„Dieser Artikel soll über Verletzungsrisiken im Taekwondo aufklären und sie gleichzeitig durch geeignete Maßnahmen reduzieren.“ – Oliver Reiff
Sportverletzungen im Taekwondo – Risiken, Prävention und Praxiswissen

Ein Mann in einem weißen Team-D-Shirt steht mit verschränkten Armen vor dunklem Hintergrund und lächelt leicht.

Wir freuen uns sehr, dass wir in dieser Ausgabe einen ausgewiesenen Experten zu Wort kommen lassen können: Oliver Reiff, Sportphysiotherapeut mit DOSB-Lizenz, seit vielen Jahren im Einsatz für die Deutsche Taekwondo Union. Ob bei Bundeskaderlehrgängen, internationalen Turnieren, Welt- und Europameisterschaften oder sogar bei den Olympischen Spielen in Paris – er kennt die Herausforderungen, denen sich Athletinnen und Athleten stellen müssen, aus nächster Nähe.

Besonders in Erinnerung geblieben sind ihm große Momente wie die WM-Bronzemedaille von Lorena Brandl 2022 in Mexiko, die Olympiaqualifikation von Alexander Bachmann 2019 in Moskau oder die Spiele in Paris 2024 – unvergessliche Höhepunkte seiner Laufbahn. Seine Begeisterung für Sport zieht sich durch sein ganzes Leben: selbst früher Judoka, lange Jahre leidenschaftlicher Tennis- und Eishockeyspieler, und bis heute mit dem Herzen im Tennissport zuhause.

Seine Praxistipps sind deshalb mehr als nur theoretisches Wissen – sie sind gelebte Erfahrung aus unzähligen Einsätzen, die direkt den Sportlerinnen und Sportlern zugutekommen.

Infobox  

Oliver Reiff – aus Erfahrung für die Praxis

  • Sportphysiotherapeut (DOSB-Lizenz)
  • Seit über 8 Jahren Verbandsphysiotherapeut der DTU
  • Einsätze bei WM, EM und Olympischen Spielen (Paris 2024)
  • Unvergessliche Highlights: WM 2022 Mexiko (Bronze Lorena Brandl), GP Finale 2019 Moskau (Olympiaqualifikation Alexander Bachmann)
  • Eigene Sportpraxis: Judo, Tennis, Eishockey – größte Leidenschaft Tennis
  • Selbständig mit eigener Praxis in Amberg

Höheres Risiko im Kampfsport?

Taekwondo ist eine traditionelle koreanische Kampfsportart. Wie bei allen Kampfsportarten ist grundsätzlich mit einer erhöhten Verletzungsinzidenz zu rechnen. Im Vergleich zu anderen Disziplinen zeigt sich jedoch: Das Verletzungsrisiko im Taekwondo ist eher niedrig, und schwerwiegende Verletzungen sind selten.

Typische Belastungen und Verletzungsmuster

Taekwondo ist geprägt von schnellkräftigen, explosionsartigen Bein- und Armtechniken sowie zahlreichen Dreh- und Sprungkicks. Athletinnen und Athleten müssen dafür sehr beweglich und ihre Muskulatur außergewöhnlich dehnbar sein. Auffällig ist, dass das Verletzungsrisiko trotz der hohen Dynamik und der Vollkontakt-Wettkämpfe vergleichsweise gering bleibt – sowohl im Training als auch im Turnierbetrieb.

Häufige Verletzungen

Die meisten Verletzungen sind Bagatellverletzungen, insbesondere:

  • Prellungen an Ober- und Unterschenkel sowie im Fußbereich,
  • Zerrungen der ischiocruralen Muskulatur (hinterer Oberschenkel) oder der Adduktoren,
  • Distorsionen (Verstauchungen) mit oder ohne Bandbeteiligung.

Durch die Dominanz der Beintechniken und der Beinarbeit sind über 50 % aller Verletzungen an den unteren Extremitäten lokalisiert. Verletzungen an Körperstamm, Kopf oder Wirbelsäule treten dagegen eher selten auf.

Weitere typische Verletzungen:

 

  • Hand- und Fingerverletzungen entstehen meist beim Abblocken gegnerischer Kicks (Prellungen, Bänderläsionen, Gelenkdistorsionen, Luxationen).
  • Kapsel- und Bandverletzungen am Sprunggelenk oder Kniegelenk.
  • Frakturen von Fingern, Mittelhand oder Zehen, die meist konservativ behandelt werden können. Fußverletzungen entstehen oft durch harte Treffer am Gegner oder z.B. auch beim Pratzentraining
  • Hautverletzungen wie Platzwunden, Abschürfungen oder Blasen – vor allem an der Fußsohle durch raue Matten oder hohe Belastungsintensität. Blasen der Haut treten meist bei höheren Temperaturen und vermehrter Belastung auf.

Schwerwiegende Verletzungen wie Halswirbelsäulen-Traumata oder Gehirnerschütterungen sind selten.

Spezielle Belastungssituationen

  • Wettkampftraining: Kicks sowie Sprung- und Drehkicks führen zu hoher muskulärer und gelenkiger Belastung. Das Standbein ist bei Kicks (Paltung-Chagi, Dollyo-Chagi) besonders gefordert – Hüftbeschwerden können die Folge sein.
  • Formenlauf (Poomsae): Verletzungen treten hier eher an der Lendenwirbelsäule auf – bedingt durch abrupte Bewegungsstopps, vor allem bei schwacher Rumpf- und Tiefenmuskulatur.
  • Hand- und Fußverletzungen: Häufig beim Abblocken gegnerischer Kicks oder durch harte Treffer beim Pratzentraining.

Präventive Maßnahmen

 

Aufwärmen und Dehnen

Ein gezieltes Aufwärmen mit Mobilisations- und Dehnübungen bereitet Muskulatur und Gelenke optimal auf die Belastungen vor.

  • Vor dem Training/Wettkampf: dynamisches Dehnen zur Aktivierung.
  • Nach der Belastung: statisches Dehnen zur Regeneration und Verletzungsprophylaxe.

Richtiges Technik- und Muskeltraining

  • Saubere Technik reduziert Fehlbelastungen.
  • Kraft- und Stabilisationstraining stabilisiert die Gelenke und verhindert muskuläre Dysbalancen.

Pausen und Regeneration

Regelmäßige Pausen und Erholungsphasen sind unverzichtbar.

  • Übertraining erhöht das Verletzungsrisiko – regelmäßige Pausen und Erholungsphasen sind unverzichtbar.
  • Erste Warnsignale wie Schmerzen, Erschöpfung oder Instabilitäten sollten ernst genommen werden.

Physiotherapie

  • Regelmäßige Behandlungseinheiten bei einem erfahrenen Sportphysiotherapeuten helfen, den Körper langfristig verletzungsfrei zu halten.
  • Eine ganzheitliche Untersuchung inkl. Körperstatik-Analyse deckt Dysbalancen und Fehlhaltungen auf und trägt zur Prävention bei.

Flüssigkeitshaushalt und Trinken

Flüssigkeitsmangel ist ein unterschätzter Risikofaktor. Er erhöht das Risiko muskulärer Verletzungen und reduziert die Leistungsfähigkeit.

  • Bereits mehrere Stunden vor Training oder Wettkampf sollte eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr erfolgen.
  • Besonders bei hohen Temperaturen sind Elektrolytgetränke empfehlenswert, um den Mineralstoffhaushalt zu stabilisieren.

 Schutzausrüstung und Taping

Ob Training oder Wettkampf: Die vollständige Schutzausrüstung mit Kampfweste, Kopfschutz, Tiefschutz, Unterarm- und Schienbeinschonern sowie Zahnschutz ist wichtig und reduziert das Verletzungsrisiko erheblich.

Darüber hinaus können individuelle Tapeverbände, die von erfahrenen und speziell hierfür ausgebildeten Sportphysiotherapeuten angelegt werden, zusätzliche Stabilität bieten und die Verletzungsgefahr weiter minimieren.

Fazit

Trotz seiner spektakulären Sprung- und Drehtechniken ist Taekwondo ein Kampfsport mit vergleichsweise geringem Verletzungsrisiko. Die überwiegende Mehrheit der Verletzungen sind Bagatellen wie Prellungen, Zerrungen oder leichte Verstauchungen. Mit konsequentem Aufwärmen, gezieltem Muskeltraining, adäquater Schutzausrüstung und professioneller Betreuung lassen sich ernsthafte Verletzungen nicht immer vollständig ausschliessen jedoch lässt sich das Risiko deutlich reduzieren.

So bleibt Taekwondo das, was es sein soll: ein dynamischer, gesunder und fairer Kampfsport, der langfristig Spaß und Erfolg ermöglicht.

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Den vollständigen Artikel finden Sie in der Oktober 2025-Ausgabe von Taekwondo Aktuell: https://www.taekwondo-aktuell.de/aktuelle-ausgabe-taekwondo-aktuell-im-oktober-2025/