Die Wurzeln des modernen Taekwondo

Die Geschichte und Bedeutung der Kwans

Wer die Entwicklung des modernen Taekwondo verstehen möchte, kommt an einem zentralen Begriff nicht vorbei: den Kwans. Sie sind weit mehr als nur Schulen oder Stilrichtungen – sie gelten als die historischen Wurzeln, aus denen sich das heutige Taekwondo entwickelt hat.

Entstehung in einer Zeit des Umbruchs

Die Geschichte der Kwans beginnt in den 1940er-Jahren in Korea – einer Zeit des politischen und kulturellen Umbruchs nach dem Ende der japanischen Besatzung (1910–1945). Während dieser Besatzungszeit war es Koreanern untersagt, eigene Kampfkünste öffentlich auszuüben. Viele der späteren Begründer der Kwans hatten daher im Ausland trainiert, insbesondere in Japan (Karate) oder China.

Nach der Befreiung Koreas kehrten diese Pioniere zurück und gründeten ihre eigenen Schulen – die sogenannten Kwans ( „Schule“ oder „Halle“).

Zu den fünf ursprünglichen Kwans, die als Keimzelle des modernen Taekwondo gelten, zählen: Chung Do Kwan, Moo Duk Kwan, Song Moo Kwan, Chang Moo Kwan und Ji Do Kwan.

Im Zuge der weiteren Entwicklung entstanden zusätzliche Schulen, sodass man später von den neun großen Kwans spricht. Ergänzt wurden die ursprünglichen fünf durch Oh Do Kwan, Kang Duk Won, Han Moo Kwan und Jung Do Kwan

Diese neun Kwans bilden die historische Grundlage des heutigen Taekwondo. Trotz ihrer späteren organisatorischen Zusammenführung im Rahmen der Vereinheitlichung spiegeln sie bis heute die Vielfalt der technischen Ansätze und die individuellen Prägungen ihrer Gründer wider.

Vielfalt als Stärke – und Herausforderung

In den Anfangsjahren existierten die Kwans unabhängig voneinander. Es gab keine einheitliche Bezeichnung für die Kampfkunst – Begriffe wie Tang Soo Do, Kong Soo Do oder Kwon Bop waren gebräuchlich.

Diese Vielfalt war einerseits eine enorme Stärke: Sie brachte eine große technische Bandbreite und Innovationskraft hervor. Andererseits erschwerte sie die nationale und internationale Etablierung einer einheitlichen koreanischen Kampfkunst.

Der Weg zur Einheit: Taekwondo entsteht

In den 1950er- und 1960er-Jahren begann ein Prozess der Vereinheitlichung. Unter politischem und organisatorischem Druck wurden die verschiedenen Kwans schrittweise zusammengeführt.

Ein entscheidender Meilenstein war die offizielle Einführung des Begriffs Taekwondo im Jahr 1955. Ziel war es, eine nationale Identität zu schaffen und die Kampfkunst international zu etablieren.

Mit der Gründung der Korea Taekwondo Association (KTA) und später des Kukkiwon als technisches Zentrum wurde dieser Einigungsprozess weiter vorangetrieben. Die Kwans wurden formal in das neue System integriert – ihre Eigenständigkeit trat zunehmend in den Hintergrund.

Die unsichtbaren Wurzeln im modernen Taekwondo

Auch wenn heute weltweit nach einheitlichen Standards trainiert wird, leben die Einflüsse der Kwans weiter – oft subtil, aber dennoch spürbar.

Viele technische Elemente, Trainingsphilosophien und sogar Unterschiede in Bewegungsdynamik oder Schwerpunktsetzung lassen sich auf die ursprünglichen Kwans zurückführen.

Bedeutung für die heutige Praxis

Für moderne Taekwondo-Praktizierende stellt sich oft die Frage: Welche Rolle spielen die Kwans heute noch?

Die Antwort ist vielschichtig. Im sportlich geprägten Taekwondo-Alltag treten sie häufig in den Hintergrund. Doch gerade im traditionellen, philosophischen und historischen Verständnis gewinnen sie wieder an Bedeutung.

In einer Zeit, in der Taekwondo globalisiert und standardisiert ist, erinnern die Kwans daran, dass diese Kampfkunst aus einer lebendigen, vielfältigen Tradition entstanden ist.

Mehr als Geschichte

Die Kwans sind kein abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit. Sie sind ein lebendiger Teil des Taekwondo – auch wenn sie nicht immer sichtbar sind.

Wer Taekwondo nicht nur trainiert, sondern wirklich verstehen möchte, sollte sich mit ihnen beschäftigen. Denn in ihren Geschichten liegt der Schlüssel zu dem, was Taekwondo heute ist: eine Verbindung aus Tradition, Entwicklung und gemeinsamer Identität.

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Die 9 Kwans auf einen Blick

Die sogenannten „neun großen Kwans“ bilden die historische Grundlage des modernen Taekwondo. Sie entstanden zwischen den 1940er- und 1950er-Jahren und wurden von prägenden Persönlichkeiten der ersten Generation gegründet.

Die fünf ursprünglichen Kwans (ab 1944)

Chung Do Kwan
Gründer: Lee Won-kuk
Gründung: 1944
Besonderheit: Älteste Kwan, stark von Karate geprägt

Moo Duk Kwan
Gründer: Hwang Kee
Gründung: 1945
Besonderheit: Eigenständige Entwicklung, später auch Tang Soo Do

Song Moo Kwan
Gründer: Ro Byung-jik
Gründung: 1944
Besonderheit: Enge Verbindung zur Chung Do Kwan

Chang Moo Kwan
Gründer: Yoon Byung-in
Gründung: 1946
Besonderheit: Einfluss chinesischer Kampfkünste

Ji Do Kwan
Gründer: Chun Sang-sup
Gründung: 1946
Besonderheit: Gilt als prägend für den moderne Wettkampf

Die später entstandenen Kwans

Oh Do Kwan
Gründer: General Choi Hong-hi (mit Nam Tae-hi)
Gründung: 1953
Besonderheit: Militärische Prägung, wichtige Rolle bei der Taekwondo-Entwicklung

Kang Duk Won
Gründer: Park Chul-hee & Hong Jong-pyo
Gründung: 1956
Besonderheit: Technisch vielseitige Schule

Han Moo Kwan
Gründer: Lee Kyo-yoon
Gründung: 1954
Besonderheit: Hervorgegangen aus der Ji Do Kwan

Jung Do Kwan
Gründer: Lee Yong-woo
Gründung: 1956
Besonderheit: Fokus auf strukturierte Ausbildung

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