Wie Taekwondo mein Leben veränderte
Michael Willax: Mein Weg zum Buddhismus

Michael Willax, 7. Dan aus Wien, ist unserem Aufruf gefolgt und schildert eindrucksvoll, wie Taekwondo sein Leben geprägt und verändert hat. Die nachfolgenden Auszüge stammen aus einer Arbeit, die er für seine Prüfung zum 6. Dan verfasst hat – ein sehr persönliches Zeugnis eines langen Weges auf der Suche nach Sinn, Spiritualität und innerer Stärke. Wir danken Michael herzlich für seine Offenheit und das Vertrauen, seine Gedanken mit unseren Leserinnen und Lesern zu teilen.
Vom Ministranten zum Kampfsportler
„Nachdem ich mich schon so lange mit Kampfsport befasse und mit der Philosophie, die damit verbunden ist, führte mich unweigerlich der Weg in Richtung Buddhismus“, schreibt Michael Willax. Doch der Weg dorthin war ein langer – und begann weit entfernt vom Dojang: auf dem Land, in einer katholisch geprägten Umgebung, mit Kirche, Ritualen und einem tiefen Bedürfnis nach Sinn.
„Als junger Mann hatte ich meine Träume und Ziele wie wir alle. In Bescheidenheit aufgewachsen, fehlte es uns dennoch an nichts, was man zum Leben braucht. Doch ich wollte ein erfolgreiches und glückliches Leben führen.“ Ein Beruf, Familie, Sicherheit – das waren die Vorstellungen, die er mitbekam, wie viele andere auch: „Unsere Gesellschaft ist darauf aufgebaut, und so wird es auch von den Eltern an die Kinder weitergegeben.“
Schon früh war Sport ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. Die Ausdauer und Disziplin, die er dabei entwickelte, halfen ihm, Ziele zu erreichen. Und dennoch spürte er: Da ist noch etwas. Eine tiefere Verbindung – zu Gott, zum Glauben, zum spirituellen Fragen.
„Ich bin auf dem Land aufgewachsen, und es war normal, dass man als Kind jeden Sonntag in die Kirche ging“, erinnert er sich. Seine Eltern waren katholisch, „aber es war eher nur eine Formsache“. Trotzdem ging er regelmäßig zur Messe – und wurde ab der dritten Volksschulklasse Ministrant.
„Ich hatte schöne Erlebnisse: Ausflüge, Ratschen gehen zu Ostern und Sternsingen waren die angenehmen Seiten des Ministrierens.“ Vor allem aber faszinierte ihn die Geschichte Jesu. „Ich wollte alles über die Person, den Propheten Jesus, wissen. Der Kreuzweg, den Jesus durchgemacht hatte, rührte mich immer zu Tränen.“ Der tiefere Sinn erschloss sich ihm damals jedoch noch nicht: „Warum starb Jesus für uns am Kreuze, und wie kann jemand alle Sünden dieser Welt auf sich nehmen?“
Bis zum 18. Lebensjahr blieb er der Kirche und dem Glauben verbunden – nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus innerer Überzeugung: „Ich spürte zwar, dass da mehr sein musste, aber ich gab mich mit meinem Gefühl – der Verbundenheit zu Jesus und Gott – zufrieden.“
Nach dem Ende seiner Ministrantenzeit mit 14 hörte er auf, regelmäßig zur Kirche zu gehen. Doch sein innerer Dialog mit Gott ging weiter. „Das Zwiegespräch mit Gott setzte ich täglich fort.“ Nur: Darüber gesprochen habe er mit niemandem. Die Antworten suchte er fortan woanders – im Sport. Mit 18 Jahren begann er endlich mit dem Kampfsport, „auch dieses Interesse hatte ich schon als Kind sehr stark gespürt“.
Mehr als Sport: Der Weg nach innen
„Am Anfang war es für mich eine ganz normale sportliche Betätigung, der ich voller Freude und Motivation regelmäßig nachging“, beschreibt Michael Willax seine ersten Schritte im Kampfsport. Ehrgeiz, Disziplin und regelmäßiges Training führten bald zu den ersten Wettkampferfahrungen. Doch schon früh ging es ihm um mehr als körperliche Leistung: „Ich befasste mich nicht nur mit den Techniken und dem körperlichen Training – nein, mich interessierte auch die Philosophie, die damit verbunden war.“
Woher kam diese Disziplin? Welche spirituellen Wurzeln hatte der Kampfsport? Was verband ihn mit dem Buddhismus? Es sollten noch Jahre vergehen, bis sich Antworten auf diese Fragen auch emotional erschlossen – doch erste Veränderungen spürte er schon früh:
„Je länger ich trainierte, mich in Disziplin und Respekt gegenüber allen Lebewesen übte, desto mehr nahm ich eine Veränderung in mir wahr.“ Es war eine Veränderung, die sich tief im Inneren vollzog: „Ich wurde ruhiger, aufmerksamer, achtsamer – im Umgang mit anderen Menschen, aber auch mit mir selbst. Ich spürte, dass es gut war, meinen Körper zu trainieren und dabei auch den Geist nicht zu vergessen. Ich erlebte ein allgemeines Wohlbefinden.“
Begegnung mit den Shaolin: Der erste Schritt
Ein Schlüsselmoment war die Begegnung mit Shaolin-Mönchen im Rahmen eines Seminars: „Mich faszinierte die Verbundenheit von Körper, Geist und Seele. Dem täglichen Training einen Sinn zu geben.“ Und dieser Sinn ging weit über Techniken und Fitness hinaus: „Der Sinn des Trainings ist es, ein besserer Mensch zu werden. Das ist die Kernaussage jeder Kampfsport-Philosophie.“
Wer das einmal erkennt, beginnt das Training mit anderen Augen zu sehen. „Denn es fällt der sportliche und körperliche Aspekt weg, den fast jeder damit verbindet, wenn er mit der Ausübung von Kampfsport beginnt.“ Es gehe nicht mehr nur um Fitness oder Selbstverteidigung, so Willax. „Nein, es geht auch darum, etwas zu erkennen und zu spüren.“
Eine Reise nach Korea – Eine Reise zu sich selbst
Der spirituelle Wendepunkt kam im Jahr 2003 – mit einer Reise ins Ursprungsland des Taekwondo. „Es ergab sich für uns erstmalig, eine Reise nach Korea zu machen“, erinnert sich Willax. Organisiert wurde die Reise von seinem Meister und Trainer Dr. Norbert Mosch. Die Gruppe war eingeladen, am ersten Taekwondo-Festival teilzunehmen.
„Ich wusste, dass diese Reise für mich nicht nur im sportlichen Bereich, sondern auch im spirituellen Bereich einiges für mich ändern würde“, so Willax. Denn seine Neugier galt nicht nur dem Training – auch das Interesse am Buddhismus war längst erwacht: „Damals waren für mich Asien und Taekwondo schon Buddhismus.“
Natürlich standen zunächst sportliche Aktivitäten im Vordergrund. Doch was ihn besonders prägte, war die Erfahrung der internationalen Begegnung: „Meine erste intensive Erfahrung spürte ich beim Zusammentreffen mit allen anderen Teilnehmern aus den verschiedenen Ländern.“ Eine Verbundenheit, die über Sprache, Herkunft und Kultur hinausging.
„Ich denke, sehr wenige Kampfsportarten bringen eine so gemeinsame Herzlichkeit und Gemeinsamkeit in der Gruppe hervor“, sagt er. Und erklärt auch warum: „Durch die ständige Disziplin im Training und den gegenseitigen Respekt, den man lernt und sich auch aneignet, wächst in jedem eine ganz natürliche Freundlichkeit gegenüber allen Menschen und Lebewesen.“
Für Willax liegt in dieser Haltung die Verbindung zwischen Taekwondo und Buddhismus: „Ich ziehe diesen Vergleich immer wieder in dieser Arbeit, da sich für mich das eine im anderen widerspiegelt.“
Technik, die von innen kommt
Der Weg zu innerer Stärke beginnt, wie so vieles im Taekwondo, mit der ständigen Wiederholung: „Das ist so, wie wenn du das erste Mal – nein, die ersten hundert Male – eine Technik immer und immer wieder ausführst“, schreibt Michael Willax. Anfangs sei es nur ein körperlicher Ablauf: „Der Befehl wird vom Gehirn an den Muskel gegeben und der Körper führt es einfach aus.“
Über die Technik denkt man nicht weiter nach – Hauptsache, sie funktioniert. „Dadurch wird die Technik oft nur mit Kraft ausgeführt“, erklärt Willax. „Das wiederum macht die ausführende Technik langsam und – man sollte es nicht glauben – auch vergleichsweise schwach.“ Erst nach Monaten oder sogar Jahren beginne man zu begreifen, dass wahre Stärke aus Präzision, innerer Klarheit und feiner Abstimmung entsteht.
„Jede einzelne Technik hat eine Wirkung. Diese Wirkung geht nicht nur auf den Gegner ein, sondern bewirkt auch einiges am eigenen Körper und Geist.“
Die härtesten Prüfungen: das Leben
Doch die größten Herausforderungen kamen für Willax nicht im Training – sondern im Leben. Er verlor wichtige Bezugspersonen, wurde mit existenziellen Sorgen konfrontiert und stand zeitweise am Rand des Abgrunds: „Natürlich war ich in dieser Zeit sehr verzweifelt und habe nicht gleich gewusst, wie ich diese Probleme lösen soll. Ich war nicht nur emotional am Boden, sondern auch verzweifelt, da ich fast auf der Straße gestanden bin.“
Zweifel, Ratlosigkeit, Zukunftsängste – viele Fragen standen im Raum:
„Wie wird es weitergehen? Kann ich das alles nochmals schaffen? Was hat das alles für einen Sinn?“
Es waren nicht die lauten Stimmen, die halfen – sondern die Menschen, von denen er es am wenigsten erwartet hatte. Freunde, Weggefährten – und vor allem seine Taekwondo-Familie: „Ein ausgesprochen großer Dank gilt Herrn Dr. Norbert Mosch, meinem Trainer seit fast 30 Jahren, und seiner Familie.“
Sie standen ihm nicht nur mit Ratschlägen, sondern auch ganz praktisch zur Seite: mit Essen, mit Trainingsgelegenheiten, mit Halt. „Denn das war einerseits eine gute Ablenkung und andererseits konnte ich von jedem Training, das ich selbst gab, auch für mich einiges lernen.“
Der innere Kämpfer
Im Training erinnerte er sich an das, was er anderen beibrachte – und was auch für ihn selbst gelten musste: „Disziplin, sich selbst zu besiegen und Schwierigkeiten zu überwinden – das war alles das, was auch mir helfen sollte.“
„Ich musste mich nur darauf konzentrieren“, sagt er heute. „Alle Disziplinen, die ich in den ganzen Jahren des Taekwondo-Trainings erlernt hatte, musste ich nur in meinem eigenen Leben anwenden. Dann würden auch die Lösungen von selbst kommen.“
Doch der Weg war nicht leicht. Menschen aus seinem Umfeld machten ihm zusätzlich zu schaffen:
„Dein Leben ist vorbei. Du hast Pech gehabt. Du hast falsche Entscheidungen getroffen.“
Sätze, die sich festsetzen. „Eine Zeit lang glaubte ich das auch selbst und verfiel fast in eine Depression.“
Und doch ging er weiter ins Training. „Das war etwas, das mir trotzdem immer wieder Freude bereitete. Es trieb mich an und holte mich aus meinem aussichtslosen Leben heraus.“ Irgendwann regte sich der Wille wieder: „Es dauerte eine lange Zeit, bis dann endlich der Kämpfer in mir erwachte.“
Er erinnerte sich: „Auch wenn du einen oder mehrere Kämpfe verloren hast – steh auf und lerne aus deinen Fehlern. Gib nicht auf, mach weiter. Denn es ist nicht aussichtslos.“
Taekwondo als Lebensweg
Was er selbst durchlebte, erkennt er heute in jedem neuen Schüler wieder: „Jeder Schüler, der mit dem Taekwondo-Training beginnt, steht am Anfang.“ Auch wenn Erfolge ausbleiben, ist das kein Grund aufzugeben. „Mit einem Satz: Er würde nicht aufgeben und einfach weitermachen.“
Und ein guter Trainer? Der zeigt nicht nur Techniken – er weist Wege. „Ja, er würde ihm sogar über das Taekwondo-Training einen Weg zeigen. Einen Weg, der die Lösung für sein Problem sein könnte. Einen Weg, den er konsequent weitergehen soll. Es ist nicht nur der Ausweg – nein, es ist auch ein Lebensweg.“
Auch für Michael Willax wurde Taekwondo zu genau diesem Lebensweg. Und als er ganz unten war, meldete sich eine Stimme – nicht laut, aber klar:
„Steh auf, mach weiter, gib niemals auf. Lerne aus deinen Fehlern und wiederhole sie nicht. Entwickle dich weiter und suche dir einen anderen Weg zum Ziel. Aber bleib nicht stehen, bleib nicht liegen. Denn sonst hast du für immer verloren. Höre auf deine innere Stimme. Hör auf das, was dir dein innerer Kämpfer sagt. Hör auf deine Taekwondo-Familie.“
Verinnerlichte Stärke
Dass Michael Willax nicht aufgab, sich nicht in Selbstmitleid verlor und seinen Weg zurück ins Leben fand, verdankt er zweierlei: seinem Glauben – und Taekwondo. „Ich stand auf und befolgte all diese Punkte, die mir das ständige Taekwondo-Training im Laufe der Jahre gab.“
Viele Fähigkeiten, die im Training über Jahre hinweg erworben werden, entfalten ihre Kraft oft erst in Krisenzeiten. „Doch wenn wir diese Eigenschaften benötigen, sind wir nicht in der Lage dazu, sie abzurufen“, sagt Willax. „Wir können uns plötzlich nicht daran erinnern, oder sie in der Situation, in der wir sie benötigen, nicht anwenden.“
Wie in der Selbstverteidigung: „Wir wissen, was in gefährlichen Situationen zu tun ist. Doch können wir es auch abrufen?“ Die Antwort lautet: Ja – wenn wir uns dem jahrelangen Training hingeben. Wenn Techniken nicht nur gelernt, sondern verinnerlicht wurden. „Dann klappt es. Zumindest ist unser Selbstbewusstsein so gestärkt, dass wir uns der Situation stellen können.“
Und manchmal, so Willax, sind es gerade die einfachen Dinge, die große Wirkung haben: „Oft sind es banale Dinge, die eine sehr große Auswirkung haben können.“ Entscheidend sei, regelmäßig zu trainieren, offen zu bleiben, respektvoll zu handeln – und bereit zu sein, sich selbst immer weiterzuentwickeln.
Der „Spirit of Taekwondo“
„Ich habe mich an diese Dinge, die ich im täglichen Taekwondo-Training gelernt habe, wieder erinnert und darauf konzentriert“, erzählt Willax. „Die Auswirkung und der später automatische Erfolg haben sich dann eingestellt.“ Erfolg – nicht im sportlichen Sinne allein, sondern im tieferen, menschlichen Sinn. Der Erfolg, ins Leben zurückgefunden zu haben. Der Erfolg, heute ein glücklicherer, achtsamerer Mensch zu sein.
Was Taekwondo bewirken kann, beschreibt er eindrücklich:
„Wir kommen als ungeschliffene Rohdiamanten zum ersten Mal ins Training.
Wir lernen Techniken und Etikette.
Wir lernen Respekt, Disziplin, Fairness und Regeln.
Wir trainieren unseren Geist und unseren Körper.
Wir lernen, uns zu verteidigen – und auf uns selbst zu hören.
Wir lernen, an unsere Grenzen zu gehen und über sie hinaus.
Wir lernen, dass wir miteinander und voneinander lernen können.“
Wer diese Prinzipien nicht nur körperlich übt, sondern verinnerlicht, kann sie in jeder Lebenslage anwenden – nicht nur im Dojang.
Vom Schüler zum Meister – und darüber hinaus
Willax beschreibt den Weg vom Anfänger bis zum Großmeister als stufenweise Entwicklung, in der Technik, Geist und Persönlichkeit zusammenwachsen:
„Am Anfang ist die Technik ungewohnt – sie fühlt sich fremd an.
Später wird sie zur Selbstverständlichkeit.
Irgendwann lösen sich Denken und Bewegung, und es entsteht Energie.
Diese Energie wirkt in uns – das ist der Grad des Meisters.
Und wenn wir beginnen, dieses Wissen weiterzugeben, mit Überzeugung und Haltung,
dann sind wir auf dem Weg zum Großmeister. Wir entwickeln uns und andere Menschen zu besseren Menschen. Wir sind aus einem Rohdiamanten, der vor vielen Jahren zum Taekwondo Training gegangen ist, zu einem wunderschönen Brillanten geworden – einem wertvollen, besseren Menschen.“
Ein Großmeister – so versteht er es – ist jemand, der Technik, Philosophie und Leben miteinander vereint. Jemand, der erkennt: „Was wir im Taekwondo lernen, ist in jedem Bereich des Lebens anwendbar.“ Doch auch auf dieser höchsten Stufe gilt: „Wir dürfen nicht stehen bleiben. Denn was unbeweglich bleibt, wird starr und bricht. Wer beweglich bleibt, ist biegsam wie Bambus – und wird bis ans Ende seines Lebens glücklich und gesund bleiben.“
„Das ist für mich der Spirit of Taekwondo!“
Ein Neubeginn – voller Dankbarkeit
Heute ist Michael Willax wieder angekommen – im Leben, im Glauben, in der Gemeinschaft. „Ich bin glücklich mit meiner neuen Familie vereint.“ Sein abschließender Dank gilt all jenen, die ihn begleitet und gestärkt haben:
Dr. Norbert Mosch, 8. Dan
Der ganzen Familie Mosch
Meiner Frau, Renate Willax
Meinen Eltern, Edeltraud und Rudolf Anzenberger
Meiner buddhistischen Leiterin, Megumi San
Allen Trainingskolleg:innen der Mudokwan Schule in Wien





