Mike McKenzies Kolumne

Kinder im Taekwondo

Zur Person: Mike McKenzie

Michael McKenzie leitet einen der erfolgreichsten Vereine Großbritanniens. Er war unter anderem Sportmanager für Taekwondo bei den Olympischen Spielen 2012 in London und Vizepräsident von British Taekwondo. Seine langjährige und vielseitige Erfahrung bringt er immer wieder als Kommentator bei Taekwondo-Veranstaltungen ein.

Letzten Monat habe ich Leser und Follower dazu eingeladen, über die Faktoren zu diskutieren, die aus meiner Sicht für die nächste Entwicklungsphase im Taekwondo entscheidend sind. Das Thema „Die Mehrheit der Taekwondo-Praktizierenden weltweit sind Kinder“ hat die meisten Reaktionen hervorgerufen – damit möchte ich beginnen.

Ich erhebe keinen Anspruch auf formale Expertise in diesem Bereich, außer dass ich Vater und Großvater bin und seit 1988 professioneller Taekwondo-Lehrer. Ich selbst habe im Alter von zehn Jahren mit dem Training begonnen und habe viele gute wie schlechte Erinnerungen an diese Zeit. 1996 war ich Teammanager für Großbritannien bei den ersten Junioren-Weltmeisterschaften und habe Kadetten- und Junioren-Athleten trainiert, die bei EMs und WMs sehr erfolgreich waren. Auch wenn sie bei Events von Nationaltrainern betreut wurden, fand das meiste Training bei Quest Taekwondo statt. Dennoch werde ich Fragen stellen, die ich nicht beantworten kann.

Warum Taekwondo Kinder gut tut

Taekwondo kann dazu beitragen, Fettleibigkeit, Diabetes, Techniksucht und andere Erkrankungen sowie Depressionen und Suizid bei Jugendlichen zu verhindern – so formulierte es ein Trainer aus Kolumbien in den sozialen Medien.

Vor einigen Tagen saßen meine Frau und ich in einem Café, in dem zwei Mütter mit drei kleinen Kindern waren. Eines der Kinder, etwa zwei Jahre alt, begann laut zu schreien – es wirkte so verzweifelt, dass meine Frau, die Krankenschwester ist, überlegte einzugreifen. Doch bevor wir etwas sagen konnten, reichte die Mutter dem Kind ein Handy. Es wurde sofort ruhig, völlig gebannt von den bunten Bildern. Das ältere Kind starrte ebenfalls auf ein Mobilgerät. Die Mütter führten ihr Gespräch unbeirrt fort – offensichtlich ihr normales Verhalten. Alle waren übergewichtig. Das brachte mich auf das Thema Techniksucht. Sie existiert wirklich!

Kann Taekwondo Techniksucht stoppen? Nein – aber es kann helfen. Beim letzten Quest-Ferienclub durften Kinder ihre Geräte nur vor der ersten Aktivität und kurz nach dem Mittagessen benutzen. Früher griffen viele Kinder bei jeder Pause sofort zum Handy. Diese ständige Reizüberflutung kann zu Isolation und mangelnder Wahrnehmung führen. Körperliche Aktivität, Spiele und Kommunikation halfen, das zu durchbrechen.

Kann Taekwondo Fettleibigkeit stoppen? Nicht allein. Aber regelmäßige Bewegung in Kombination mit gesunder Ernährung kann viel bewirken.

Depressionen bei Kindern erlebe ich seit der Pandemie häufiger. Als Trainer können wir Teil eines Unterstützungsnetzwerks sein – aber keine Therapeuten. Wir dürfen nicht versuchen, Kinder allein zu „heilen“, sondern können ihnen Struktur, Fokus und Ziele geben. Taekwondo vermittelt Disziplin, Selbstkontrolle und Zielstrebigkeit. Der Verein kann Zugehörigkeit und Identität schaffen. Als Trainer können wir autoritär, aber zugleich freundlich und verlässlich sein.

Mein Vater erzählte mir einmal von seinem Vater. Als Kind hatte er Angst vor ihm, später wurde daraus Groll, dann Respekt, Bewunderung – und schließlich Liebe. Diese Entwicklung dauerte sein ganzes Leben. Er bedauerte, dass er seinen Vater nicht früher verstanden hatte – und wurde selbst ein liebevoller Vater.

Dieses Gespräch hat mich bewegt.  Ist es gut, wenn Kinder ein wenig Ehrfurcht vor einem Lehrer haben? Vielleicht. Aber sie sollen uns vor allem vertrauen und sich sicher fühlen.

Ein interessanter Beitrag einer Taekwondo-Schule in den USA – Elite Fire Taekwondo – in en sozialen Medien stellte infrage, ob man drei- bis sechs jährige Kinder fragen sollte, ob sie Taekwondo „mögen“, ausüben oder wieder teilnehmen möchten. Denn kleine Kinder würden bei solchen Fragen oft zögern oder verneinen. Man würde ein Kind in diesem Alter auch nicht entscheiden lassen, ob es sich gesund ernähren oder für die Schule aufstehen möchte, ob es sich die Zähne putzen soll usw. Natürlich soll das Kind Freude an der Aktivität haben, aber ein Teil von Erziehung ist es, zu wissen, was gut für das Kind ist.

Ich denke, die meisten Menschen würden zustimmen, dass Taekwondo gut für Kinder ist, da es eine gute körperliche Aktivität ist, die geistig anregend ist und Lebenskompetenzen und Belastbarkeit fördert.

Wo Taekwondo für Kinder problematisch ist

Zwei Stimmen, die anonym bleiben möchten, äußerten Bedenken hinsichtlich möglicher Risiken für Kinder im Taekwondo. Zum einen wurde das Risiko einer Gehirnerschütterung oder schwerer Verletzungen thematisiert, insbesondere durch Vollkontakt-Kopftreffer, die im Wettkampftraining geübt werden. Zum anderen wurde auf die gesundheitlichen Gefahren hingewiesen, die mit der Gewichtsreduktion in einer gewichtsklassenbasierten Sportart einhergehen können.

Ich stellte kürzlich auf Facebook die Frage: „Sollte ein Kopftreffer gewertet werden, wenn der Getroffene ihn gar nicht bemerkt?“ Anlass war ein Kadettenkampf, den ich bei einem europäischen G/E-Turnier gesehen hatte. Nur drei Stunden zuvor hatte ich in meinem Club Kinder, Kadetten, Junioren und Senioren im unterrichtet und ermutigt, zum Kopf zu zielen – mit voller Schutzausrüstung und meist leichtem Kontakt. Aber ist das bei Kindern und Jugendlichen wirklich vertretbar?

Ein weiteres Beispiel: Ein männlicher Kadett in meinem Verein, 33 kg, sehr diszipliniert, trainiert fünf- bis sechsmal pro Woche und ernährt sich gesund. Er steht an der Spitze seiner Gewichtsklasse und ist sehr schlank und muskulös. Dennoch sind die meisten seiner Gegner größer, einige sogar sehr deutlich größer. Ich habe deshalb keine Zweifel daran, dass viele Kadetten unter Aufsicht von Trainern und Eltern Fasten und Dehydrierung praktizieren, um Gewicht zu machen. In jedem anderen Kontext wäre das Kindesmissbrauch. Es kann zu Essstörungen oder Körperdysmorphie führen. Sollten Kinder wirklich an solchen Sportarten teilnehmen, wenn Erwachsene bereit sind, ungesunde Praktiken zu fördern?

Als Trainer und Ausbilder haben wir eine Fürsorgepflicht gegenüber den Kindern, für die wir verantwortlich sind. „Stellvertretend für die Eltern“ müssen wir in erster Linie das tun, was für das Kind am besten ist, und Verantwortung für seine Gesundheit und sein Wohlergehen übernehmen.

Mikes Fazit

Ich bin persönlich fest davon überzeugt, dass Taekwondo für jedes Kind das Beste ist. Ich glaube, dass sie durch das Taekwondo-Training glücklicher, gesünder und erfüllter werden und dass sie, egal wie lange ihre Taekwondo-Reise dauert, einige Lektionen fürs Leben daraus ziehen werden und hoffentlich auch einige gute Erinnerungen.

Das Thema ist noch lange nicht erschöpft – wir bleiben dran!