Mike McKenzies Kolumne

Killer-Moves und gutes Aussehen

Zur Person: Mike McKenzie

 

Michael McKenzie leitet einen der erfolgreichsten Vereine Großbritanniens. Er war unter anderem Sportmanager für Taekwondo bei den Olympischen Spielen 2012 in London und Vizepräsident von British Taekwondo. Seine langjährige und vielseitige Erfahrung bringt er immer wieder als Kommentator bei Taekwondo-Veranstaltungen ein.

2024 war ein großartiges Jahr für Taekwondo, mit den Olympischen Spielen in Paris als Höhepunkt. Aber wenn man die sozialen Medien liest, gibt es einen Krieg der Worte mit einigen „Old-School“-Praktikern, die das heutige Taekwondo in Frage stellen und damit Öl ins Feuer der Taekwondo-Kritiker gießen, die die Gültigkeit und Effektivität von Taekwondo als Kampfkunst in Frage stellen.

Ich bin in der glücklichen Lage, meine Meinung auf der Grundlage von 45 Jahren Taekwondo-Praxis zu äußern, so dass ich leicht als „alter Hase“ bezeichnet werden kann. Da ich mich aber auch sehr für den aktuellen Taekwondo-Wettkampfsport interessiere, bin ich nach Meinung einiger meiner Kollegen auch Teil des modernen Problems! Ich hoffe, dass meine Meinung zum Nachdenken anregt und Reaktionen hervorruft.

Tödliche Techniken en passant

Ich beginne mit der Poomsae. Es ist schon richtig, dass man niemals eine lange Haltung einnimmt und mit der inaktiven Faust auf der Hüfte einen einzigen Schlag auf den Rumpf ausführt. Doch wenn Poomsae vermittelt wird, werden zuerst die drei Prinzipien der Selbstverteidigung gelehrt, an die ich fest glaube: Bewegung, Verteidigung und Gegenangriff. Bewegung, um einen Aufprall zu vermeiden oder zu minimieren. Verteidigung, um etwas zwischen sich und den Angreifer zu bringen, das kann ein Block, eine Deckung oder auch der Einsatz eines Gegenstandes sein. Und schließlich der Gegenangriff: zurückschlagen! In den ersten beiden Taegeuk Poomsae sind die Gegenangriffe Tritte und Schläge von vorne, aber im der dritten Form nehmen die Techniken eine fast unheimliche Wendung mit Messerhand-Schlägen in den Nacken. Ein korrekt ausgeführter Messerhand-Schlag in den Nacken kann zu extremem Trauma, Bewusstlosigkeit oder sogar zum Tod führen. Diese potenziell tödliche Technik wird in den meisten Fällen als selbstverständlich gelehrt, und nur wenige erkennen ihre wahre Natur.

Poomsae ermöglicht uns das Üben von Techniken, die in keiner anderen Kampfsportart, weder im Sparring noch im Wettkampf, erlaubt sind: Schläge in den Nacken, Angriffe auf die Leistengegend, das Ausstechen der Augen mit Speer-Finger-Techniken werden in der Poomsae geübt, um die Techniken zu erlernen und um zielgerichtet und präzise zu sein. Die Wiederholung der richtigen Technik entwickelt die Fähigkeit, Angriffe mit Techniken zu kontern, die fast unbewusst ausgeführt werden. Ich glaube, dass wir durch das Üben der Poomsae unsere Reaktionen verfeinern, indem wir auf einer Ebene zwischen bewusstem und unterbewusstem Handeln zu arbeiten, um ohne Verzögerung mit einer effektiven und angemessenen Technik zu reagieren.

Ich habe mir einen Podcast von einem Taekwondo-Praktiker angehört, der wirklich sehr viel weiß und eine große Erfahrung hat. Er hat etwas gesagt, was mich nachdenklich gemacht hat. Er meinte, dass Poomsae als Übungsmethode entwickelt wurde, wenn kein Partner oder Gegner verfügbar war. Das habe ich so noch nie betrachtet. Ich glaube, dass Poomsae dazu dient, Techniken zu üben, die man nicht gefahrlos an einer Person ausführen kann.

Der Titel dieses Beitrags lautet „Killer-Moves und gutes Aussehen“ und es geht darum, wie Poomsae bei Wettkämpfen bewertet wird. Ich möchte klarstellen, dass ich Poomsae-Wettkämpfe, Poomsae-Wettkämpfer und Poomsae-Trainer in keiner Weise kritisiere. Ich möchte auch die Poomsae-Kampfrichter nicht kritisieren, denn sie treffen ihre Entscheidungen auf der Grundlage von Wettbewerbskriterien, bei denen die Präsentation ein entscheidender Faktor ist.

Was effektiv ist muss nicht schön sein

Gerne möchte ich diesen Punkt noch etwas näher ausführen. Vor kurzem nahm ein erwachsener männlicher Schüler von mir an einer Dan-Promotion-Prüfung teil. Er ist wirklich sehr groß, fast zwei Meter und hat die Statur eines körperlich arbeitenden Menschen. Seine Bewegungen sind groß und sehen vielleicht nicht ganz so geschickt aus, wie sie es sein könnten. Er hat die Dan-Prüfung erfolgreich abgeschlossen, aber ich glaube nicht, dass er ein besonders guter Poomsae-Wettkämpfer sein wird. Er hat die Bretter zerschlagen, als er seine Kyokpa vorführte, und beim Sparring war er ein furchteinflößender Gegner. Sein Partner hat leider den Fehler gemacht, die geballte Faust nicht zu halten. Obwohl die Tritte meines Schülers kontrolliert waren, hatte sein Partner am Ende stark derangierte Finger. Effektive Technik wird nicht immer auf ästhetisch ansprechende Weise ausgeführt, aber das macht ja auch nichts.

Ein Poomsae-Wettkampf ist eine Herausforderung, die dich an deine Grenzen bringen kann. Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein, dass es keinen Weg zurück gibt und Fehler nicht korrigiert werden können. Es ist wirklich eine tolle Kombination, die man da braucht: die Flexibilität eines Turners und die Kraft, Anmut und Haltung eines Tänzers. Ich glaube, dass man ohne diese Eigenschaften nur schwer ein hochrangiger Poomsae-Wettkämpfer werden kann. Es ist ein wundervoller Ausdruck der Kunstform Taekwondo. Es ist Sport, es ist ein Wettkampf mit Regeln, die nicht auf Effektivität basieren.

Ein weiteres Problem, das wir oft beobachten, sind leider sehr unrealistische Erwartungen an den Kampf, die durch Fernsehen, Filme und auch durch „echte Kampfsportarten“ wie Boxen, Jiu-Jitsu oder MMA hervorgerufen werden. Film- und Fernsehen zeigen uns leider oft ein etwas unrealistisches Bild von Kampfsport: Menschen, die Schlag auf Schlag, Tritt auf Tritt einstecken können, von einer Flasche getroffen oder sogar angeschossen werden können, sind dort keine Seltenheit. All dies tun sie mit vollem Körpereinsatz und ganz ohne langfristige körperliche oder emotionale Auswirkungen. Ich habe das Boxen immer schon sehr geliebt, auch als Zuschauer. Es ist eine der Kampfsportarten mit den meisten Kontaktbeschränkungen weltweit. Der Boxer versucht, den Schlägen seines Gegners auszuweichen. Wenn ihm das nicht gelingt, deckt er sich mit den Armen und vor allem mit seinen übergroßen Handschuhen ab, die ihm in einer Selbstverteidigungssituation leider nicht den Schutz bieten, den er bräuchte. Jiu Jitsu bietet eine wunderbare Vielfalt an Grifftechniken und MMA ist, wie der Name schon sagt, eine tolle, vielseitige Kampfkunst. Es ist oft brutal, aber dennoch ein Sport, der nach Regeln gespielt ausgetragen, und das finde ich wirklich gut. Es ist wichtig zu wissen, dass man nicht in die Augen stechen, bei einem Nahkampfangriff nicht in die Wange beißen oder in die Leistengegend schlagen darf. (Ich möchte daran erinnern, dass alle diese Techniken in der Poomsae geübt werden, außer dem Beißen.)

Ich habe großen Respekt vor den herausragenden Fähigkeiten von Spitzensportlern im Boxen, Jiu Jitsu oder MMA. Allerdings sind sie eine kleine Minderheit und nicht die Regel. Ich glaube, dass jeder Kampfsportler, egal welchen Stils, in einer Selbstverteidigungssituation eine potenziell tödliche Technik anwenden kann.

Sieger ohne klare Dominanz

Nun kommen wir zu einer olympischen Sportart, die ebenfalls sehr beeindruckend ist: Taekwondo-Kyorugi. Die Olympischen Spiele sind einfach die höchste Form des Wettkampfs, nicht wahr? Viele Kampfsportarten würden sich sehr darüber freuen, wenn sie mit einem Wettkampfelement bei den Olympischen Spielen vertreten wären. Dazu gehören zum Beispiel Karate, Muay Thai, Kickboxen und MMA. Sie alle haben sich schon einmal darum bemüht, bei den Olympischen Spielen dabei zu sein. Taekwondo wurde 1980 als olympische Disziplin anerkannt und feierte 2000 sein Debüt als vollwertiger Teil des Programms (nachdem es 1988 und 1992 als Demonstrationssportart vertreten war). Die meisten Sportarten basieren auf individuellen Kampffähigkeiten, die zu einem sicheren und fairen Wettkampf weiterentwickelt wurden. Bei den Olympischen Spielen in London im Jahr 2012 wurde das Protective Scoring System (PSS) eingeführt, um die Bewertung weniger subjektiv zu gestalten. Was viele Menschen nicht wissen, ist, dass World Taekwondo (Federation) bei seiner Bewerbung für die Aufnahme von Taekwondo als vollwertige Sportart im Jahr 1994 erklärt hatte, dass eine elektronische Wertung eingeführt werden würde, und dies war ein Faktor für die Aufnahme. Das IOC hatte viele Bedenken hinsichtlich subjektiv gewerteter Sportarten, nicht zuletzt beim Boxen, und wollte Zusicherungen, dass Voreingenommenheit und Betrug auf allen Ebenen bekämpft würden.

Meine Kritik an diesem Sport ist, dass sich die Regeln, bzw. die Auslegung der Regeln, in einem atemberaubenden Tempo geändert haben. Das hat zu einer uneinheitlichen Kampfrichtertätigkeit geführt, die nicht gut aussieht. Taekwondo ist schwieriger zu verfolgen als andere Kampfsportarten, weil die Wertungstechniken zwar sehr ausgefeilt sind, sich aber so weit von den effektiven Kampffähigkeiten entfernt haben, dass ein Mann auf der Straße keinen dominanten Kämpfer erkennen kann. Taekwondo hat nicht das Profil, das es der breiten Öffentlichkeit ermöglicht, die Regeln zu verstehen.

Die heutigen Spitzensportler im Taekwondo sind fitter, schneller und stärker als in der Vergangenheit. Sie haben in den meisten Fällen ein besseres technisches und taktisches Verständnis. Sie haben Zugang zu besseren Einrichtungen, besseren Trainern, besserer wissenschaftlicher Unterstützung und besserer Ernährung. Viele sind Vollzeit-Athleten, die sich ausschließlich auf Taekwondo-Wettkämpfe konzentrieren.

In der Vergangenheit gab es einige großartige Taekwondo-Athleten. Es war egal, welche Technik man zeigte, sie war einen Punkt wert. Kämpfe, die aus drei Runden à drei Minuten bestanden, wurden 1:0 oder 2:1 gewertet. Wenn ein Kämpfer absolut dominierte, konnte es auch 3:0 heißen. Niemand, nicht einmal die Kampfrichter, wussten, wie es stand, bis es die Punkteblöcke für die Seitenkampfrichter gab. Die Runden waren oft geprägt von viel Hüpfen oder Stehen auf der Stelle mit kurzen Aktionsschüben. Die Kampffläche war 10 Meter lang, aber man konnte auch außerhalb der Kampffläche kämpfen, solange man die 12 Meter nicht überschritt! Eine riesige Fläche, auf der man sich messen konnte. Dem Gegner den Rücken zuzuwenden war ein Foul, dem Kampf aus dem Weg zu gehen nicht. Die Schiedsrichter mussten unglaubliche 13 Kyongo Verwarnungen aussprechen, 8 davon für Gamjeuns. Zwei Verwarnungen bedeuteten Punktabzug.

Licht und Schatten

Ich glaube, dass viele Praktiker der „alten Schule“ die Dinge durch eine rosarote Brille sehen, wenn sie an die Vergangenheit denken. Ganz zu schweigen von der offensichtlichen Voreingenommenheit und Unprofessionalität der damaligen Schiedsrichter. Ich erinnere mich an ein Turnier, bei dem mein Trainer als Seitenkampfrichter fungierte. Ich verlor den Kampf. Ein neutraler Schiedsrichter sagte, ich hätte klar gewonnen. Als ich meinen Trainer darauf ansprach, sagte er, er habe den Kampf unentschieden gewertet, weil er nicht als parteiisch gelten wollte. Leider waren die beiden anderen Kampfrichter anderer Meinung und unterstützten ihren Schützling.

Fazit: Ist Taekwondo eine effektive Kampfsportart? Ja, wenn sie als solche betrieben wird. Können moderne Taekwondo-Sportler Kampfsportler sein? Ja, das können sie auf jeden Fall. Ist Taekwondo ein guter Sport? Ja, es ist erfolgreicher als die meisten Kampfsportarten, da es olympischen Status erreicht und behalten hat. Ist das traditionelle Taekwondo besser als das moderne? Nein, es hat sich nur weiterentwickelt. Muss es verbessert werden? Ja, in jeder Hinsicht.