Wie Taekwondo mein Leben veränderte
Über Ausdauer, Neuanfänge und den Mut, weiterzugehen
Mein Weg mit Taekwondo

Mein Name ist Angela, ich bin 58 Jahre alt, und Kampfsport bestimmt seit meinem zwölften Lebensjahr mein Leben. Damals begann ich mit Judo und betrieb diesen Sport bis zum Ende meines Studiums. Doch wie das oft so ist: Familie, Arbeit im Ausland, Kinder – und der Sport bleibt irgendwann auf der Strecke.
Als meine Kinder groß genug waren, meldete ich sie beim Taekwondo an, das bei uns gleich um die Ecke angeboten wurde. Ich schaute zunächst nur zu. Eines Tages fragte mich der Trainer, ob ich nicht auch mitmachen wolle. Ich dachte, mit 37 sei ich dafür eigentlich schon zu alt – doch das Training machte Spaß, und ich fühlte mich keineswegs alt. Besonders gefiel mir die Vielseitigkeit des Taekwondo: Freikampf, Formenlauf, Selbstverteidigung und Bruchtest. Als ich mein erstes Brett mit Leichtigkeit zerbrach, wusste ich: Taekwondo ist genau die richtige Kampfsportart für mich. Außerdem mochte ich, dass es keinen Bodenkampf gibt, bei dem man dem Gegner körperlich sehr nahekommen muss.
Ein eigener Verein – und neue Verantwortung
Leider verließ unser Trainer nach ein paar Jahren unsere kleine Stadt – und damit war mein Training zunächst zu Ende. Doch ich hatte Blut geleckt und wollte weitermachen. Gemeinsam mit einem Gleichgesinnten und mit Unterstützung meiner Töchter gründeten wir einen Verein und machten uns auf die Suche nach Trainingsräumen. Das klingt schnell erzählt, war aber oft mühsam: Alle Turnhallen waren bereits ausgebucht. Wir blieben hartnäckig, sprachen immer wieder bei der Stadtverwaltung vor und erhielten schließlich einen kleinen Raum im Jugend- und Freizeitzentrum unserer Stadt.
Ein wenig Glück gehörte sicher auch dazu: Etwas später konnten wir in die Übungsräume einer ehemaligen Tanzschule umziehen – nun sogar mit Umkleideräumen. Diese Sportstätte mieteten wir von der Stadt, was bedeutete, dass die Miete zuverlässig aufgebracht werden musste. Also gingen wir intensiv auf Mitgliedersuche, zunächst im Bekannten- und Freundeskreis und bei ehemaligen Trainingskameraden. Dabei half es, dass unsere Stadt nicht besonders groß ist.
Parallel absolvierten wir auf eigene Kosten – und an den Wochenenden, denn arbeiten mussten wir ja auch noch – Übungsleiter- und weitere Fortbildungskurse an der Landessportschule in Osterburg. Meine jüngere Tochter war immer dabei, da ich sie als Alleinerziehende nicht – wie ihre große Schwester – allein lassen konnte. Wir stellten Förderanträge für Matten und Westen und kauften die ersten Pratzen aus eigener Tasche. An dieser Stelle möchte ich meiner Tochter und meinem Mitstreiter Holger ausdrücklich danken – allein hätte ich das nie geschafft.
Das ist nun über 15 Jahre her. Unser Verein ist stetig gewachsen und immer erfolgreicher geworden, die Mitgliederzahlen steigen kontinuierlich. Mittlerweile sind wir erneut umgezogen, haben zusätzlich zu den Trainingsräumen ein kleines Fitnessstudio eingerichtet und auch einen Boxclub integriert. Den größten Anteil daran hat mein Sportkamerad Holger, der den Verein leitet und sich mit beeindruckendem Engagement um alles kümmert – vom Ausbau der Räume bis zur regelmäßigen Reinigung.
Allerdings fehlt uns bis heute jemand, der uns regelmäßig anleiten und weiterentwickeln kann. Hinzu kam, dass mich eine Krebserkrankung für mehrere Jahre ausbremste und ich keinen Kampfsport betreiben durfte. Als es mir wieder besser ging, nahm ich das Training erneut auf – mit einem großen Ziel vor Augen: den schwarzen Gürtel. Dieser Wunsch begleitete mich schon lange, und als ich sah, dass andere, die viel später begonnen hatten, inzwischen weiter waren, wuchs mein Ehrgeiz nur noch mehr.
Ich trainierte hart – eigentlich in jeder freien Minute, auch in den Weihnachtsferien – und konnte im Januar 2023 in der Sportschule Park in Stuttgart bei Großmeister Park Soo-nam (10. Dan), schließlich die Prüfung zum 1. Dan bestehen. Ein besonderer Dank gilt erneut meinem Sportkameraden Holger, der mich in dieser Zeit intensiv unterstützt hat.
Der Besuch der Sportschule Park war für mich ein ganz besonderes Erlebnis. Großmeister Park Soo-nam war ein außergewöhnlicher Mensch, den ich sehr gern näher kennengelernt hätte. Für mich stand fest: Ich möchte Koreanisch lernen – die Sprache des Landes, aus dem Taekwondo stammt.
Seoul: Lernen im Mutterland des Taekwondo
Wer mich kennt, weiß: Was ich mir vornehme, ziehe ich auch durch. Also buchte ich einen dreiwöchigen Sprachkurs in Seoul. Wo ließe sich eine Sprache besser lernen als bei Muttersprachlern? Schon nach meinem ersten Aufenthalt, in dem ich mich in die Stadt verliebte, reifte der Entschluss, für längere Zeit zurückzukehren – um Taekwondo zu trainieren, mich weiterzuentwickeln und mein Wissen später weiterzugeben.
Solche Pläne lassen sich nicht von heute auf morgen umsetzen. Ich sprach mit meinem Arbeitgeber, suchte mir bei einem weiteren Aufenthalt einen Dojang und setzte mein Koreanisch-Studium an einer Sprachschule fort. Dank der Unterstützung meines Arbeitgebers konnte ich im Juli 2025 für sechs Monate nach Seoul gehen.
Dort trainierte ich in der Taekwondo-Akademie des legendären Großmeisters Lee Kyu-hyun (9. Dan), eines engen Freund des 2024 verstorbenen Park Soo-nam, unter der Anleitung von Großmeister Park Bu-gun (8. Dan) sowie Meister Yu Ra-un (6. Dan) mindestens dreimal pro Woche. Umso größer war meine Freude, als mir mitgeteilt wurde, dass ich dort die Prüfung zum 2. Dan ablegen könne – im Mutterland des Taekwondo! An diese Möglichkeit hatte ich zuvor gar nicht gedacht.
Die bürokratischen Hürden waren allerdings nicht geringer als in Deutschland, und bis Anfang Dezember war unklar, ob die Prüfung tatsächlich stattfinden würde. Es war ein echtes Wechselbad der Gefühle. Auch die Verständigung war nicht immer einfach: Obwohl ich täglich einen Intensivsprachkurs besuchte, waren viele Erklärungen sehr schnell, und selbst der Google-Übersetzer half nicht immer weiter.
Dank der Empfehlung von Großmeister Lee Kyu-hyun wurde mein Antrag schließlich bewilligt – und heute halte ich stolz die Urkunde für den 3. Dan in den Händen. Ja, tatsächlich den dritten. Ich wusste nicht, dass es einmal in der gesamten Laufbahn möglich ist, einen Dan zu überspringen – mit der ausdrücklichen Empfehlung eines Großmeisters.
Mein Ehrgeiz weckte zudem das Interesse von Großmeister Park Bu-gun an unserem kleinen Verein. Er hat bereits zugesagt, uns in Zukunft besuchen zu wollen. Bis dahin wollen wir uns regelmäßig per Video austauschen.
Im Seouler Dojang habe ich viele großartige Menschen kennengelernt, die mich unterstützt und ermutigt haben, wenn eine Bewegung nicht sofort gelingen wollte. Besonders beeindruckt hat mich der respektvolle Umgang miteinander, die Ernsthaftigkeit des Trainings – und zugleich die Freude, die dabei nie verloren geht. Jung und Alt lernen voneinander und begegnen sich mit gegenseitiger Achtung.
Ein großes Vorbild für mich ist Frau Kim Bok-soon, die nach einer Krebserkrankung nicht aufgegeben hat und im Februar 2026 die Prüfung zum 4. Dan ablegen wird. Wenn man sieht, wie sie sich bewegt, würde man niemals vermuten, dass sie bereits 72 Jahre alt ist.
Ich wurde im Seouler Dojang herzlich aufgenommen und als vollwertiges Mitglied angesehen. Deshalb ist mein nächster Besuch im Sommer bereits geplant. Schließlich möchte ich zeigen, dass ich nicht alles vergessen habe und weiter an mir gearbeitet habe. Die Professionalität der koreanischen Trainer und ihr individuelles Eingehen auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen können sicher auch meine Besucher aus meinem Naumburger Dojang, aus Herzberg und aus meiner Sprachschule bestätigen.
Ich bin dankbar, dass ich weiterhin Taekwondo trainieren kann. Auch wenn das Training manchmal hart ist, ich denke, mein Bein geht nicht mehr höher, mir vom vielen Drehen schwindlig wird oder die richtige Atmung beim Blocken nicht sofort gelingt – auf dem Heimweg habe ich stets ein Lächeln im Gesicht und ein Gefühl tiefer Zufriedenheit.
Durch Taekwondo fühle ich mich lebendig und fit – und nicht wie eine Oma, die ich seit zwei Jahren bin. Ich wünsche mir, diesen Sport noch viele Jahre ausüben zu können und vielleicht sogar meinen Enkel dafür zu begeistern.

