Das Leben für den Nervenkitzel riskieren

Sie haben vielleicht schon einmal den Begriff „Extremsport“ gehört. Er beschreibt Sportarten, in denen Menschen sich bewusst in gefährliche Situationen begeben und aus dem Überwinden dieser Herausforderungen Nervenkitzel und ein Gefühl der Leistung ziehen. Inzwischen hat sich dieses Phänomen jedoch auf die breite Öffentlichkeit ausgeweitet. Wir sehen mit Sorge, dass einige Menschen hochriskante Aktivitäten an unterschiedlichsten Orten ausüben – und andere sie nachahmen.

Besonders im Blick habe ich das Sitzen oder Balancieren an den Kanten hoher Gebäude oder Klippen – ohne Sicherung. Menschen laufen an den Vorsprüngen von Hochhäusern entlang, manche hängen sogar daran. Ein Abrutschen, und sie stürzen in den Tod. Tatsächlich kommt es immer wieder zu solchen Unfällen. Vor einigen Tagen hat mich ein Video schockiert: Eine Person fährt mit dem Fahrrad direkt am Rand einer Klippe entlang – ein falscher Ruck am Lenker, und ein Sturz aus hunderten Metern Höhe wäre unvermeidlich. Die Helmkamera, die das Geschehen aus Fahrersicht zeigte, machte das Video noch beklemmender.

Immer wieder verunglücken Menschen tödlich, weil sie Fotos oder Videos aufnehmen, während sie an Felskanten oder Gebäudekanten hängen. In New York surfen Jugendliche sogar auf fahrenden U-Bahn-Zügen, filmen sich dabei und posten dies in sozialen Medien. Das hat sich zu einer Challenge entwickelt: 2019 wurden 490 solcher Vorfälle registriert, 2022 bereits 928, und allein im letzten Jahr starben fünf Menschen.

Gefährliche Trends und die Suche nach Anerkennung

Viele dieser Unfälle passieren, weil Menschen sogenannte „Life Shots“ – besonders spektakuläre Selfies – machen wollen. Allen gemeinsam ist, dass sie Freude daran haben, ihre Aktionen online zu teilen und dafür Likes und Kommentare zu bekommen. Dies nennt man sozialen hedonischen Anreiz, einen Instinkt, der bis in die Jäger-und-Sammler-Zeit zurückreicht.

Würden diese Menschen dasselbe tun, wenn niemand sie sehen oder loben würde? Ich glaube nicht. Diese Handlungen geschehen eindeutig, um gesehen zu werden.

Einige argumentieren, es gehe ihnen um Selbstverwirklichung oder persönliche Zufriedenheit. Doch wäre das wirklich so, müsste niemand von ihren Aktionen erfahren. Und selbst dann bleibt die Frage: Ist es den Preis wert?

Warum sollte Selbstverwirklichung lebensgefährlich sein? In diesem Phänomen sehe ich zwei Bewusstseinsformen.

Die erste ist das Verlangen nach Anerkennung. Dieses Verlangen kann Ehrgeiz und Gier erzeugen und Menschen dazu bringen, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Natürlich ist Anerkennung schön – doch man sollte sich fragen, ob sie es wert ist, dafür Risiken einzugehen. Hier kommen wir zur Bedeutung des Selbstwertes.

Die zweite Bewusstseinsform ist die Haltung: „Mein Körper und mein Leben gehören mir, ich entscheide allein.“ Diese Einstellung kann leicht dazu führen, dass Menschen rücksichtslos mit sich umgehen – bis hin zu Alkohol-, Nikotin- oder Drogenmissbrauch.

Doch mein Leben gehört nie nur mir allein. Ich habe Eltern, Geschwister und Freunde, die mich lieben. Mein Leben existiert nicht isoliert. Es wird getragen von Fürsorge, Opferbereitschaft und Zuneigung vieler Menschen.

Selbstwert, Verantwortung – und die Lehre des Il-Yo

Anerkennung ist wichtig – aber niemals so wichtig, dass man dafür sein Leben riskiert. Der Wert meiner Existenz steht an erster Stelle. Ich bin verbunden mit allen, die mich lieben. Und letztlich sind alle Menschen miteinander verbunden.

Das „Il-Yo“ der Taekwondo-Poomsae „Il-Yo“ steht nicht nur für die Einheit von Körper und Geist, sondern auch für die Einsicht: „Du und ich sind nicht verschieden.“ Dieser Gedanke leitet sich vom Ausdruck „Bum-A Il-Yo“ ab, der bedeutet, dass alles miteinander verbunden ist.

Zu erkennen, dass du und ich ohne Trennung als Eins existieren, ist „Il-Yo“. Vielleicht ist dies ein Gedanke, den moderne Menschen – geprägt von Individualismus und der Haltung „Ich bin Herr über mein Leben“ – neu bedenken sollten.

 

Zum Autor:

Meister Jeong In-choul

  1. Dan Kukkiwon | 8. Dan Ohdokwan

Ehemaliger Professor für Taekwondo-Philosophie (Kukkiwon/WTA)

Präsident der World Combative Taekwondo Union

Buchautor: The Spirit of Taekwondo, Smart and Practical Self

Defense u. a.

Internationale Lehrtätigkeit in Europa, Asien und Nordamerika

Forschungsschwerpunkte: Taekwondo und konfuzianische Ethik

Website: www.combativetaekwondo.com

YouTube: Master Jeong’s Taekwondo