Mike McKenzies Kolumne
Taekwondo: Sport versus Kampfkunst

Unser Autor Mike McKenzie beschäftigt sich in diesem Jahr mit einer Reihe kontroverser Themen, welche die Entwicklung unserer Disziplin von der koreanisch geprägten Kampfkunst hin zum international vernetzten Kampfsport begleitet haben und weiterhin begleiten. In diesem Monat geht es um das Spannungsfeld „Sport versus Kampfkunst“.
Als ich 1979 mit Taekwondo begann, war mir der sportliche Aspekt dieser Kampfkunst noch nicht bewusst. Meine kindlichen Vorstellungen waren geprägt von der Fernsehserie Kung Fu mit David Carradine, The Karate Killers sowie James Bond in Man lebt nur zweimal. Dazu kam eine merkwürdige Zeitungsstory über Karate-Experten, die ein Haus mit bloßen Händen zerstörten. Und nicht zu vergessen: eine TV-Werbung für Hai Karate-Aftershave mit einer sehr schönen Frau (der Duft war allerdings grauenvoll).
Ich besuchte meine erste Taekwondo-Stunde als Zehnjähriger – damals in Großbritannien ein ungewöhnlich junges Alter für den Einstieg in den Kampfsport. Man sagte mir, Taekwondo sei wie Karate, nur aus Korea, und man berühre sich nicht, sondern mache Liegestütze oder stütze sich auf die Fingerknöchel. Drei Monate lang trainierte ich in Schlaghose und einem roten, ärmellosen T-Shirt, bis ich an meinem Geburtstag meine erste „Karate-Uniform“ bekam – ein Rucanor Matsuri Gi für 11,70 £. Uniformen mit V-Ausschnitt gab es damals in Großbritannien noch nicht.
Trainingsmethoden aus der Vorzeit
Die Trainingseinheiten dauerten zwei Stunden. Das Aufwärmen bestand mitunter aus einem Dreimeilen-Lauf in weißen Uniformen und barfuß über die von Kohlebergbau geformten Hügel. Wir trainierten Sprungtritte über kniende Mitschüler oder solche, die sich vornübergebeugt an die Zehen fassten. Es gab Drei- und Ein-Schritt-Sparring, Selbstverteidigungstechniken – aber vor allem liefen wir unzählige Male die Halle auf und ab und übten Stellungen, Tritte und Blocks. Ein Großteil des Trainings bestand aus diesen Wiederholungen und den Palgwe-Poomsae, die später vom Taegeuk-System abgelöst wurden. Gelegentlich trugen wir dicke Schutzkleidung für Sparring. Schienbein-, Armschützer, Kopfschutz oder Zahnschutz gab es damals nicht – und Tiefschützer wurden über der Hose getragen. Nicht jeder hatte einen, und viele waren eigentlich fürs Cricket gedacht.
Ich war fit, beweglich und in Topform. Nach sechs Jahren war ich übermütig – eine Mischung aus Teenagerhormonen und meinem unerschütterlichen Glauben an das Taekwondo. Ich hatte in der Zeit nur wenige Wettkämpfe bestritten. Mit sechzehn geriet ich in eine meiner ersten Auseinandersetzungen auf der Straße. „Kampf“ ist übertrieben – es war ein Streit mit einem ein Jahr älteren und rund zehn Kilogramm schwereren Jungen. Wir beleidigten uns gegenseitig, er schlug mir mit einem rechten Haken ins Gesicht – ich ging zu Boden und wurde mehrfach getreten. Erst die Schreie seiner Schwestern brachten ihn zum Aufhören.
Ernüchterung und Frustration
Körperlich war ich schnell wiederhergestellt, psychisch brauchte ich Monate, um das zu verarbeiten. Ich trainierte weiter, stellte aber vieles infrage – ohne meinem Trainer zu sagen, was passiert war. Bei einem Wettkampf verlor ich einen Kampf, den ich klar gewonnen hatte. Mein Trainer, einer der Punktrichter, wertete unentschieden – aus Angst, parteiisch zu erscheinen. Die Kampfrichter des gegnerischen Vereins waren da weniger zimperlich.
Ich war verwirrt, frustriert, desillusioniert. Ein Freund schlug vor, zum Kickboxen zu gehen. Ich probierte es, aber der Weg war zu weit, das Training endete zu spät. Dann erzählte mir ein anderer Freund, er wolle den Verein verlassen und einen eigenen gründen – auch er war enttäuscht, aber ein junger Schwarzgurt. Ich zögerte. Ich wollte meinem Verein und meinem Trainer treu bleiben. Im Sommer 1986 lud mich dieser Freund zu einem Sommercamp mit Meister Tong Wan Shin in Cumbria ein – dem ersten koreanischen Meister, mit dem ich trainierte. Das Camp war ein Augenöffner: Ich trug den 2. Dan, aber die dortigen Rotgurte waren besser. Zum ersten Mal begriff ich den Unterschied zwischen Wettkampftraining und traditionellem Training – mit neuen Techniken, Fußarbeit, schnellen, dynamischen Bewegungen.
Ein Neuanfang
Ich war neu inspiriert. Mir wurde klar, dass es nicht Taekwondo war, das mich im Jahr zuvor im Stich gelassen hatte, als ich zusammengeschlagen worden war, sondern die unrealistische Art und Weise, wie ich Taekwondo trainiert hatte. Seitdem haben mich meine Taekwondo-Fähigkeiten in Konfliktsituationen nie wieder enttäuscht.
Ich trainierte intensiver und machte schnelle Fortschritte. 1988 wurde Taekwondo olympisch. Ich war zwanzig, trainierte sieben Tage die Woche, aber hatte keine Chance auf Olympia – ohne Trainer, im falschen Verband, ohne das nötige Know-how. Wenige Monate vor den Spielen gründete ich meinen Verein Quest Taekwondo. Ich wollte effektive Selbstverteidigung und Sport-Taekwondo unterrichten. Mein Slogan: „Quest Taekwondo – die koreanische Selbstverteidigungskunst und neue olympische Sportart.“ Mein Ziel: Jede Schülerin, jeder Schüler sollte das eigene Potenzial ausschöpfen – menschlich wie kämpferisch.
Die Lehren der Vergangenheit
Meine Erfahrungen aus meiner frühen Taekwondo-Zeit sind eine Reise, die viele andere geteilt haben. Damals wurden Trainingsmethoden oft von Ausbildern übernommen, die Taekwondo während ihres Militärdienstes gelernt hatten. Ihre harte Disziplin wurde von Schülergenerationen übernommen, denen es an militärischer Erfahrung und an der nötigen Reife fehlte, um zwischen echter Kampfkunst und bloßem Drill zu unterscheiden. Rückblickend sehe ich unter vielen „älteren Schülern“ vor allem Tyrannen. Tatsächlich ist einer der häufigsten Fehler, den ich im Taekwondo immer noch sehe, dass statusorientierte Personen sich aufgrund ihres Gürtels und ihrer langen Trainingserfahrung für überlegen halten und andere mit Arroganz und Verachtung behandeln.
Bedeutsame Begegnungen
1986 lernte ich im Camp Peter Adamsons kennen. Ich mochte ihn nicht – er war talentiert, aber arrogant und dem Camp gegenüber negativ eingestellt. Einige Jahre später begegneten wir uns wieder: Er war Trainer der britischen Frauenmannschaft, frisch zurück von den Olympischen Spielen in Barcelona. Diesmal verstanden wir uns gut, ich begann mit ihm zu arbeiten. 1993 wurde ich Manager der Frauenmannschaft, später auch der Männer. Wir nahmen am IOC-Kongress in Paris teil, wo Taekwondo als olympische Disziplin für Sydney 2000 aufgenommen wurde. Mit knappen Mitteln erzielten wir respektable Erfolge. Park Soo-nam war Präsident von British Taekwondo und unser Mentor.
Trotz des Erfolgs der Mannschaft unter der Leitung von Meister Park praktizierten wir Taekwondo sowohl als koreanische Kampfkunst als auch als olympische Sportart. Ich kann persönlich sagen, dass Park mir im Laufe der Jahre viele praktische Selbstverteidigungstechniken gezeigt hat, die ich gelegentlich sehr effektiv anwenden konnte.
2003 wurde in Großbritannien die nationale Vollzeitakademie gegründet – damit erfolgte erstmals offiziell eine Trennung zwischen Kampfkunst und Sport. Einige Vereine konzentrierten sich rein auf den sportlichen Aspekt, manche Athleten wurden jenseits des Kukkiwon-Lehrplans graduiert. Der Versuch, reine Sport-Taekwondo-Vereine zu etablieren, scheiterte jedoch. Erfolgreiche britische Vereine folgen bis heute einem traditionellen Curriculum – ergänzt durch spezielle Wettkampfstunden.
Kampfkunst versus Kampfsport?
2018 bemerkte einer meiner Nicht-Sporttrainer nach einer Trainingseinheit, die Athleten seien „nur“ im Sport gut. Daraufhin führten Aaliyah Powell, Junioren-Weltmeisterin, und Alex Foster, Junioren-Europameister, eine perfekte Poomsae Koryo vor. 2024 kehrte Caden Cunningham, olympischer Silbermedaillengewinner und ehemaliger Quest-Athlet, für ein Olympiaseminar zurück. Am Ende demonstrierte er eine Version der Koryo – nicht turniertauglich, aber beeindruckend und auf Schwarzgurtniveau.
Ich denke, ich darf mit gewisser Autorität über Taekwondo als Kampfkunst und als Sport sprechen. Neben den Erfolgen meiner Schüler war ich auch Taekwondo-Manager bei den Olympischen Spielen 2012 in London.
Das Training in der Kampfkunst Taekwondo fördert grundlegende Lebenskompetenzen, verbessert Gesundheit, Fitness und Zufriedenheit – weit über das hinaus, was der reine Sport leisten kann.
Ist sportliches Taekwondo in einem realen Kampf effektiv? Was ist ein „realer Kampf“? Richtig ausgeführte Techniken sind höchst wirksam – der Ausgang eines Konflikts hängt jedoch von vielen Faktoren ab. Viele selbsternannte Taekwondo-Meister würden in einem echten Kampf eine bittere Lektion erhalten.
Ich habe es oft gesagt:
„Ich bin in erster Linie Schüler des Taekwondo. Ich bin Trainer, Ausbilder und Meister. Ich muss all das sein, um meiner Berufung gerecht zu werden.“
Taekwondo-Anhänger, die Sport-Taekwondo kritisieren, verstehen nicht, welche Vorteile dieser Bereich dem Taekwondo und letztendlich auch ihnen selbst gebracht hat. Sie erkennen nicht die Vorteile, den Nervenkitzel und die persönliche Entwicklung, die mit dem Wettkampf verbunden sind. Diejenigen, die nur diesen Sport ausüben, verweigern sich selbst eine umfassendere und bereichernde Lebenserfahrung.
Taekwondo ist koreanische Selbstverteidigungskunst und olympische Sportart. Ihre Wirksamkeit – in beiden Bereichen – hängt allein vom einzelnen Praktizierenden ab.
Der nächste Gesprächspunkt lautet: „Old School“ vs. „PSS-Generation“ – der Zustand des heutigen Taekwondo.
