu mir gesagt: Genieße dieses Turnier. Es ist dein erstes internationales Turnier. Die Goldmedaille ist das Ziel, aber du kannst hier nur gewinnen. Auf jeden Fall nimmst du wichtige Erfahrungen mit.“

Besonders das Halbfinale gegen den erfahrenen Georgier Khizanishvili blieb ihm in Erinnerung.

„Das war der schwierigere Kampf. Ich war nervös, aber ich wusste auch, was ich kann.“

Als schließlich feststand, dass er Europameister geworden war, überwog die Freude.

„Ich war überglücklich und stolz. Ich hatte es geschafft.“

Mit Köpfchen zum Erfolg

Für sein Training nimmt Aziz enorme Belastungen auf sich. Von seinem Wohnort Taufkirchen fährt er regelmäßig fast zwei Stunden mit dem Zug nach Dachau – und dieselbe Strecke wieder zurück.

Diese Einsatzbereitschaft zahlt sich aus. Die Europameisterschaft hat ihm gezeigt, dass sein Weg noch lange nicht zu Ende ist.

„Ich kann noch viel mehr erreichen, wenn ich an mich glaube und hart trainiere.“

Dabei sieht er einen besonderen Vorteil darin, gemeinsam mit nichtbehinderten Sportlern zu trainieren. Para-Taekwondo stellt ganz eigene Anforderungen. Da Kopftreffer verboten sind und Fauststöße nicht gewertet werden, konzentriert sich das Kampfgeschehen auf einen vergleichsweise kleinen Trefferbereich.

„Beim Para-Taekwondo geht es viel um Taktik. Man muss hier wirklich mit Köpfchen kämpfen.“

„Mein Leben mit den Füßen“

Auch außerhalb der Wettkampffläche ist Aziz längst vielen Menschen ein Begriff. Unter dem Titel „Mein Leben mit den Füßen“ zeigt er auf TikTok seinen Alltag – wie er kocht, zeichnet, isst oder andere alltägliche Aufgaben bewältigt. Mehr als 25.000 Menschen folgen ihm inzwischen.

Seine Motivation geht dabei weit über Unterhaltung hinaus. „Es gibt noch zu wenig Inklusion – auch im Taekwondo. Menschen ohne Behinderung wissen oft gar nicht, wie unser Alltag aussieht. Auf der anderen Seite gibt es Menschen mit Behinderungen, die sich nicht akzeptiert fühlen und sich manchmal sogar zurückziehen.“

Mit seinen Videos möchte er beiden Seiten etwas zeigen. „Ich bin da und ich bin anders. Das ist kein Grund, sich zu schämen. Das ist okay. Ich stehe zu mir.“

Die Resonanz ist groß. Immer wieder wird er erkannt oder um gemeinsame Fotos gebeten. Besonders berühren ihn Nachrichten von Menschen, denen seine Videos Mut machen. Vor kurzem schrieb ihm ein Junge, der nur drei Finger hat, und berichtete, wie sehr ihm seine Beiträge geholfen hätten. „Solche Nachrichten freuen mich unglaublich.“

Während er bei persönlichen Kontakten ausschließlich positive Rückmeldungen bekommt, gibt es in den sozialen Medien auch negative Kommentare. Anders als viele andere Content Creator ignoriert Aziz

diese jedoch nicht grundsätzlich. „Ich finde, man muss sich auch damit auseinandersetzen.“

Trotz seiner Reichweite sieht er sich selbst nicht als Influencer.

Wer mit Aziz spricht, merkt schnell, dass sich sein Leben nicht ausschließlich um Sport oder soziale Medien dreht – die beiden Bereiche, in denen er als 20-jähriger bereits große Erfolge feiert. Er liest viel, zeichnet gerne, interessiert sich für Kunst, besucht Ausstellungen und begeistert sich für Mode.

Aktuell bereitet er sich auf sein Abitur vor. Für die Zeit danach hat er viele Ideen. Psychologie interessiert ihn ebenso wie Architektur oder Modedesign.

„Ich denke, man sollte so viel machen wie möglich. Ich möchte mich nicht nur über eine Sache definieren.“

Der Blick nach Korea

Nach dem Europameistertitel richtet sich der Fokus nun auf die Weltmeisterschaft im November in Korea.

Dort möchte Aziz beweisen, den Erfolg von München bestätigen und verbessern.

Seinen Rat an junge Menschen formuliert er dabei ebenso unkompliziert wie überzeugend: „Wenn dir Kampfsport gefällt, dann probiere es aus. Egal ob aus Spaß oder mit dem Ziel, Leistungssport zu machen – mach es einfach.“

Und an die Taekwondo-Gemeinschaft richtet der neue Europameister noch eine weitere Botschaft: „Seitdem ich Europameister geworden bin, behandeln mich manche Menschen anders. Aber Leute: Es ist nur eine Medaille. Ich bin deshalb kein anderer Mensch geworden. Unterschätzt uns Para-Sportler nicht.“