Mike McKenzies Kolumne
Old School vs. PSS-Generation

In der neuesten Folge seiner Serie über kontroverse Themen im Taekwondo beschäftigt sich unser Autor Mike McKenzie mit einem Dauerbrenner-Thema: Der Einführung des Protector and Scoring Systems (PSS) und den Auswirkungen auf unseren Sport.
Ich bin 57 Jahre alt und darf mich daher zu Recht zur „Old School“ zählen. Dennoch bin ich im Jahr 2025 ein professioneller Taekwondo-Trainer. Mein Verein ist erfolgreicher denn je, und meine Sportler:innen sind aktiv und gewinnen Platzierungen im WT-Wettkampf. Auch wenn ich also nicht zur PSS-Generation gehöre, bin ich ein Teil von ihr – insbesondere als Coach.
Ich denke nicht, dass man einfach nur den Sportstil vergleichen kann. Die „Old School“ ist vielmehr eine Mentalität. Zwar steht heute das PSS im Mittelpunkt des Wettkampf-Taekwondo, aber auch kulturelle und gesellschaftliche Veränderungen sowie wissenschaftliche Entwicklungen spielen eine bedeutende Rolle.
Ich möchte im Folgenden lediglich meine persönlichen Meinungen und Beobachtungen aus eigener Erfahrung teilen.
Ich habe zu Beginn meiner Taekwondo-Laufbahn zweimal pro Woche trainiert, jede Einheit dauerte zwei Stunden. Zunächst gab es ein 15- bis 20-minütiges körperliches Aufwärmen, dann etwa zehn Minuten Dehnung. Viele der Übungen wären heute wohl fragwürdig. Zwei meiner Trainingskameraden mussten sich später – noch relativ jung – Knieoperationen unterziehen.
Wer eine Übung nicht richtig machte, wurde bestraft. Der Unterricht wurde mit militärischer Disziplin geführt – das war damals in der Gesellschaft nicht ungewöhnlich. Ich hatte gerade die Pfadfinderorganisation verlassen, in der es strenge Regeln, Uniformkontrollen und formelle Grüße gab. Auch in der Schule konnte Fehlverhalten mit dem Rohrstock geahndet werden.
Ich begann mit zehn Jahren zu trainieren. Damals waren die meisten Mitglieder Jugendliche und junge Männer. Später begannen mehr Mädchen zur Selbstverteidigung zu trainieren, und durch Familiengruppen kamen schließlich auch jüngere Kinder dazu.
Nach dem Aufwärmen und Dehnen folgten Grundstellungen, Block-, Schlag- und Stoßtechniken – auf und ab durch den Gemeindesaal in verschiedenen Stellungen. Danach kam Poomsae (damals Palgwe, oft mit sehr eigenwilliger Interpretation), anschließend Dreischritt-Sparring und zum Schluss das freie Sparring.
Gekämpft wurde ohne Schutzausrüstung. Für Anfänger galt eigentlich Kontaktverbot – was jedoch selten durchgesetzt wurde. Es gab nur wenige Brustschützer im Verein, die heutige Taekwondoin kaum wiedererkennen würden. Blutige Nasen und Lippen waren in fast jeder Trainingseinheit normal, manchmal kam es zu schlimmeren Verletzungen.
Gelegentlich wurde das Sparring durch Kyokpa – also das Zerschlagen von Brettern und Ziegeln – ersetzt. Viele Taekwondoin dieser Zeit, mich eingeschlossen, haben heute deformierte oder unförmige Knöchel. Gesundheits- und Sicherheitsfragen spielten keine Rolle, und selbst Minderjährige wurden zum Mitmachen ermutigt.
Nur wenige schafften es bis zum Schwarzgurt – diese waren dann aber durchweg körperlich stark und fit.
Mein Trainer fuhr einmal pro Woche zu seinem Trainer nach Doncaster. Für uns bestand das Training meist aus den zwei zweistündigen Einheiten. Ein Freund von mir gründete seinen eigenen Club, was mir ermöglichte, häufiger zu trainieren. Ich verbrachte mehr Zeit mit Unterrichten als mit eigenem Training. Als Kind war es mit begrenztem Geld und ohne Transportmöglichkeiten (meine Eltern arbeiteten beide) schwer, öfter zu trainieren.
Wir nahmen an etwa vier Wettkämpfen pro Jahr teil – drei lokale und die nationalen Meisterschaften. Alters-, Gewichts- und Leistungsklassen waren kaum standardisiert. Als Verein waren wir oft unvorbereitet und hatten Schwierigkeiten gegen engagiertere Clubs, von denen einige sogar in Europa unterwegs waren.
Mit 16 war ich total frustriert von meinem Verein, aber dem Taekwondo vollkommen verfallen. Ich half, einen Konkurrenzverein aufzubauen. Wir führten Dinge wie Pratzen ein, kauften eigene Schützer sowie die neu eingeführten Kopfschützer. Wir trugen nun Tiefschutz, Schienbein- und Armschützer und neue V-Ausschnitt-Doboks.
Auch das Trainingsformat änderte sich: Das Aufwärmen und Dehnen standen nun am Anfang, körperliches Konditionstraining wurde ans Ende der Stunde verlegt, gefolgt von einem Cool-down. Grundtechniken beschränkten sich auf Poomsae – kein endloses Auf-und-Ablaufen mehr (wir trainierten noch immer in einem Gemeindesaal). Kyokpa wurde weiterhin praktiziert, aber unter sichereren Bedingungen.
Ab 1988 arbeitete ich mit engagierteren Clubs zusammen, aber es reichte nicht, um für das GB-Team bei den Olympischen Spielen in Seoul berücksichtigt zu werden. Das war ein entscheidender Anstoß für mich, Taekwondo professionell zu unterrichten und Quest Taekwondo zu gründen.
Obwohl ich einiges richtig gemacht, Preise gewonnen und mit meinem Team Erfolge erzielt habe, kann ich nicht behaupten, dass ich alles richtig gemacht habe. Um ehrlich zu sein: Ich habe vieles falsch gemacht. Vor allem sexistisches und herablassendes Vokabular, das Lächerlichmachen von Schülern, übertriebene starke Treffer – sowohl als Strafe als auch im Sparring – und das Überschreiten von Grenzen, ohne andere Perspektiven zu respektieren. Ich war besser als viele Clubs – aber weit entfernt von dem, was ich heute als professionellen Unterricht erwarte.
Die Wettkampfregeln waren völlig anders: Das Kampffeld war zehn Meter breit mit einem Sicherheitsbereich von einem Meter. Es gab vier Eckkampfrichter und einen Hauptkampfrichter – alle werteten mit Papierzetteln. Der Referee sammelte die Zettel ein und ermittelte die Punkte nach jeder Runde. Jede Technik – Kick oder Schlag – zählte einen Punkt, sofern sie den Gegner ins Wanken brauchte. Drei Punkte im ganzen Kampf galten als hohe Wertung. Es gab 13 Kyongos (Verwarnungen) und etwa 10 Gamjeons – jedes mit einem eigenen Handzeichen. Die Bewertung war oft parteiisch und ungenau. Knock-outs waren häufig – und oft die einzige sichere Siegesmethode.
Hin und wieder änderten sich die Regeln: Das Feld wurde kleiner, Punktwerte änderten sich, elektronische Pads oder Handsteuerungen kamen hinzu. Ursprünglich dauerte ein Kampf 3 Runden à 3 Minuten, später wurde auf 3×2 Minuten reduziert.
Das war Old-School-Taekwondo: viel Hüpfen, um die richtige Trefferchance zu finden. Kicks und Schläge taten weh – zählten aber nicht immer. Mit der Änderung der Punktvergabe verringerte sich auch die notwendige Schlagkraft. Die Schutzausrüstung wurde stetig besser. Der olympische Status trieb viele dieser Veränderungen voran – und stand stets auf dem Spiel.
Taekwondo veränderte sich. Heute sind die meisten Teilnehmenden Kinder. 1996 fand in Barcelona die erste Junioren-WM statt, später folgten Kadetten-Weltmeisterschaften. Mit gesellschaftlichem Wandel änderte sich auch das Taekwondo-Training.
Die größten Veränderungen brachte die Einführung von IVR (Instant Video Review) und elektronischen Punktesystemen (anfangs „Electronic Body Pads“ genannt).
Ein Schlüsselmoment war Sarah Stevensons klarer Kopftreffer bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking, für den sie zunächst keine Punkte erhielt. Die Fernsehbilder zeigten eindeutig den Treffer, und nach einem Einspruch korrigierte das Supervisory Board die Entscheidung und gab ihr den Sieg. Dies führte zur Einführung des IVR und der Challenge Cards für Trainer. Die Regeln für deren Einsatz wurden seither vielfach überarbeitet.
1994 hatte die WT (damals WTF) angekündigt, PSS bis 2000 einzuführen – aber erst 2012 in London war das System wirklich einsatzbereit. Mit PSS-Kopfschützern, IVR und verringertem Kontakt zum Punktgewinn veränderte sich das Taekwondo grundlegend – technisch wie taktisch.
In dem Bestreben, fairer und transparenter zu werden, ist das heutige Taekwondo kaum wiederzuerkennen. Auch der Athletentyp hat sich verändert: Längere Beine, da „Fußfechten“ mit dem vorderen Bein im Fokus steht – so sind -58-kg-Kämpfer oft so groß wie -80-kg-Kämpfer. Besseres Gewichtsmanagement (wenn auch mit gesundheitlichen Risiken), bessere Betreuung durch Athletiktrainer, Physios und Sportpsychologen. Der Sport ist schneller geworden – technische oder taktische Fehler führen sofort zu Punktverlusten.
Der Sport hat sich stark verändert, die Technik ist oft Diskussionsthema – manche nennen Paris 2024 bereits die „IVR-Spiele“!
Was ist besser – Old School oder modernes Taekwondo? Meiner persönlichen Meinung nach hat sich Taekwondo weiterentwickelt – und das war nötig. Das Training ist sicherer und inklusiver. Der Sport ist keine Vollkontakt-Kampfsportart – auch wenn er es sein kann. Ich unterstütze das moderne Taekwondo mit PSS. Es ist längst nicht perfekt, aber es muss sich weiterentwickeln und verbessern.
Zum Schluss möchte ich noch sagen: Einige Vertreter der „Old School“ sind qualifiziert und haben berechtigte Kritikpunkte. Aber viele der lautesten Kritiker des modernen Taekwondo haben keinen echten Bezug zur „Old School“ und springen nur auf den Kritikwagen auf, weil sie im modernen Taekwondo nicht bestehen können. Die hätten auch in der Old School ordentlich auf die Mütze bekommen!
