Interview mit Vorsitzendem Jung-heon Kim
20 Jahre Taekwondo Promotion Foundation – Eine Vision für die Zukunft

In diesem Jahr feiert die Taekwondo Promotion Foundation (TPF) ihr 20-jähriges Bestehen. Seit ihrer Gründung im Jahr 2005 ist die Stiftung zu einem Eckpfeiler der weltweiten Entwicklung des Taekwondo geworden – sie unterstützt Bildung, kulturellen Austausch, internationale Veranstaltungen und die Bewahrung der Tradition. Anlässlich dieses Jubiläums sprach Taekwondo Aktuell mit dem Vorsitzenden Jung-heon Kim, der 2024 sein Amt übernahm, über die Errungenschaften der vergangenen zwei Jahrzehnte und seine Vision für die Zukunft des Taekwondo.
Vision und Meilensteine
Taekwondo Aktuell: Herzlichen Glückwunsch zum 20-jährigen Bestehen der Taekwondo Promotion Foundation (TPF). Wenn Sie zurückblicken – was sind für Sie die wichtigsten Errungenschaften der Stiftung?
Jung-heon Kim: Schon die bloße Existenz der Taekwondo Promotion Foundation ist eine große Errungenschaft. Anders als eine zivile Stiftung wurde die TPF durch Gesetz ins Leben gerufen und ist eine öffentliche Institution unter dem Ministerium für Kultur, Sport und Tourismus. Das verleiht ihr eine besondere Stellung – sie repräsentiert nicht nur Taekwondo, sondern auch Korea und die koreanische Kultur.
Unter den Meilensteinen möchte ich besonders die Weltmeisterschaften 2017 hervorheben. Es war die Ausgabe mit der höchsten Zahl an teilnehmenden Nationalverbänden und von enormer symbolischer Bedeutung. Damals traten die Demo-Teams der WT und ITF gemeinsam auf, anschließend pflanzten die Präsidenten beider Organisationen im Taekwondowon beim Doyak Center einen Friedensbaum. IOC-Präsident Thomas Bach war anwesend, ebenso Olympiasieger wie Lee Dae-hoon und Milica Mandic. Unvergesslich war vor allem, dass der koreanische Präsident Jae-in Moon als erster Staatschef überhaupt an einer Taekwondo-Weltmeisterschaft teilnahm und so sein Interesse an der Entwicklung unseres Nationalsports zeigte.
Ein weiterer Wendepunkt war die Eröffnung des Taekwondowon im Jahr 2014. Ziel war es, eine heilige Heimat für Taekwondo zu schaffen – einen Ort, der den Geist und die Traditionen verkörpert. Mit der Einrichtung der Spirit Zone und des Myunginwan wurde Taekwondowon zu einem einzigartigen Ort, der Besucher tief beeindruckt und ihnen die Geschichte und Kultur des Taekwondo auf eindrückliche Weise vermittelt.
Taekwondo Aktuell: Sie haben 2024 das Amt des Präsidenten der Stiftung übernommen. Was hat Sie motiviert, diese Rolle anzunehmen, und welche persönlichen Ziele haben Sie sich für Ihre Amtszeit gesetzt?
Jung-heon Kim: Ich bin seit langem im Taekwondo aktiv – als Schüler, Lehrer, Trainer, Kampfrichter und nun als Vorsitzender. Rückblickend bin ich sehr dankbar, dass ich durch Taekwondo Anerkennung erfahren habe. Es ermöglichte mir ein Studium in den USA, schenkte mir Freunde, Unterstützung und Inspiration.
Als Instruktor in den USA lehrte ich die fünf Grundsätze des Taekwondo und versuchte stets, auch selbst nach ihnen zu leben. Für mich war der Titel „Taekwondo-Meister“ immer eine Form der Selbstdisziplinierung, eine ständige Erinnerung daran, dem Weg zu folgen, den ich lehrte.
Heute empfinde ich eine starke Verpflichtung, das zurückzugeben, was ich erhalten habe. Als Generalsekretär der TPF habe ich drei Jahre lang erfahren, was es bedeutet, für diese Institution zu arbeiten. Als Vorsitzender möchte ich die Aktivitäten der Stiftung in Kraft und Qualität wachsen sehen, ihr Markenimage und ihren Ruf stärken und die Zusammenarbeit mit Taekwondo-Organisationen, Unternehmen und Universitäten vertiefen.
Globale Förderung und kulturelle Wirkung
Taekwondo Aktuell: Eine Initiative war die Präsentation von Taekwondo an touristischen Knotenpunkten wie dem Incheon International Airport. Wie hat das internationale Publikum darauf reagiert?
Jung-heon Kim: Dieses Projekt wurde von meinen Vorgängern begonnen, doch ich bin stolz, es fortzuführen. Die Idee ist, Taekwondo überall sichtbar zu machen. Am Flughafen Incheon war unser Programm „Great Taekwondo“ ein großer Erfolg: Das Demoteam trat zehnmal auf, und der Flughafen bat sofort um zehn weitere Auftritte. Es ist der perfekte Rahmen – bei der Ankunft ist Taekwondo der erste Eindruck von Korea, bei der Abreise der letzte.
Taekwondo Aktuell: Wie können Ihrer Meinung nach Taekwondo-Vorführungen und öffentliche Präsentationen zum weltweiten Image Koreas beitragen?
Jung-heon Kim: Nach dem Koreakrieg war Korea eines der ärmsten Länder der Welt, mit einem Pro-Kopf-BIP von nur 60 US-Dollar. Die rasante Entwicklung des Landes wurde von der Weltgemeinschaft unterstützt, und Taekwondo wurde zu einem Symbol dieses Wandels.
Taekwondo ist nicht nur eine Technik – es ist Teil der kulturellen Identität Koreas. Durch Vorführungen, olympische Erfolge und internationale Veranstaltungen wurde es zu einem Weg, mit dem Korea sich der Welt präsentieren kann – ähnlich wie heute K-Pop oder koreanische Dramen.
Inhalte, Innovation & Engagement
Taekwondo Aktuell: Die TPF arbeitet an hochwertigen Taekwondo-Inhalten. Können Sie uns ein Projekt nennen – vielleicht im Bereich digitales Storytelling oder Bildung –, das Sie besonders begeistert? Und welche Rolle spielt Innovation für die Zukunft des Taekwondo?
Jung-heon Kim: Taekwondo stand im Sport schon immer an der Spitze der Innovation. Wir gehörten zu den Ersten, die elektronische Wertungssysteme und Schutzwesten mit Sensoren einführten, und sogar Poomsae wird heute durch digitale Geräte unterstützt. Nur wenige Sportarten sind so fortschrittlich. Diese Technologie sorgt für Transparenz und reduziert menschliche Fehler.
Blickt man in die Zukunft, betreten wir völlig neues Terrain. Virtuelles Taekwondo wird Teil der Olympischen E-Sport-Spiele sein. Das Vorevent für die 2024 World Taekwondo Virtual Championships fand bereits im Taekwondowon statt – mit starker Unterstützung durch die TPF. Zudem bereiten wir virtuelles Trainingsequipment in Zusammenarbeit mit KAIST vor, erforschen KI-gestützte Sportanwendungen, KI-Lehre und sogar humanoide Wettkämpfer. Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt.
Die COVID-19-Pandemie war ein Wendepunkt. Damals war ich Professor an einer Hochschule mit Erfahrung im Online-Unterricht. Ich schlug WT-Präsident Dr. Choue vor, eine Online-Weltmeisterschaft durchzuführen. Die Poomsae-Weltmeisterschaften in Dänemark waren abgesagt, aber stattdessen veranstalteten wir die erste Online-Weltmeisterschaft im Taekwondo – die erste Online-WM überhaupt, die von einem internationalen Verband organisiert wurde. Während viele Sportarten während der Pandemie zum Stillstand kamen, blieb Taekwondo lebendig und übertrug Wettbewerbe über YouTube und andere Plattformen.
Für mich spiegelt das den wahren Taekwondo-Geist wider: Wir sehen Herausforderungen nicht als Hindernisse, sondern als Chancen. Die digitale Entwicklung ist grenzenlos, und bereits heute gibt es hervorragende Beispiele interaktiver Systeme im Erlebniszentrum des Taekwondowon. Dieser Innovationsgeist wird Taekwondo weit in die Zukunft tragen.
Das Taekwondowon
Taekwondo Aktuell: Das Taekwondowon wird oft als „Heiliges Land des Taekwondo“ bezeichnet. Wie beleben Sie es als globales Zentrum für Training, Lernen und Inspiration?
Jung-heon Kim: Das Taekwondowon verkörpert die spirituelle Seite des Taekwondo. Ein besonderer Ort dort ist das Myunginwan, das jenen gewidmet ist, die das Taekwondo zum Strahlen gebracht haben.
Seit 2016 dient das Taekwondowon als zentrales Trainingszentrum für World Taekwondo und beherbergt internationale Trainerlehrgänge, Para-Meisterschaften und Seminare. Wir wollen es weiterhin zu einem wahren Knotenpunkt machen, an dem Geist, Bildung und Wettkampf zusammenfinden.
Taekwondo Aktuell: Mit dem 2025 eingeführten freien Eintritt für das Taekwondo-Zentrum sind die Besucherzahlen sprunghaft gestiegen. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen, und welche Erfahrungen sollen die Besucher mitnehmen?
Jung-heon Kim: Eintritt für das Besucherzentrum und das Nationale Taekwondo-Museum zu verlangen, fühlte sich nicht richtig an. Selbst das Nationalmuseum von Korea in Seoul ist kostenlos. Nachdem wir die Gebühr aufgehoben hatten, stiegen die Besucherzahlen stark an. Und obwohl der Eintritt frei ist, tragen die Besucher weiterhin wirtschaftlich bei, indem sie in Cafés oder Geschäften in der Umgebung einkaufen. Am wichtigsten aber ist: Mehr Menschen können nun die Kultur und Geschichte des Taekwondo unmittelbar erleben.
Veranstaltungen und Freiwilligenarbeit
Taekwondo Aktuell: Veranstaltungen wie die Grand Prix Challenge und die Grand Prix Series haben weltweit große Aufmerksamkeit erregt. Wie tragen diese Wettbewerbe zu Ihrem Ziel bei, Taekwondo populärer zu machen?
Jung-heon Kim: Internationale Wettbewerbe auszurichten, ist ein wirkungsvoller Weg, Taekwondo zu fördern. Die 2022 eingeführte Grand Prix Challenge bot zum Beispiel Nachwuchsathleten neue Chancen. Park Tae-joon, damals Studienanfänger, gewann dort, errang später Medaillen in der Grand Prix Serie, qualifizierte sich für die Olympischen Spiele in Paris und gewann schließlich Gold. Geschichten wie seine zeigen, dass jeder mit Talent und Hingabe vom Olympiagold träumen kann.
Wir haben außerdem die Diamond Games ausgerichtet und damit unseren Ruf als Heimat des modernen Taekwondo gestärkt.
Taekwondo Aktuell: Das Taekwondo Volunteer Corps ist in vielen Ländern Afrikas, Asiens und Europas aktiv. Können Sie eine Geschichte erzählen, die den Geist und die Wirkung dieser Arbeit veranschaulicht?
Jung-heon Kim: Die Freiwilligengruppe der TPF war in rund 70 Ländern aktiv. 2024 entsandten wir Meister in sieben Länder, 2025 in weitere fünf. Neben den Instruktoren stellen wir über unsere Botschaften auch Ausrüstung bereit.
Unsere Mission ist einfach, aber kraftvoll: Hoffnung und Träume zu schenken – besonders Kindern – durch Taekwondo.
Abschließende Gedanken
Taekwondo Aktuell: Anlässlich dieses Jubiläums – des 20-jährigen Bestehens – welche Vision haben Sie für die nächsten zehn Jahre?
Jung-heon Kim: Die TPF muss eine Brücke des kulturellen Austauschs sein. Unsere Mission bleibt es, Taekwondo weltweit zu teilen – als Kampfkunst, olympische Sportart und kulturelles Gut – offen für alle, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Hintergrund.
Taekwondo Aktuell: Sie haben Taekwondo in vielen Rollen erlebt. Welcher Moment oder welches Projekt war für Sie am bedeutendsten?
Jung-heon Kim: Ich war Lehrer, Professor und Meister, und viele Erinnerungen bedeuten mir viel. Besonders geblieben ist mir meine Zeit als Professor in Minnesota, wo ich Taekwondo für Erst- und Zweitsemester unterrichtete. Unter meinen Schülern war eine junge Frau, eine adoptierte Koreanerin, die aufgrund ihrer persönlichen Geschichte große Schwierigkeiten hatte. Ich versuchte, sie zu unterstützen, und sie erwies sich als sehr talentiert in Poomsae – schließlich wurde sie Landesmeisterin. Einige Jahre später kehrte sie nach Korea zurück und nahm Kontakt zu mir auf. Es war eine große Freude zu erfahren, dass sie an einer Ivy-League-Universität in den USA promoviert hatte und nun Professorin an der Ewha Womans University ist, einer der renommiertesten Hochschulen Koreas.
Das Wachstum meiner Schüler mitzuerleben, war für mich immer der bedeutendste Teil meines Weges. Als ich erstmals in die USA kam, hatte ich vier Schüler mit weißem Gürtel. Alle vier wurden später Meisterinstruktoren. Einer von ihnen kehrte sogar nach Korea zurück, als seine Tochter in die koreanische Armee eintrat. Er zeigte mir Fotos seines Dojang, und ich sah, dass er mein Bild neben der koreanischen Flagge aufgehängt hatte. Diese Geste hat mich tief bewegt – sie bedeutete mir mehr, als Worte ausdrücken können.
Taekwondo Aktuell: Zum Abschluss – welche Botschaft möchten Sie an Taekwondo-Praktizierende und Fans weltweit richten?
Jung-heon Kim: Was ich aus dem Taekwondo gelernt habe, ist, dass nichts unmöglich ist. Denken Sie zurück an die Zeit, als Sie Weißgurt waren, und betrachten Sie sich heute – als Farbgurt oder Schwarzgurt – und erkennen Sie, wie sehr Sie gewachsen sind. Seien Sie stolz auf sich und fordern Sie sich selbst weiter heraus, um Ihr Glück zu erreichen.
Wenn mir jemand sagt, etwas sei unmöglich, empfinde ich keine Hoffnungslosigkeit – ich fühle mich herausgefordert. Das ist für mich der wahre Taekwondo-Geist.









