Mike McKenzies Kolumne
Legenden oder Mythen? Meine Gedanken über Hochleistungstrainer

1993 besuchte ein Trainer aus den USA Verwandte in Yorkshire, und wie so viele von uns Taekwondo-Reisenden, konnte er der Idee nicht widerstehen, den örtlichen Taekwondo-Club zu besuchen. Dies sollte der Auslöser für meine Taekwondo-Karriere werden. Der Mann war etwas älter als ich, hatte aber viel mehr Erfahrung mit internationalen Wettkämpfen. Die USA waren zu dieser Zeit Großbritannien (GB) in Sachen Taekwondo weit voraus und wahrscheinlich die zweitstärkste Nation nach Korea. Ich kontaktierte zwei Trainer, die ebenfalls in Yorkshire ansässig waren und von denen ich wusste, dass sie eher leistungsorientiert waren: Gary Sykes und Peter Adamsons. Beide veranstalteten Trainingseinheiten mit dem Gasttrainer und unterstützten meine Initiative. Hinterher sagte Peter, der Typ sei in Ordnung, aber es gäbe nichts Neues im Vergleich zu dem, was das aktuelle GB-Frauenteam mache.
Pete war Cheftrainer des Frauenteams und er hatte Recht. Ich war von dem Gasttrainer aus den USA nur deshalb so beeindruckt, weil ich der Zeit hinterherhinkte und mir taktisch und technisch nicht bewusst war, auf welchem hohen Leistungsniveau sich der Taekwondo-Sport zu dieser Zeit befand. Pete bat mich damals, als Teammanager für das GB-Damen-Taekwondo-Team tätig zu werden, und im darauffolgenden Jahr übernahm Pete das Amt des Nationaltrainers und ich war GB-Teammanager für Männer und Frauen. Diese Funktionen hatten wir bis 1997 inne. Ich qualifizierte mich damals als internationaler WT(F)-Kampfrichter.
Das GB-Team hatte keinerlei finanzielle Mittel, keine Vollzeitbasis und nur Teilzeitathleten. Trotzdem war es vergleichsweise erfolgreich. Von 2003 bis 2005 arbeitete ich kurzzeitig wieder als Teammanager für die Irish Taekwondo Union. Jetzt war ich auch als Vereinstrainer auf der internationalen Bühne viel aktiver.
Mit der Aufnahme von Taekwondo in das Sportprogramm von Sydney 2000 und der Ernennung Londons zur Gastgeberstadt für 2012 erhielt Taekwondo Anspruch auf Fördermittel von UK Sport, die von der neuen nationalen Lotterie stark subventioniert wurden. Ein gut finanziertes professionelles Team mit Vollzeit-Athleten und Trainern machte sich bei WT-Wettbewerben bemerkbar. Die erste olympische Medaille für Großbritannien gab es 2008, die erste Goldmedaille 2012. GB-Taekwondo übernahm vom British Taekwondo Control Board die Verantwortung für alle Aspekte der Teamauswahl, des Trainings und der Vorbereitung. UK-Sport unterstützte GB-Taekwondo auch bei der Ausrichtung von Veranstaltungen. Seit 2012 hat GB den ersten und mehrere weitere World Taekwondo Grand Prix, die Weltmeisterschaften 2019 und zwei Europameisterschaften der Senioren ausgerichtet.
Höchstleistungen als Standard
Dies führte zu einer Mentalität in den Taekwondo-Vereinen in Großbritannien, dass dieses hohe Leistungsniveau die Norm ist. Noch in den 90er Jahren hatten nur wenige Vereine und Trainer Erfahrung mit diesem Leistungsniveau – heute hat jeder proaktive Trainer die Möglichkeit dazu. Das Leistungsniveau in den Vereinen im Vereinigten Königreich hat sich allgemein verbessert.
Das ist der Hintergrund dieses Artikels, aber es geht nicht um GB-Taekwondo oder um mich, sondern um den Wert des Taekwondo-Trainers.
„Legende“ ist ein Wort, das oft für Sportler und gelegentlich auch für Trainer verwendet wird. Erstens bin ich Trainer, zweitens habe ich als Kampfrichter auf allen Ebenen gutes und schlechtes Coaching aus der einzigartigen Perspektive in der Mitte des Geschehens erlebt. Drittens habe ich mehrere Jahre als WT- und ETU-Kommentator gearbeitet und hatte das Glück, die besten Taekwondo-Sportler dieser Zeit und natürlich ihre Trainer zu beobachten.
Diese Erfahrung hat mir gezeigt: Um ein kompetenter Trainer zu sein, muss man einige grundlegenden Standards erfüllen.
Man muss die Wettkampfregeln und deren Auslegung verstehen (was im WT-Taekwondo nicht immer einfach ist, da sich die Auslegung praktisch während des Wettkampfes ändern kann). Außerdem sollte man die Struktur von Taekwondo-Wettkämpfen kennen. Wir sehen oft, dass sich Trainer bei regionalen oder Nachwuchs-Wettkämpfen wie bei Weltmeisterschaften verhalten, zu viel Druck auf ihre Sportler ausüben oder übereifrig feiern, was eigentlich ein kleiner Sieg ist. Die Teilnahme an Wettkämpfen sollte für Leistungssportler ein Weg zum Erfolg auf höherem Niveau sein. Für einige Sportler mögen lokale Wettkämpfe der Höhepunkt ihrer Wettkampfkarriere sein, andere Athleten streben jedoch danach, international anzutreten und ihr Land zu vertreten.
Ein guter Trainer wird diese Reise planen und den langen Weg mit dem Athleten – oft sogar mit einer Gruppe von Athleten auf verschiedenen Ebenen zur gleichen Zeit – gehen. Dies erfordert Planung, Vorbereitungszeit und Geld. Jeder Trainer, der regelmäßig zu hochklassigen, in der Regel internationalen Wettbewerben reist, ist ein besserer Trainer als diejenigen, die das nicht tun. Außerdem sehen die Sportler und vor allem die Eltern, dass es einen Unterschied zwischen den Aktivitäten und dem Niveau des Trainers gibt, und das führt dazu, dass sie die Mannschaft wechseln, um sich dem guten Trainer anzuschließen.
Ein guter Trainer führt Standardtrainingseinheiten durch, passt aber seine Kommunikation an den einzelnen Sportler an. Im Englischen gibt es den Ausdruck „the carrot and the stick“ (Zuckerbrot und Peitsche). Manche Menschen reagieren auf Disziplin, und drauf, wie von einem Drill-Sergeant angeschrien zu werden, andere brauchen eher eine ruhigere Kommunikation und Ermutigung. Der Trainer muss einen Weg finden, sich auf den Sportler einzulassen, um das Beste aus ihm herauszuholen. Ein guter Trainer wird immer das Wohl seines Athleten im Auge haben.
Vom guten zum Hochleistungs-Trainer
Die nächste Stufe im Coaching ist der High Performance Coach (HP-Coach). Dieser Coach hat „Wert auf dem Stuhl“. Der HP-Coach sieht die wesentlichen Dinge in einem Match, die Schwächen und Stärken des Gegners ebenso wie die seines eigenen Sportlers. Er sieht Möglichkeiten, Punkte zu erzielen, Verhaltensmuster oder Bewegungen des Gegners. Der HP-Coach wird die IVR-Karte gut ausspielen. Der Sportler wird mit der bestmöglichen Einstellung auf den Platz gehen und darauf vertrauen, dass der Coach für ihn da ist und alles getan hat, um ihn auf diesen Moment vorzubereiten. Der HP-Coach wird jeder Leistung, ob Sieg oder Niederlage, etwas Positives abgewinnen. Er wird den Sieg entsprechend feiern und bei Niederlagen eine Stütze sein.
Ich glaube, es gibt viele gute Trainer im Taekwondo. Die Zahl der Hochleistungstrainer ist viel kleiner. Ein Nationalmannschaftstrainer zu sein, macht diese Person nicht automatisch zu einem Hochleistungstrainer.
Und nun zu der Frage, gibt es so etwas wie legendäre Trainer? Meine Antwort ist nein. Es gibt einige großartige Hochleistungstrainer, die aus einem Athleten mehr machen können als das, was er war. Sie können das Potenzial erkennen, es fördern, den Weg bereiten und ihm zu Leistung verhelfen. Aber jeder Trainer ist durch die Tatsache eingeschränkt, dass der Sportler ein fast übermenschliches Maß an Antrieb, Ehrgeiz und Entschlossenheit haben muss, um der Beste zu sein. Athleten müssen in der Lage sein, die Techniken, die der Coach ihnen beibringt, auszuführen, und – was noch wichtiger ist – selbst wissen, wann sie diese Techniken anwenden müssen. Sie müssen fokussiert und diszipliniert sein. Außerdem müssen sie verletzungsfrei bleiben, die Zeit und das Engagement aufbringen und über ein starkes Unterstützungsnetz verfügen.
Der Trainer ist derjenige, der auf dem Stuhl sitzt und immer wieder Opfer bringt, damit sein Sportler zur Legende wird.

