Wie Taekwondo mein Leben veränderte
Kim Thanh Vo: Mein Weg im Taekwondo

In unserer beliebten Reihe „Wie Taekwondo mein Leben veränderte“ berichten Praktizierende von persönlichen Wegen, Wendepunkten und Erkenntnissen. In dieser Folge nimmt uns Kim Thanh Vo mit auf seine Reise – vom Jugendlichen in Baden-Württemberg bis zum Trainer, Prüfer und Träger des 3. Dan. Dabei wird eindrucksvoll deutlich, wie sehr Taekwondo über den Sport hinaus wirken kann. In seiner Wahlheimat im hohen Norden ist Thanh heute zudem als Medienreferent der Taekwondo Union Hamburg für unseren Sport engagiert.
Ich habe mit 14 Jahren in einem kleinen Ort in Baden-Württemberg mit Taekwondo begonnen. Meine erste Trainerin war Martina Fabula. In den ersten Jahren fand das Training meist in einer sehr kleinen Gruppe statt – oft waren wir nur zu dritt: Martina, Benjamin und ich. Die Sicht von Martina auf das Taekwondo hat mich bis heute geprägt. Sie hatte eine außergewöhnliche Klarheit darin, wie sie das Kämpfen verstanden hat, und war sowohl im Training als auch außerhalb stets ein Vorbild. Für sie stand immer die Entwicklung ihrer Schüler im Mittelpunkt, unabhängig davon, was andere über unser Niveau dachten. Diese Haltung habe ich als etwas Einzigartiges erlebt.
Mit 19 Jahren zog ich für meine Ausbildung nach Stuttgart und wechselte auf Empfehlung von Martina zu Meister Park Soo-nam. Im Wettkampftraining war ich der einzige Teilnehmer ohne Schwarzgurt und musste in den ersten Monaten in jeder Trainingseinheit gegen alle anderen Sparring machen. Diese Zeit war hart. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich mich einmal bei Meister Park beschwerte, dass ich dort nur „verprügelt“ werde und mir nichts beigebracht wird. Seine Antwort war knapp: Wenn ich das nicht aushalte, könne ich nach Hause gehen und heulen – und bräuchte nicht mehr wiederzukommen.
Der Weg im Wettkampf
Das war ein prägender Moment für mich. Für mich stand fest: Wenn ich es hier nicht schaffe, Taekwondo zu lernen, dann schaffe ich es nirgends. Mit der Zeit entwickelte ich mich weiter, bestand schließlich meine Prüfung zum 1. Dan und wurde Schritt für Schritt Teil der Sportschule. Anfangs war ich immer nur „der Blaugurt“, später wurde ich auch beim Namen genannt.
Insgesamt war ich etwa fünf Jahre aktiv im Wettkampf und bestritt über 20 Turniere. Ich wurde kein Deutscher oder Weltmeister, habe aber ein Niveau erreicht, auf das ich stolz sein kann. Am Ende war ich in der Lage, auch auf internationalen Open-Turnieren zu starten. Im Wettkampf habe ich eine entscheidende Erkenntnis gewonnen:
„Der Hunger wird nie gestillt, wenn man die Erfolge im Äußeren sucht.“
Ich habe gelernt, was es bedeutet zu kämpfen und wozu der eigene Körper fähig ist – aber auch, wo seine Grenzen liegen. Als ich das für mich verstanden hatte, verspürte ich keinen wirklichen Bedarf mehr, weiterhin an Wettkämpfen teilzunehmen. Für mich geht es im Wettkampf nicht in erster Linie um Gewinnen oder Verlieren, sondern darum, sich selbst im Kampf zu entdecken. Was man dabei innerlich erfährt, geht weit über das hinaus, was von außen sichtbar ist. Es hat eine Tiefe, die sich nur schwer in Worte fassen lässt.
Vom Kämpfer zum Trainer – Verantwortung und Werte
Nach meiner aktiven Zeit war ich mehrere Jahre in Trier und Mannheim tätig und begann, erste Erfahrungen als Trainer zu sammeln. In dieser Zeit bestand eher ein freundschaftliches Verhältnis zu den Schülern; tiefere, prägende Verbindungen, wie ich sie später erleben sollte, entstanden dort für mich zunächst nicht. Rückblickend muss ich das jedoch etwas relativieren: Zu einem meiner Schüler aus dieser Zeit habe ich bis heute eine sehr enge Verbindung. Er ist für mich wie ein Bruder geworden. Es war allerdings kein klassisches Lehrer-Schüler-Verhältnis, wie ich es in späteren Jahren erlebt habe.
Seit 2012 lebe ich in Hamburg. Zunächst trainierte ich in der Sportschule TANGUN, anschließend widmete ich mich ab 2018 wieder intensiver der Trainertätigkeit – zunächst mit einer eigenen Sparte in einem kleinen Sportverein und später, von 2021 bis 2025, als Wettkampftrainer bei Dae Shim Do. In diesen Jahren stellte ich fest, dass ich an einen Punkt kam, an dem ich das Gefühl hatte, viele eher zu „bespaßen“, als ihnen wirklich etwas beizubringen.
Mit zwei Schülern habe ich in dieser Phase sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Ein Schüler war äußerst talentiert und übertraf meine Erwartungen bei seinen ersten Turnieren deutlich. Er gewann bei seinen ersten beiden Turnieren jeweils Gold, teilweise gegen Kämpfer großer Schulen und beim zweiten Turnier sogar in einer höheren Gewichtsklasse. Doch bei seiner ersten Niederlage wurde mir klar, dass ich als Trainer versagt hatte. Er hatte sich unsportlich verhalten, und mir wurde bewusst, dass ich mich zu sehr auf seine körperlichen Fähigkeiten konzentriert hatte und ihm nicht die Werte vermittelt habe, die mir im Taekwondo eigentlich wichtig sind.
Der Wendepunkt
Diese Erfahrung führte zu einem Umdenken. Ich entschied mich für einen konsequenteren Weg, was dazu führte, dass die Gruppe kleiner und auch das persönliche Verhältnis zwischen mir und den Schülern distanzierter wurde. Aus dieser Phase ging jedoch eine Schülerin hervor, die genau diese Werte und diesen Weg verinnerlicht hat, den ich im Taekwondo für richtig halte. Sie ist auf ihre eigene Weise sehr erfolgreich. Ihre Kämpfe sind für sie jedes Mal eine große Herausforderung und kosten sie viel Überwindung und Kraft. Gerade dadurch wächst sie immer wieder über sich hinaus und entwickelt sich kontinuierlich weiter. Die Freude über ihren ersten Sieg – und auch die Nachricht, als ich hörte, dass sie zum ersten Mal Gold auf einem Turnier gewonnen hat – war für mich unbeschreiblich. Für mich ist das echtes Gold: nicht im Sinne sportlicher Leistung, sondern als Ausdruck menschlicher Entwicklung. Es geht weit über den Sport hinaus und ist etwas, das nur diejenigen wirklich verstehen, die diesen Weg selbst gegangen sind.
Letztes Jahr sind wir nach Norderstedt gezogen, und heute bin ich im Verein 1. SCN aktiv, wo ich eine Kinder- und Jugendgruppe im Wettkampfbereich übernehmen werde. Ich sehe das als eine neue Herausforderung, da ich zuvor überwiegend Erwachsene trainiert habe. Mein Wunsch ist es, meinem Sohn alles beizubringen, was ich kann – und ich hoffe, dass das Taekwondo ihn eines Tages genauso prägen wird, wie es mich geprägt hat.
Ich hätte es mir früher nie vorstellen können, einmal den 3. Dan zu tragen oder eine Prüferlizenz zu besitzen. In diesem Jahr durfte ich sogar zum ersten Mal selbst eine Dan-Prüfung als Prüfer abnehmen – ein besonderer Moment für mich.
